Bauers Depeschen


Donnerstag, 22. November 2018, 2035. Depesche


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STREIKBRECHER-BELOHNUNG

Nachdem ich am Mittwoch bei unserer gemeinsamen Streikversammlung von Stuttgarter Druckern und Journalisten erfahren habe, dass Streikbrecher in der Redaktion zuvor vom Arbeitgeber pro Kopf 1000 € Prämie kassiert haben, fordere ich Beteiligung: Ohne die Streikenden keine Streikbrecher-Belohnung. Wie erbärmlich ist das alles, anno 2018. Was für ein Bewusstsein. Schmutzige Kohle statt Solidarität. Mit dieser Haltung wird berichtet und kommentiert.



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StN-Kolumne vom 17. 12.

MITTELSCHICHT

Es war schon dunkel, als ich an den Schaufenstern des Breuninger-Viertels entlangspazierte und überlegte, ob ich mir eine Uhr von Rolex oder Breitling kaufen sollte. Ich war mir nicht sicher. Neulich musste eine Politikerin aus der sozialdemokratischen Mittelschicht Beschimpfungen erdulden, weil sie mit einem lustigen Rolex-Propellerchen am Handgelenk erwischt wurde.

Niemand weiß genau, worum es sich bei unserer sogenannten Mittelschicht handelt. Die Definitionen sind vage. Zur Mittelschicht bei uns darf sich angeblich schon zählen, wer 1400 Euro netto verdient, sich dafür in der Stadt zwar keine WG-Zimmer mieten, aber mit etwas Glück ein Fahrradschloss kaufen kann.

Der Begriff Mittelschicht wurde erfunden, um Lohnabhängigen weiszumachen, es gebe keine Klassen mehr – schon gar keine Arbeiterklasse, wie das Karl Marx genannt hat. Kämen Schneider und Schreiberlinge, Digitalingenieure und Discounterkassiererinnen zur klassenbewussten Überzeugung, sie säßen alle im selben Boot und ruderten unter den gleichen miesen Bedingungen, griffen sie womöglich zur nächstbesten Mistgabel, um die Revolution auszurufen. Was dabei herauskäme, wissen wir. Heute haben wir in Stuttgart nicht mal mehr einen König. Sondern Kretschmann.

Zum Glück gibt es Politiker wie Friedrich Merz, einen treuen schwarzen Männerbundkumpel unserer schwäbischen Mittelmaßgrößen Oettinger und Wissmann. Wenn Herr Merz jetzt die deutsche Kanzlerschaft anstrebt, hat er gute Gründe: Zurzeit muss er sich als Lobbyist mit unzähligen Aufsichtsratsknechtschaften über Wasser halten. Da mag er zwar mehr als 1400 netto pro Vollmond verdienen. Als Besitzer zweier sehr kleiner Flugzeuge aber wird er sich vergleichsweise fühlen wie ein Hartz-IV-Empfänger in unserem schönen Land. Schon jeder halbwegs berühmte Popmusikant bei uns landet mit seinem Privatjet vor dem Stadion, bevor er im Hubschrauber mit einem Lamborghini im Laderaum ans Entmüdungsbecken seines Fünfsternehotels geflogen wird.

Dumme Witze und Klagen über Reiche gibt es nur bei uns. Wir nennen das den Sozialneid verbiesterter Verlierer, die im Kapitalismus an der lächerlichen Übung gescheitert sind, von der Nachtschicht im Altenheim zum Mittelschichtsmillionär am Aktienmarkt aufzusteigen. Manche sind nicht mal fähig, als Geisteswissenschaftler ihr Brot mit Saunaaufgüssen zu verdienen.

„Sozialneid“ ist eine durch und durch asoziale Eigenschaft und schon deshalb ein übler Begriff, weil ich gar nicht weiß, worum man unseren Friedrich beneiden könnte. Kürzlich hat er sich in „Bild“ untertänigst der „gehobenen Mittelschicht“ zugeordnet. Rein monetär kann das nur heißen, dass er etwas mehr Trinkgeld kassiert als ein Kaffeeautomatendrücker bei Starbucks. Schon deshalb jedoch dürfte er unter dem Stress leiden, sein Privatvermögen Blackrock anvertrauen zu müssen, einem Billionenunternehmen, für das er trotz seiner vielen anderen Jobs sogar noch selbst Hand anlegen muss. Ich muss doch sehr bitten: Dass Menschen aus Überlebensgründen mehrere Jobs gleichzeitig erledigen müssen, kannten wir früher nur aus den USA. Wenn sich heute bei uns ein Polizist als Feierabendbulle in privaten Sheriff-Trupps verdingen muss, um seine Familie durchzubringen, hat er als Angehöriger unserer Mittelschicht ziemlich viel falsch gemacht. So wie die Verkäuferin, die nebenbei Fleischklopse bei McDonald's brät, weil es ihres Privatfliegers wegen nicht mehr zum Schulranzen für ihren Kleinen reicht. Noch weniger ist nachvollziehbar, warum etwa ein Mann, der 45 Jahre lang in der Reinigungsbranche gearbeitet hat, als Rentner Flaschensammeln am Straßenrand zu seinem Hobby macht, wo er doch als Mittelschichtler sein Leben lang in Champagner gebadet hat.

Trotz alledem gibt es Sozialschmarotzer, die Herrn Merz nicht nur seine vielen Arbeitsplätze, sondern auch noch seine Einnahmen vorwerfen. Als ob es so schwer wäre, zu verstehen, dass es mit nur einer Beschäftigung undenkbar ist, sich ein Zweitflugzeug zu leisten, um angesichts unserer unfähigen Verkehrspolitiker als Malocher zügiger von A nach B zu kommen. Jeder weiß, dass es heute beispielsweise in Stuttgart unmöglich ist, es mit der S-Bahn pünktlich ins Büro zu schaffen.

Neidhammel unterstellen Merz, er gehöre nicht zur gehobenen Mittelschicht, sondern zur abgehobenen Mitallenmittelnschicht. Das ist unterste Schublade. In Wahrheit weiß er vor lauter verantwortungsvoller Schweißarbeit im aufopferungsvollen Dienst der neoliberalen Netzwerke nicht mehr, wo vorne und hinten ist – zu schweigen von oben und unten.

Viel mehr als Merz hat bei Blackrock vermutlich Donald Trump gebunkert. Kein Ami aber käme auf die Idee, ihm seine zum Wohl der Menschheit erschuftete Kohle zu missgönnen. Wir Übersatten in unserem komfortablen Deutschland müssen endlich einsehen: Von nix kommt nix! Wer nichts leisten will, gehört zu Recht zur Erhobenen-Mittelfinger-Schicht. Und wer sich vor anständiger Arbeit drückt, um für seine pausenlosen All-inclusive-Ferien einen Billigflieger nach dem anderen zu buchen, muss halt schauen, wo er landet. Auf Dauer käme ihn ein eigenes Flugzeug billiger.

Ich holte mir dann doch eine Rolex und hob ab durch die Mitte nach Hause.

 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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