Bauers Depeschen


Samstag, 01. Dezember 2018, 2040. Depesche


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An diesem Samstag: OFFENES FORUM GEGEN RECHTS - Workshops, Austausch im Württembergischen Kunstverein. Ab 14 Uhr. Öffentlich.



Für die zweite Show der NACHT DER LIEDER am Donnerstag, 6. Dezember, im Theaterhaus (19.30 Uhr) wurden jetzt noch einige Karten freigegeben. Rasch zugreifen. Telefon: 0711/4020720



30. DEZEMBER: FLANEURSALON IM BIX

Auf Einladung - und weil die Jubiläumsshow im Sieglehaus frühzeitig ausverkauft war - machen wir jetzt noch einen Flaneursalon im BIX Jazzclub. In diesen Räumen hat vor 20 Jahren alles angefangen, dort fand meine erste kleine Leseshow statt. Terminim BIX: Sonntag, 30. Dezember, 20.30 Uhr. Mit Eric Gauthier & Jens-Peter Abele, Eva Leticia Padilla, Toba und Pheel. Karten sind kleine Weihnachtsgeschenke - und die gibt es hier: BIX JAZZCLUB



Hört die Signale!

DAS LIED ZUM TAG



Aus den Beständen:

DER FURZ AUS VARAMIN

Etliche Weihnachtstage in meinem Leben habe ich aus nächster Nähe und bei durchaus klarem Verstand erlebt, dennoch ist mir nie eine gute Weihnachtsgeschichte eingefallen. Weder nach noch vor Weihnachten. Auch hat mir nie jemand eine Weihnachtsgeschichte geschenkt. Es ist schwer, selber eine gute Weihnachtsgeschichte zu finden, und noch schwieriger, eine aufzuschreiben, die länger hält als ein abgesägter Tannenbaum.

Es regnet in Strömen nachts um halb zwölf, als ich im Westen der Stadt in Begleitung einer Dame von der Rötestraße aus die Reinsburgstraße hinaufgehe. Ich gehe in guten Stiefeln mit hohen schrägen Absätzen und dünnen Ledersohlen, und ich erzähle Ihnen das, weil man in guten Stiefeln mit Ledersohlen ein anderes Gefühl für eine Straße hat als in Schnürschuhen oder Sandalen.

„In meinem ganzen Leben ist mir nie eine Weihnachtsgeschichte eingefallen“, sage ich zu der Dame. „Dann denkst du falsch über Weihnachten, du hast einen falschen Ansatz. Das wahre Weihnachten, das Motiv jeder Weihnachtsgeschichte ist die Weihnachtserwartung“, sagt sie. „Das ist mir zu hoch“, sagt ich. „Ganz einfach“, sagt die Dame, „Weihnachten selbst ist bei Weitem nicht so weihnachtlich wie die Weihnachtserwartung der Leute.“

Unsinn, denke ich. Weihnachten ist, wenn Bob Dylan mit seiner Eisenfresserstimme singt: „I'll Be Home For Christmas". Eine gute Weihnachtsgeschichte erzählt vom Leben wie ein guter Song, und sie trägt einen Titel wie die Weihnachtsgeschichte von Franz Dobler: „Heimat ist da, wo man sich aufhängt.“

Unterwegs in der dunklen, verregneten Reinsburgstraße lässt sich durch die dünnen Ledersohlen hindurch spüren, dass in dieser Straße früher das Leben war. Die Straße ist für Stuttgarter Verhältnisse außerordentlich lang, ihr Charakter ausschweifend, und die Architektur der Häuser erzählt einem in einer verregneten Dezembernacht von einer vergangenen Würde und Schönheit.

