Bauers Depeschen


Mittwoch, 01. August 2018, 1991. Depesche


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VORVERKAUF LÄUFT:

JAHRE FLANEURSALON

Sonntag, 21. Oktober, 19 Uhr.

Die Jubiläums-Show im Gustav-Siegle-Haus, wo 1998 alles anfing. Durch den Abend führt der Berliner Kabarettist Arnulf Rating. Auf der Bühne: Rolf Miller, Thabilé & Band mit Jens-Peter Abele, Roland Baisch & Michael Gaedt, Stefan Hiss, Toba & Pheel. Spezialgast: Nero Friktschn Feuerherdt.

Mit der Buchvorstellung: „Im Staub von Stuttgart“.

Eine Veranstaltung in Kooperation mit den Stuttgarter Philharmonikern und der Rosenau.

KARTEN: EASY TICKET Telefon: 0711 / 2 555 555



Hört die Signale!

DAS LIED ZUM TAG



StN-Komumne vom 25. Juli

FAHRSTUHL NACH EUROPA

Es ist gefährlich heiß an diesem Julitag, als ich mich wieder mal auf die Suche nach Europa mache. Zwei Jahre ist es her, dass ich eine ähnliche Expedition unternommen habe. 2016 erregte sich gerade die halbe Welt über den Brexit. Damals hatte noch kein US-Präsident die Medien und Menschen verrückt gemacht. Inzwischen hören wir Tag für Tag die Floskel, Europa müsse zusammenrücken und sein Schicksal zur Not auch ohne die USA in die Hand ­nehmen.

Als ich in den Fahrstuhl nach Europa steige, lese ich die Warnung erst, als es schon nach oben geht: „Achtung. Falls der Aufzug wieder stecken bleibt, bitte nicht in Panik verfallen.“ Ich schließe die Augen, träume vom Schnee in Lappland und lande ohne Zwischenfall im dritten Stock.

Auf der dritten Etage in der Kronprinzstraße 13, in der Nähe meines Lieblings­hutladens Louis Lenz, sind inzwischen die Mitarbeiter und Broschüren des früheren Europahauses in der Nadlerstraße gestrandet. Das alte Gebäude musste einem Nobelhotel weichen. An der Großbaustelle hängt zurzeit ein Transparent mit der Aufschrift: „Hier entsteht eine kleine Hotel-Persönlichkeit. Für große Ansprüche.“

Charakterisieren wir das Wesen solcher Immobilien etwas einfacher: Steine sind Scheine.

Die noch junge Einrichtung in der Kronprinzstraße heißt wieder „Europahaus“ und steht so diskret beschildert im Abseits, dass sich kaum jemand ohne triftigen Grund ins Innere verirren dürfte. Im dritten Stock lehnt die blaue „Europa“-Tafel mit ihren drei goldenen Sternen an der Wand auf der Terrasse, daneben der blaue Schriftzug „haus“. Die Stadtverwaltung hält sich Europa erst mal als Provisorium.

Eigentlich müsste gerade bei uns ein europäisches Bewusstsein gewachsen sein. Es war der große, in Stuttgart geborene Revolutionsdichter Georg Herwegh, der schon im 19. Jahrhundert für die Idee eines freien, demokratischen und sozial gerechten Europas kämpfte. Und zuvor gab es diesen – wie Herwegh aus Stuttgart geflohenen – Schiller, dessen Gedicht „An die Freude“ Beethoven in seiner 9. Sinfonie vertonte. Seit 1972 ist diese Melodie die Hymne des Europarats mit Sitz in Straßburg – Stuttgarts französischer Partnerstadt.

Reichlich europäische Geschichte sammelt sich bei uns. Dazu gehört der originelle Einfall von 1960, als Bekenntnis zur Einheitsidee einen Unort auf dem Fasanenhof „Europaplatz“ zu nennen, damit man sieht, dass unsere Liebe zum Kontinent bis in den hintersten Winkel des Kessels reicht. Aufrechten Europäern empfehle ich, irgendwann auf dem Fasanenhof an der U-Bahnhaltestelle „Europaplatz“ auszusteigen. In dieser betonierten Trostlosigkeit wurde 1971 als demokratische Pflichterfüllung ein Weg nach der Stuttgarter Studentin Lilo Herrmann benannt, ein anderer 1980 nach dem Warschauer Arzt Janusz Korczak. Beide wurden von den Nazis ermordet.

Der europäische Gedanke wiederum wurde entschieden aufgewertet, als man vor mehr als zehn Jahren das neue Konsum- und Bankenareal hinter dem Bahnhof „Europaviertel“ taufte. Dort findet man mit Hinweisen auf Paris oder Moskau, Stockholm oder Budapest Straßen und Plätze von so erdrückender Eleganz, dass man sich fragt, was diese Städte verbrochen haben.

Besonders hässlich aber ist der Begriff Europa in die Öffentlichkeit gerückt, seit sich die Berichte über ertrinkende Menschen auf der Flucht im Mittelmeer häufen. Überall in Europa, auch in Stuttgart, erheben sich Proteste gegen Politiker, die Seenotretter kriminalisieren. Auch deutsche Städte wie Berlin und Leipzig treten dem internationalen Forum „Solidarity Cities“ bei, einem Zusammenschluss von Kommunen, die sich nach dem Vorbild der „Sanctuary Cities“ in den USA und Kanada bei der Hilfe für Geflüchtete ihrer zentralen Regierung entgegenstellen.

In Stuttgart hat die Fraktion SÖS-Linke-Plus diese Woche mit einem Antrag im Gemeinderat die Stadt aufgefordert, gerettete Geflüchtete nach dem Vorbild der „Solidarity Cities“ aufzunehmen, um damit ein Zeichen gegen die Unmenschlichkeit zu setzen. Viele sitzen auf Seenotrettungs­booten fest, weil ihnen das Anlaufen europäischer Häfen verwehrt wird.

Interessant an diesem Antrag ist, dass er nach der ersten Beratung im Sozialausschuss von Grünen und SPD als diskussionswürdig begrüßt, von Vertretern der CDU und FDP jedoch mit dem Argument abgelehnt wurde, dieses Problem müsse auf „europäischer Ebene“ gelöst werden. Seenotrettung sei kein lokalpolitisches Thema.

Und da sind wir beim Bewusstsein, beim Denken: Bis heute gilt Europa vielen als abstraktes Gebilde, irgendwo fern der Heimat, in Straßburg womöglich oder in Brüssel. Bezeichnend, wenn man in einer durch und durch international belebten Stadt mitten in Europa Hilfe für Menschen in Not auf die „europäische Ebene“ auslagern will. Als wäre Europa nicht vor der Haustür. Provinzielle Engstirnigkeit bietet dem europäischen Gedanke anscheinend nur Platz, wenn es um offene Grenzen für Tourismus und andere Geschäfte geht. Europa wird zur Festung, und in den Köpfen steht die Mauer. Ich rate zum Fahrstuhl nach Europa, gleich neben meinem Hutladen.

 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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