Bauers Depeschen


Dienstag, 18. Dezember 2018, 2047. Depesche


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LIEBE GÄSTE,

für den Flaneursalon am Sonntag, 30. Dezember, im Bix Jazzclub muss ich eine Besetzungsänderung vornehmen: Eric Gauthier hat kurzfristig abgesagt, weil er aus familiären Gründen dringend in seine Heimat Kanada reisen muss. Für ihn spielt jetzt Loisach Marci - das alpine Folk-Feuerwerk mir Marcel Engler und Erics Gitarrist Jens-Peter-Abele. Außerdem dabei: die amerikanische Sängerin Eva Leticia Padilla und ihr Gitarrist Stefan Brixel sowie der Freestyle-Rapper Toba Borke und der Beatboxer Pheel. Es gibt noch Karten für sogenannte Stehplättze, für die allerdings Stühle (ohne Tische) bereit stehen: BIX JAZZCLUB



BÜCHER ZU WEIHNACHTEN

Signierte Exemplare meines neuen Buchs gibt es vor Weihnachten auf vielfachen Wunsch im Stiefelladen Boots by Boots an der Ecke Gerber-/Christophstraße - und eine Handvoll auch bei Ratzer Records in der Hauptstätter Str. 154 am Marienplatz. Nicht mit meinem Gekritzel entwertete Bücher erhält man in Buchhandlungen, solange es die noch gibt. Geht hinaus in den feuchten Staub von Stuttgart und holt euch die Dinger.



Hört die Signale!

DAS LIED ZUM TAG



StN-Kolumne

DER GROSSE SWINGBOY

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ lese ich nicht so oft, weil die Zeit als kostbarste Ressource unseres Daseins nur noch bedingt zum Lesen dicker Wochenzeitungen reicht. Auf dem Titelbild der jüngsten Ausgabe sieht man ein Paar weiße Turnschuhe, die lichterloh brennen. Vermutlich symbolisieren die Flammen die Eskalation der viel zitierten qualmenden Socken. Die Schlagzeile neben dem Brandbild beschwört eine der größten Bedrohungen unseres Lebens: „Fluch der Geschwindigkeit“. Es geht um das rasant zunehmende Tempo der Welt.

Der Aufsatz zur Illustration beschreibt verschiedene „Wege, damit fertig zu werden“, vergisst aber den ersten und wichtigsten Schritt zur Entschleunigung: Bereits der Umstieg von flachen, weißen Turnschuhen in hochhackige, schön gemusterte Cowboystiefel würde dem Menschen einen humaneren Lebensrhythmus verschaffen. Nach diesem Schuhtausch fühlst du dich, als schwebtest du aus dem nächtlichen Magengrubengewitter elektronischer Tanzmusik in den Morgentau eines sanften Swing.

Die Nazis hassten Swing. Die berauschende Leichtigkeit dieser Art Jazz widersprach ihrem Stechschritt in Armeestiefeln, diesen widerlichen, schwarzen Lederrohren zur Unterdrückung und Vernichtung der Menschen. Im neu eröffneten Lern- und Gedenkort Hotel Silber, der ehemaligen Stuttgarter Folter- und Mordzentrale der Gestapo am Charlottenplatz, gab es kürzlich einen Swing-Abend mit einer Gipsy-Jazz-Band und einem DJ unter dem Motto „Let’s have a Ball“. Prompt witterten historisch unbeleckte Zeitgenossen eine pietät­lose Party am Ort des Grauens.

Gelassener geht man in der Öffentlichkeit damit um, dass im Hotel Silber neben der Ausstellung über den Nazi-Terror Räume von Breuninger untergebracht sind: Büros einer Firma, die einst unter der Leitung des NS-Funktionärs Alfred Breuninger von Zwangsarbeitern Wehrmachtsuniformen und Sträflingskleidung fertigen ließ.

