Bauers Depeschen


Samstag, 22. September 2018, 2011. Depesche


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Hört die Signale!

DAS LIED ZUM TAG



LIEBE GÄSTE,

heute muss ich auf wichtige Veranstaltungen aufmerksam machen:

An diesem SAMSTAG um 18.30 Uhr berichten im Württembergischen Kunstverein am Schlossplatz Mitglieder antifaschistischer Stuttgarter Initiativen, was sie bei den Ausschreitungen in Chemnitz erlebt haben. Dazu gibt es eine Podiumksdiskussion zum Thema: "Rechter Mob auf Menschenjad. Was tun?"

Am SONNTAG, 14. OKTOBER - vor der ersten Hochrechnung bei der Bayernwahl - beginnt um 17.30 Uhr auf dem Schlossplatz eine Kundgebung gegen Rassismus und Hetze. Die Veranstaltung wird organisiert von der Initiative OTKM (Offenes Treffen gegen Krieg und Militarisierung). Motto: "Schluss mit Rassismus, Abschottung, Spaltung". Dieselbe Gruppe junger Linker hat mit mir zusammen in diesem Juni die Kundgebung "Seenotrettung ist kein Verbrechen" organisiert. Bei der Aktion im Oktober mache ich auch wieder mit, halte eine kurze Rede.



Und dann steht noch diese Aktion im Dienste nicht ganz unpolitischer, mit viel Humor gewürzter Unterhaltung bevor:

20 JAHRE FLANEURSALON

IM GROSSEN SAAL DES GUSTAV-SIEGLE-HAUSES

Sonntag, 21. Oktober, 19 Uhr.

Die Jubiläums-Show im Gustav-Siegle-Haus, wo 1998 alles anfing. Durch den Abend führt der Berliner Kabarettist Arnulf Rating. Auf der Bühne des Großen Saals, der Stuttgarter AC/DC-Gedächtnis-Halle: Rolf Miller, Thabilé & Band mit Jens-Peter Abele, Roland Baisch & Michael Gaedt, Stefan Hiss, Toba & Pheel. Spezialgast: Nero Friktschn Feuerherdt.

Gleichzeitig Buchvorstellung: „Im Staub von Stuttgart“.

Eine Veranstaltung in Kooperation mit den Stuttgarter Philharmonikern und der Rosenau.

KARTEN: RESERVIX

Oder auch hier: EASY TICKET Telefon: 0711 / 2 555 555



StN-Kolumne:

IMMER AN DER MOOSWAND LANG

Keine Ahnung, ob ein Mensch seinen Humor verlieren kann, falls er überhaupt einen hat. Wenn ja, muss er sich zügig auf die Suche machen und ihn schnellsten finden. Irgendwo zwischen Hambacher Forst und Stuttgart 21 könnte er unter einem abgesägten Baum begraben liegen. In beiden Fällen geht es um reichlich Kohle, für die im Namen des Profits wie gewohnt Polizeiarmeen gegen den Protest aufgeboten wird. Dies ausgerechnet zu einer Zeit, in der einem uns neben der braunen Kohle auch noch die Braunen das Leben versauen.

Womöglich hat uns den Humor ein braver Rechtspopulist oder ein besorgter Bürger bei einer Kundgebung gegen Rassisten und Faschisten weggekickt. Bei einer aktuellen Umfrage kommt die AfD bei uns im Land auf 18 Prozent der Wählerstimmen. Schon deshalb müssen wir uns bemühen, den Humor noch vor den Kommunalwahlen im Mai 2019 zu finden. Sonst wird’s endgültig ernst.

Mit Humor meine ich nicht die Art von Witzen, für die man in der Aussicht auf einen feuchten Lacher Buchstaben verdreht.  Eine Zahnarztpraxis „Labohr“ nennt, einen Glatzkopf aus Aue in Sachsen als „Kahlauer“ veräppelt oder die Frage stellt: „Wehrmacht Witze über Nazis“?

Für Kurt Tucholsky bedeutete Humor, durch die Dinge hindurch zu sehen, „wie wenn sie aus Glas wären“. Beißender Humor kann Glas zerspringen lassen wie Oskarchens Stimme in der „Blechtrommel“. Vergeht einem dabei das Lachen, können wir von gutem Humor sprechen. Der aber liegt nicht auf der Straße, bloß weil wir ihn verloren haben. Herr, schmeiß Humor ra! Sonst platzt uns das Hirn.

