Bauers Depeschen


Freitag, 28. September 2018, 2014. Depesche


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Hört die Signale!

DAS LIED ZUM TAG



LIEBE GÄSTE,

mein neues Kolumnenbuch, „Im Staub von Stuttgart“, müsste inzwischen ausgeliefert und von kommender Woche an in Buchhandlungen erhältlich sein. Edition Tiamat, Berlin. Was könnte ich dazu sagen? Kostet 15 Euro und umfasst etwa 75 neu überarbeitete Texte. Zur Geburtstagsshow „20 Jahre Flaneursalon“ am So, 21. Okt, im Gustav-Siegle-Haus bringt Verleger Klaus Bittermann ein paar Dutzend Bücher mit.



StN-Kolumne:

LAUCHSÜPPCHEN UND EDELSTAHL

Die Pfarrstraße gilt als Grenze zwischen den inoffiziellen Altstadtquartieren Bohnenviertel und Leonhardsviertel. Irgendwelche Monopoly-Spieler im Rathaus haben dies nach dem Zweiten Weltkrieg festgelegt. Die heutige Pfarrstraße (früher Brunnenstraße) steuert nicht mehr wie früher auf den Chor der Leonhardskirche zu – und liegt nicht nur wegen ihrer Bäume im Schatten: Sie zählt nicht zu den angesagten Treffpunkten, verstrahlt aber mehr urbane Energie als alle sogenannten Hotspots, diese Pilgerorte modischer Mitläufer.

Die kurze Strecke zwischen Leonhardsplatz und Katharinenstraße spiegelt Geschichte und Gegenwart wie kaum eine andere Straße der Stadt. Ein internationaler Tummelplatz verschiedener Generationen. Auf der einen Seite die Spiel- und Bolzplätze am Züblinparkhaus, gegenüber Kneipen und Handwerksbetriebe.

Am Morgen begrüße ich auf dem Leonhardsplatz den Nachtwächter, bewaffnet mit Hellebarde und Laterne, Horn und Hund. Diese Brunnenskulptur von 1900 hat ihren Platz mehrfach gewechselt. Vor 20 Jahren wurde sie renoviert, heute erinnert sie daran, dass in ihrer liebenswerten Umgebung mit Rotlichtgeruch eine schützende Hand manchmal nicht schadet.

Man kann die Dinge aber auch selber regeln. Dafür wäre etwa regelmäßige Muskelmaloche im Hause City Fitness ratsam. Zur Belohnung darf man sich nebenan etwas Piercing oder ein Kämpferherz auf nackter Haut im Laden Tattooster gönnen. Die Totenköpfe im Schaufenster lassen eine gewisse Sympathie des ­Tätowierers für die Fahrer von Harley-Davidson-Maschinen erkennen.

In direkter Nachbarschaft ist die Sanitäre Installation GmbH Emil Soller für Lebenshilfe zuständig: Wer schon mal einen Flaschner gesucht hat, weiß Bescheid. Ein paar Schritte weiter das Lokal Bernstein, wo am Tag meines Spaziergangs für den Abend Lauchsüppchen und Argentinisches Entrecôte vom Grill empfohlen werden. Das Bernstein war schon früher beliebter Treff für Schwule und Lesben. Erst kürzlich wurde dieses Gastro-Angebot mit Tom’s Bar, einem Laden der Wirtin Laura, der berühmten Kämpferin für Vielfalt, entsprechend erweitert. Immer noch im Tiefschlaf liegen die Räume der legendären Insel-Bar. Allerdings habe ich gehört, in dem früheren Animier-Etablissement bewege sich was.

Ich gehe in den Bernstein-Hinterhof und unterhalte mich mit einem Muslim, der gerade aus der Moschee des Bangladesh Islam Zentrums e. V. kommt. Seit 18 Jahren gibt es Gebetsräume im ersten Stock. Vor allem freitags herrsche großer Andrang, erzählt mein Zufallsbekannter, und selbstverständlich sei ich jederzeit willkommen. Früher versteckten in diesen etwas abgelegenen Hinterhofgemäuern Rotlicht-Herren ihre illegalen Spielklubs, sogenannte Zocks.

Dann stiefle ich unangemeldet zum Büro der Schlosserei Eugen Schickler, gegründet 1862. Am Schreibtisch sitzt ein junger Mann und bittet mich freundlich herein, obwohl ich keinerlei Referenzen aus der Metallstahlbranche vorweisen kann. Ich plaudere mit Samer Oleik, gelernter Kaufmann, gebürtiger Libanese mit deutschem Pass. Das Geschäft gehört seit vier Jahren seinem Bruder Husein Oleik; auch Hassan, ein weiterer Bruder, arbeitet im Betrieb. Die Handwerker sind spezialisiert auf Edelstahl: Geländer, Fenstergitter, Schlösser. Gerhard Schickler, der frühere Besitzer, ist inzwischen 85 – und packt noch jeden Tag mit an. Leider ist er bei meinem Besuch nicht im Haus (weshalb ich ­demnächst noch mal kommen werde).

In der Pfarrstraße gibt es auch zwei Friseursalons: Den einen führt der Afroamerikaner Todd Brown, den anderen der Spanier Gonzales. Und wer immer noch nicht begriffen hat, was Internationalität heute in der Stadt bedeutet, dem empfehle ich einen Besuch im Drei Mohren am Ende der Straße, kurz vor Paddy’s Irish Pub. Seit Kurzem ist das Restaurant unter neuer Leitung (der verdiente Gastronom Peter Aurenz ging in den Ruhestand). Jetzt gibt es gleichzeitig schwäbische und thailändische Küche. Bis 1977 standen die Mohren in der Friedrichstraße, ehe das Gebäude abgerissen und das Interieur samt Fassade ins ­Bohnenviertel verfrachtet wurde. Die ­Brüder Mathias Volz (Barchef, Sommelier) und Sukan Phutshorm (Küchenchef) stammen aus einer schwäbisch-thailändischen Familie. Die Mutter kocht Thailändisch, der Sohn Schwäbisch. So sieht großstädtische Gegenwart aus.

Ein paar Meter oberhalb der Pfarrstraße, am Katahrinenplatz, plaudere ich mit Ibis Kaygun. Er ist Kurde, seine Partnerin Titapa Srisoonthon Thailänderin. Gemeinsam führen sie das Restaurant ­Pukki’s. ­Exakt gegenüber steht die Alt-Katholische Kirche, in der die englische Saint Catherine’s Church traditionell englischsprachige ­Gottesdienste abhält.

Wieder zu Hause, lese ich „Stuttgarter Straßen-Geschichte(n)“, das schon leicht vergilbte Buch des bis heute sehr gegenwärtigen Historikers Harald Schukraft: „Die Pfarrstraße gehörte bis vor dem Zweiten Weltkrieg zu den beliebtesten Malermotiven Alt-Stuttgarts.“ Die Pfarrstraße ist einer meiner Lieblingsorte. Nicht nur im Sommer, wenn man vor der Kneipe sitzen und sich im Freilufttheater altes und neues Leben in der Stadt ausmalen kann.

 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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