In der Nazi-Diktatur trafen sich in deutschen Städten mutige junge Menschen in Swing-Clubs, um mit schrägen Klamotten und originellen Frisuren gegen den faschistischen Ungeist zu rebellieren. Anlässlich des 80. Jahrestags der Reichspogromnacht am 9. November beschäftigte ich mich kürzlich mit der Zerstörung der Cannstatter Synagoge durch die Nazis unter tatkräftiger Mithilfe der Stuttgarter Feuerwehr. Dazu las ich in Jürgen Hagels Buch „Cannstatt und seine Geschichte“ und stieß im Kapitel über den Widerstand auf einen Swing-Club: 17 Jungen und vier Mädchen, die Jazz hörten, wurden 1943 in Cannstatt von NS-Schergen aufgespürt, verhört und bestraft.

Hart traf es auch einen leidenschaftlichen Swingboy aus dem Norden, der als 18-jähriger Zivilcourage bewies. In amerikanischer Mode gekleidet, hörte er Jazz und las in der Hamburger Öffentlichkeit die „Washington Post“, die er sich bei US-Diplomaten besorgte. 1942 sperrten ihn die Nazis wegen „Anglophilie“ fünf Monate ins KZ Fuhlsbüttel; SS-Chef Himmler wollte die Swing-Fans mit ihrem Hang zur amerikanischen Kultur „radikal ausrotten“. Später wurde der Junge unter seinem Künstlernamen K. R. H. Sonderborg international als große, schillernde Persönlichkeit verehrt. Von 1965 bis 1990 war er in Stuttgart Professor für Malerei an der Staatlichen Akademie der Künste auf dem Weißenhof.

Das Kürzel K. R. H. bezieht sich auf seinen Taufnamen Kurt Rudolf Hoffmann. Sonderborg nannte er sich seit Anfang der Fünfzigerjahre nach seinem dänischen Geburtsort. Nach dem Krieg reiste der Künstler K. R. H. Sonderborg, von Geburt an einarmig, durch die Welt. Er arbeitete in Rom, Paris, Cornwall, New York, Chicago, regelmäßig in Hamburg – und in Stuttgart. Als einer der bedeutendsten Vertreter des Informel und des Action-Painting pflegte er einen sehr individuellen, unverkennbaren Stil. Gelegentlich sah man diesen quicklebendigen Geist mit Studierenden auf Stuttgarts Straßen in Aktion.

Ich erinnere mich, wie ich einmal versuchte, mich mit ihm zu einem Interview zu verabreden. Am Telefon erklärte er mir mit viel Witz, dass es ihm unmöglich sei, ein Treffen zu vereinbaren: Leider sei er zeit seines Lebens nie fähig gewesen, einen Terminkalender zu führen. Da es ihm auch völlig unmöglich sei, sich an Termine zu erinnern, sei ein Gespräch nur vorstellbar, wenn man ihm zufällig begegne. Dem Zufall konnte nachgeholfen werden: Die Zahl der Stuttgarter Bars war zu seiner Zeit ziemlich überschaubar.

Im Grunde blieb K. R. H. Sonderborg für immer ein Swingboy. Er zog durch Kneipen und Jazzclubs, in der Szene bewundert als charismatischer Mann mit gutem Humor. Nach meinem Eindruck ist er in Stuttgart jedoch nie so berühmt geworden, wie es seine Einzigartigkeit als Mensch und Maler vermuten ließe. Am 18. Februar 2008 starb er mit 84 Jahren in Hamburg.

Immer wenn heute vom Swing die Rede ist, erinnere ich mich an ihn, den „Meister der Schwarzmalerei“ mit seinen großstädtisch-abstrakten Motiven in Schwarz-weiß. Heute haben wir wieder guten Grund, das Swing-Gefühl zu schätzen, als Schutz gegen das Gepolter der Rechten. Der beschwingte Schritt hin zu einer weltoffener Kultur ist auch ein gutes Mittel gegen das Tempo unserer Zeit.

 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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