Lustig ist, wenn unsere Stadtverwaltung „City Trees“ aufstellen lässt. „City Trees“ sollen wir vermutlich mit „Stadtbäumen“ übersetzen. Diese Moosmonster aber ähneln nicht mal bei reger Fantasie den Stadtbäumen, die in dieser Stadt für Bauprojekte abgeholzt werden.

Je begehrter Immobilien als Spekulationsobjekte werden, je häufiger man das Menschenrecht auf Wohnen mit Füßen tritt, desto öfter versuchen Marketingvirtuosen, Glas und Beton ein menschliches Anlitz zu verleihen. Uns unterzujubeln, sauteure Bauten bereicherten unser Leben (Steine sind Scheine). In der Nadlerstraße beschriftete man die Gitter vor einem Neubau mit der Zeile „Hier entsteht eine kleine Hotel-­Persönlichkeit. Für große Ansprüche“, in der Königstraße liest man auf einer Werbetafel für Büro- und Ladenräume: „Star-­Immobilie sucht Autogramm“. Investorenkästen sind die neuen Ikonen.

So gesehen passt es prima, in der all­gemeinen Begriffsverdrehung 30 000 Euro teure Bänke mit einer Mooswand im Rücken als „Stadtbäume“ aufzuwerten. Ausgerechnet die zwei hässlichen Möbel an der Esslinger Straße, von wo es nicht weit ist zur Baustelle von S 21 im Schlossgarten. Dort hat man einst zahlreiche, für die Luft im Kessel so wichtige Bäume abgesägt. Und wie immer ging es um Milliarden-Moos.

Ich habe mich am Rand des Bohnenviertels auf eine der Moosbänke gesetzt und Joseph von Westphalens Mini-Buch gelesen: „Warum ich Terrorist geworden bin“. In dieser Satire geht es um die ultimative politische „Entlüftungsaktion“. Unabhängig davon kam ich zu der Erkenntnis: Bevor die Mooswände an der Stadtautobahn auch nur eine Hand voll abgasvergifteter Luft säubern, rettet mir eher mein sommerlicher Hut aus Hanf das Leben, wenn mir der verdreckte Himmel über Stuttgart auf den Kopf fällt.

Verständlich, dass der Oberbürgermeister Alibi-Aktionen starten muss, um mit seinem grünen Umweltanspruch nicht völlig in der Luft zu hängen. Mit großer Freude habe ich zuvor schon seine Mooswand an der B 14 bestaunt. Als ich diese braun gefärbte Trockenmatratze zum ersten Mal als Fußgänger aus nächster Nähe sah, musste ich herzhaft lachen. Moos ist sicher gut für das Reinheitsbedürfnis des Menschen bei Notdurft-Notfällen im noch nicht abgeholzten Wald. Nicht aber gegen das Abgas vorbeirasender SUV-Auspuffrohre.

Es zeugt von Untergangshumor, gegen die Klimakatastrophe und Luftverpestung eine Moosmauer an einer mehrspurigen Straße zu errichten. Das erinnert an den Stummfilmkomiker, der sich mit ausgestrecktem Arm gegen eine langsam aber sicher umstürzende Hauswand stemmt. So stehst du mit Tucholsky vor der Grasdackelwand und kannst durch sie hindurchsehen, als wäre sie aus Glas: Hier, sagst du dir, hier hat dich jemand voll verarscht. Und irgendwo da draußen lauert in der Nacht Nosferatu, der Seuchenverbreiter. Tagsüber arbeitet er als Untoter im Rathaus.

Kaum hatten unsere famosen Moosstecher ihren Schutzwall wider den Feinstaub abgebaut, ließen sie die „City Trees“ in die Altstadt pflanzen – laut Werbung „den weltweit ersten Bio-Tech-Filter zur nachweislichen Verbesserung der Luftqualität“. Unterdessen wurden handelsübliche Sitzbänke in der Königstraße abgebaut, um die Obdachlosen aufs nackte Pflaster zu verbannen. Diese Maßnahme dient der Verbesserung einer Art von sozialer Hygiene, die wir im Wörterbuch der Barbaren finden.

Zur Würdigung seines Einsatzes gegen die Urgewalten der vom Menschen zerstörten Natur schlage ich vor, Herrn Fritz Kuhn den Ehrentitel als Graswurzel-Retter dieser Stadt zu verleihen: Nennt ihn Moosferatu.

 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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