Erst seit 1854 heißt sie Reinsburgstraße, früher lebte hier der Adel. Es gab stattliche Geschäftsgebäude und erheblich mehr Cafés, Restaurants und Vergnügungsläden als heute.Friedrich Schiller hat im Hofküchengarten, in der nahen Augustenstraße, an „Wallensteins Tod“ gearbeitet und in diesem Werk schon Ende des 18. Jahrhunderts alles über die Haltung der Leute im Rathaus von heute vorhergesagt: „Ich hab’ hier bloß ein Amt und keine Meinung.“

In der Reinsburgstraße wohnten nach dem Zweiten Weltkrieg Juden und Arbeiter aus Polen und der Sowjetunion, von den Nazis verschleppte Menschen. Die Amerikaner führten sie unter der Bezeichnung „Displaced Persons“, entwurzelte, geschundene Menschen, die nicht ohne Hilfe in ihre Heimat zurückkehren konnten.

Nach dem Krieg blühte in der Reinsburgstraße der Schwarzhandel; gegen das Glied einer goldenen Uhrkette oder für 250 Mark konnte man ein halbes Pfund Kaffee oder ein Pfund Butter kaufen. Am 29. März 1946 stürmten deutsche Polizisten auf der Suche nach Schwarzmarktware und Diebesgut die Häuser. Es kam zu einem Kampf, und ein Polizist schoss den Juden Zmuslek Danziger in den Kopf. Zmuslek Danziger, gerade erst auf der Suche nach der Heimat zu seiner Familie nach Stuttgart zurückgekehrt, war tot. Die US-Militärs verboten daraufhin den deutschen Polizisten, je wieder das Gelände allein zu betreten, und diese Geschichte ist keine Weihnachtsgeschichte.

Ich weiß nicht sehr viel über die Reinsburgstraße. Lange habe ich nicht mal gewusst, dass die Karlshöhe bis 1889 Reinsburghügel hieß, auch war mir nicht bekannt, dass Eduard Mörike von August 1871 bis September 1873 im Haus Nummer 67 wohnte. Es gäbe noch viel zu erzählen. Aber ich wollte in der Reinsburgstraße ja nur ein paar Meter in diese mysteriöse Weihnachtserwartung hineinstiefeln, von der die Dame gesprochen hatte.

Bei Dunkelheit wirken manche Straßen, als hätte man sie erst vor kurzem ausgegraben, als gehörten sie noch nicht in die Gegenwart. Ähnlich gestaltet sich für viele Leute Weihnachten. Ihre Weihnachtserwartungen sind geprägt von den alten Geschichten. Man gräbt Erinnerungen aus und duckt sich im Kerzenlicht eines Tannenbaums für ein paar Stunden weg aus der Gegenwart.

Vielleicht aber ist es gar nicht wahr, was ich sage. Viele alte Geschichten sind zeitlos wie Märchen. Einige Tage vor Weihnachten 2012, zweihundert Jahre nach dem Erscheinen von Grimms Märchen, habe ich in einem Buch mit persischen Märchen geblättert. Es lag in einem Schnäppchenkorb vor dem Kiosk im Königsbau. Persische Märchen sind bei uns nicht so gefragt wie die Märchen der Brüder Grimm. Sie tragen dafür berührende Titel. Eines heißt „Gänsesuppe mit Hindernissen“, eine andere „Bohlul und die eisenfressenden Mäuse“, und die schönste liest man unter der Überschrift „Der Furz aus Varamin“. Davon wollte ich der Dame nichts erzählen, obwohl ich damit im aufkommenden feuchten Winterwind ihre Weihnachtserwartungen vielleicht erfüllt hätte. Oft beginnen die persischen Geschichten wie Grimms Märchen mit „Es war einmal“, häufig aber auch mit den Worten: „Einer war, einer war nicht“.

Ich werde an Weihnachten die Rolle des "Einer war nicht" übernehmen. Womöglich war nichts, und es war Weihnachten.

Falls Sie, verehrtes Publikum, noch immer eine Weihnachtsgeschichte von mir erwarten, dann sage ich Ihnen in aller Freundschaf: Mir schenkt auch keiner was.







 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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