Bauers Depeschen


Samstag, 10. November 2018, 2029. Depesche


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MORGEN, DIENSTAG: EIN ABEND MIT BERND RIEXINGER

An diesem Dienstag stellt Bernd Riexinger im Linken Zentrum Lilo Herrmann, Böblinger Straße 105, sein Buch „Neue Klassenpolitik“ vor. Unsereins plaudert bei dieser Gelegenheit mit ihm. Beginn 19 Uhr.



OFFENES FORUM -

WORKSHOPS GEGEN RECHTS

Unser 2. Offenes Forum in Stuttgart findet statt am Samstag, 1. Dezember 2018, von 14 Uhr bis ca 17 Uhr im Württembergischen Kunstverein am Schlossplatz. In drei Workshops/Arbeitsgruppen geht es um die Themen "Umgang, Konfrontation mit Rechten im Alltag", "Protestformen", "Strategien gegen Rechts“. Referate halten u. a. Jonas Weber von der Initiative Stammtischkämpfer*innen, der Arzt und Aktivist Dr. Michael Wilk, der Schriftsteller Wolfgang Schorlau und eine Aktivistin von Stuttgart gegen Rechts. - Unterstützt von Rosa-Luxemburg-Stiftung, Die Anstifter, Aktionsbündnis Stuttgart gegen Rechts, ver.di u. a.

>> Und hier kann man sich ANMELDEN: (für den besseren Überblick): offenesforum@posteo.de



FLANEURSALON IM SCHLESINGER

Der letzte Flaneursalon des Jahres: Stefan Hiss, Eva Leticia Padilla und ihr Gitarrist spielen/singen ihre Lieder - und auch hinreißende Duette. Unsereins liest kleine Geschichten. Durch den Abend führt der Wortartist Timo Brunke. Am Dienstag, 11. Dezember, im schönen Gasthaus Schlesinger Int. Und dann ist Weihnachten. (Reservierungen nur im Lokal)



Hört die Signale!

DAS LIED ZUM TAG



REDE bei der Gedenkfeier am Platz der zerstörten Synagoge in Cannstatt zum 80. Jahrestag der Pogromnacht:

GUTEN ABEND, MEINE DAMEN UND HERREN,

der 9. November, liebe Freundinnen und Freunde, ist ein Datum, das speziell in diesem Jahr in der Erinnerungskultur eine große Rolle spielt. Heute vor hundert Jahren ereignete sich die deutsche Revolution: In Stuttgart beispielsweise wurde auf eher sanftem Weg der König abgesetzt. 20 Jahre später, am 9. November 1938, griffen Deutsche ihre jüdischen Mitbürgerinnen und Bürger an. Ein von den Nazis organisiertes Verbrechen, das den Völkermord, den Holocaust einleitete.

Wir müssen uns hüten, solche Kapitel unserer Geschichte aufgrund eines Jubiläumsdatums pflichtschuldig abzuhandeln. Heute Abend stehen wir mit Respekt an einem Ort, der auch ohne historisches Datum auf uns wirken sollte. Es gibt eine Psychologie von Orten. Orte erzählen uns, wer vor uns da war, was vor unserer Zeit geschehen ist – wenn die Orte entsprechend gestaltet sind. Ob an diesem Platz hier, an dem die Nazis am 9. November 1938 die Synagoge zerstörten, die Vergangenheit gegenwärtig wird, kann jede und jeder von uns nur für sich beurteilen. Dieses Gelände wurde von einer Schule gestaltet. Ich war schon einige Male hier. Nirgendwo, weder auf dem Gedenkstein noch an den Erinnerungstafeln auf dem Parkplatz, habe ich die Begriffe Nazis oder NSDAP gefunden. Auf dem Gedenkstein der Stadt von 1961 ist von „der Zeit einer gottlosen Gewaltherrschaft“ und vom „Ungeist des Hasses und der Verfolgung“ die Rede. Wer diesen Hass verbreitet, wer Millionen Menschen ermordet hat, wird nicht gesagt. Das bedeutet: Die Täter werden nicht benannt.

Wir sehen hier in Stuttgart nicht den einzigen Schauplatz von Nazi-Verbrechen, der heute ein Parkplatz ist: Autos stehen auch im Hof des Landgerichts in der Urbanstraße, wo Hunderte von Menschen mit dem Fallbeil ermordet wurden. An dieser Stelle möchte ich auch auf ein anderes, ein eher erfreuliches Kapitel Erinnerungskultur hinweisen: Im kommenden Dezember wird das Hotel Silber, die ehemalige Stuttgarter Gestapo-Zentrale, als Lern- und Erinnerungsort eröffnet. 73 Jahre nach dem Zusammenbruch der Hitler-Diktatur wird es endlich wahr – in erster Linie dank wachsamer, engagierter Bürgerinnen und Bürger, die den Abriss des Hauses verhindert und seitdem für den Lernort gekämpft haben.

Das Hotel Silber ist ein Beispiel dafür, wie wichtig es ist, dass wir etwas tun gegen das Vergessen, das Verdrängen und Vertuschen von Geschichte. Historiker und Pädagogen sagen: Erinnerungen an die Verbrechen der Nazis wirken heute emotional am stärksten, vor allem auf junge Menschen, wo sie in ihrer unmittelbaren Umgebung anschaulich und deshalb nachvollziehbar sind.

Die Darstellung der Vergangenheit ist immer ein hochpolitischer Akt. James Baldwin hat gesagt: „Geschichte ist nicht Vergangenheit, Geschichte ist Gegenwart.“ Wir erfahren es heute täglich: Der Untergang der Nazi-Diktatur war keineswegs das Ende der Nazis. „Als alles vorbei war, ging alles weiter“, hat der Schriftsteller Jörg Fauser einmal gesagt. Dennoch reagieren immer noch viele auf die Nazi-Inhalte der Reden der Höckes und Gaulands mit der Floskel: Die haben aus der Geschichte nichts gelernt. – Doch, liebe Freundinnen und Freunde, die Rechtsextremen haben sehr wohl aus der Geschichte gelernt: Sie operieren mit denselben Propaganda-Strategien wie ihre völkischen Vorbilder.

Wir sind es, die aus der Geschichte lernen müssen – nämlich die Faschisten entschlossen und vor allem geschlossen zu bekämpfen.

Was hier an diesem Platz geschehen ist, ist ihnen bekannt Am 9. November 1938, in der Pogromnacht, wurde die Synagoge in Cannstatt zerstört. Der Stuttgarter Branddirektor hatte der Feuerwache III telefonisch den Befehl gegeben, das Gotteshaus anzuzünden. Organisierte Nazi-Trupps überfielen Tag jüdische Geschäfte, drangen in Wohnungen ein, terrorisierten jüdische Bürger, brachten sie um. In den folgenden Tagen wurden die meisten noch in Cannstatt lebenden Juden verhaftet und in die Konzentrationslager Dachau und Welzheim deportiert. Der Nazi-Terror herrschte überall in der Stadt. Auch die Synagoge im Hospitalviertel wurde – unter dem Gejohle Schaulustiger – niedergebrannt.

Warum ist Geschichte Gegenwart? Ich erinnere an einen jüdischen Stuttgarter Bürger, an einen Juristen und Verwaltungsfachmann. Nicht weit von hier trägt die Brücke von Hedelfingen nach Obertürkheim seinen Namen. Es ist die Otto-Hirsch-Brücke. Sie verbindet nicht nur zwei Stadtteile – sondern politisch auch 11,6 Prozent und 13,9 Prozent AfD bei den letzten Landtagswahlen.

Ebenfalls vor 80 Jahren, im Juli 1938, fand am Genfer See die Konferenz von Evian statt. Auf Initiative des US-Präsidenten Roosevelt diskutierten Delegierte von 32 Nationen die beängstigenden Zahlen der aus Deutschland und Österreich vertriebenen Juden.

Die Bereitschaft, Flüchtlinge aufzunehmen, war erschreckend gering. Nur die Dominikanische Republik und Costa Rica signalisierten Hilfe.

Otto Hirsch, ein Pionier der Neckargestaltung, berichtete später als Vertreter der deutschen Juden über diese Konferenz: „Ich hatte Lust aufzustehen und sie alle anzuschreien: Wisst ihr denn nicht, dass diese verdammten ‚Zahlen‘ menschliche Wesen sind? Menschen, die den Rest ihres Lebens in Konzentrationslagern oder auf der Flucht rund um den Erdball verbringen müssen wie Aussätzige, wenn ihr sie nicht aufnehmt? Damals konnte ich natürlich noch gar nicht wissen, dass den Flüchtlingen, die niemand wollte, nicht nur Konzentrationslager, sondern der Tod in Vernichtungslagern drohte.“ Zitatende.

Otto Hirsch wurde am 19. Juni 1941 im KZ Mauthausen ermordet. Sein Bericht von Evian erinnert uns sehr gegenwärtig an den zunehmenden Antisemitismus und den unmenschlichen Umgang mit Geflüchteten.

Geschichte ist Gegenwart – und sie lehrt uns etwas über die Zukunft. Trotz Lebensgefahr gingen und gehen Menschen in den Widerstand. Deshalb will ich zum Abschluss dieses Beitrags Mut machen für die antifaschistische Arbeit in unserem Alttag. Auch in Cannstatt, das die Nazis in Bad Cannstatt umtauften, kämpften nicht wenige Frauen und Männer gegen die Nazis. Es waren Kommunisten, Liberale, Christen. Und 1943, dies als kleine Anekdote, entdeckten NS-Schergen in Cannstatt einen der sogenannten Swing-Clubs: 17 Jungen und drei Mädchen mit schrägen Frisuren und Klamotten, die allen völkischen Wahnvorstellungen widersprachen, hörten heimlich verbotene Musik, nämlich Jazz. Zum Glück kamen sie glimpflich davon. An diese kleiner Cannstatter Geschichte erinnere in der Hoffnung, dass sich viele aufmüpfige, antifaschistische junge Menschen in unserer Stadt organisieren. Gemeinsam müssen wir den Rechten ihre Grenzen aufzeigen – um Grenzen zu öffnen für die, die bei uns Hilfe und Zuflucht suchen.

Vielen Dank.

© Joe Bauer







 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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