Bauers Depeschen


Montag, 30. Juli 2018, 1990. Depesche


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VORVERKAUF LÄUFT:

20 JAHRE FLANEURSALON

Sonntag, 21. Oktober, 19 Uhr.

Die Jubiläums-Show im Gustav-Siegle-Haus, wo 1998 alles anfing. Durch den Abend führt der Berliner Kabarettist Arnulf Rating. Auf der Bühne: Rolf Miller, Thabilé & Band mit Jens-Peter Abele, Roland Baisch & Michael Gaedt, Stefan Hiss, Toba & Pheel. Spezialgast: Nero Friktschn Feuerherdt.

Mit der Buchvorstellung: „Im Staub von Stuttgart“.

Eine Veranstaltung in Kooperation mit den Stuttgarter Philharmonikern und der Rosenau.

KARTEN: EASY TICKET -

Telefon: 0711 / 2 555 555



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DAS LIED ZUM TAG



StN-Kolumne vom 23. Juli 2018

AUFSTIEG UND FALL

Weil der Moderator Backes ein kühner Zeitgenosse ist, ließ er seine SWR-Talkshow „Nachtcafé“ nie live, sondern immer nur nachbearbeitet ausstrahlen. Inzwischen befragt er nicht mehr die Gäste von Plauderrunden im Ludwigsburger Schloss. Als Wortführer des Vereins Aufbruch Stuttgart entwirft er, restlos überzeugt von der Macht seiner Stimme, das Gesicht einer ganzen Stadt. „Man muss kühn denken“, sagt er. „Kleinliche Kompromisse verleihen der Stadt keinen Glanz.“ Das ist visionär.

Als Kleingeist fällt mir da ein, dass im Schatten der großen Welt viele Stuttgarter am Nordbahnhof und anderswo nicht wissen, wie sie die steigenden Mieten des Immobilienkonzerns Vonovia zahlen sollen. Mit Blick auf Glanz und Elend der Stuttgarter Zukunft ist es engstirnig, auf solchen Popelkram hinzuweisen, wenn es um die weltweit wirksame Magie unserer Kulturmeile an der Stadtautobahn geht. Und noch immer ist nicht geklärt, wo der Interimsbau der Oper hinkommt. ­Deshalb beeile ich mich, ein für allemal festzuhalten: Das Schicksal unseres Kesseldaseins hängt inzwischen von einer renovierungsbedürf­tigen Staatstheaterbühne ab. Es geht um Aufstieg oder Fall der Stadt Stuttgart.

Meine fragwürdige Anspielung auf die Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ gilt Bert Brechts Auseinander­setzung mit Sodom und Gomorrha, mit der Katastrophe angesichts des Verlusts der moralischen Werte. Ein Kapitel zu diesem Thema finden wir zurzeit in der unend­lichen Geschichte des Stuttgarter Klinikskandals um die Vertuschung amtlicher Korruption. Schmiergeld­zahlungen bei der Akquirierung reicher Patienten aus dem Ausland, staatsanwalt­liche Vorwürfe von Untreue und Bestechung rund ums Rathaus sind ein errstklassiges Bühnenthema. Am besten sollte man es noch vor der Eröffnung der Interimsoper, also ­möglichst vor Ende dieses Jahrhunderts, in Angriff nehmen.

Beim Thema Sodom und Gomorrha ­können wir getrost davon ausgehen, dass Geschäfte ab einer gewissen Größen­ordnung stets geltende Gesetze brechen dürfen. Das kann der Kunde mit wenigen Klicks im Internet beim Kauf eines VW oder Mercedes genauso ermitteln wie beim Verzehr eines Schokoriegels oder der Reparatur seiner Hüfte. Und weil hinter den Profiten fast immer die moralischen Gepflogen­heiten von Sodom und Gomorrha stehen, brauchen wir kühnes Denken im neuen Glanz von Kulturmeilen dringender denn je - schon allein, um die Verstöße in unserer mit Menschen­rechten gesegneten Demokratie auf ­angemessenen Bühnen anzu­prangern.

Leider finden wir kaum noch Zeit, uns um politisch-moralische Skandale zu kümmern. Kaum sprechen wir über Korruption im städtischen Krankenhaus oder gar von ertrinkenden Menschen auf der Flucht übers Mittelmeer, müssen sich Politiker im Glanz der Medienbühnen in die Verfehlung des Fußballers Özil bei einer Fotosession mit Erdogan einmischen. Vorneweg der schwäbische Sportsfreund Özdemir, der „Respekt nur Demokraten“ zollt. Wie ­einsam muss er da sein.

Und was für eine Heuchelei rundum, mitten im Rechtsruck und Rassimus in unserem Land Erklärungen aus­gerechnet von einem Fußballer zu verlangen, wenn er sich einen peinlichen Medienauftritt geleistet hat mit einem Autokraten, der demokratischen Politikern bei Waffen­geschäften herzlich willkommen ist.

Wie wenig Protest erhebt sich hingegen im Fall des Busfahrers und studierten Philosophielehrers Baris Ates aus Tübingen. Vor wenigen Tagen wurde er, seit 2012 als Flüchtling bei uns anerkannt, zu Beginn seines Spanienurlaubs mitten in der Nacht von Interpol im Hotel festgenommen. ­Türkische Behörden werfen ihm Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vor und verlangen seine Auslieferung. Seine Frau und seine beiden Kinder konnten inzwischen nach Tübingen zurückreisen. Ein Anwalt hat Baris Ates’ Freilassung aus dem Gefängnis erwirkt. Der Mann selbst sitzt weiter ohne seinen Pass in Spanien fest, wie das „Tübinger Tagblatt“ berichtet.

Über all diese Dinge brauchen wir nicht nachzudenken, wenn wir uns rechtzeitig in den Glanz des Entertainmentgeschäfts absetzen. Nur zur Unterhaltung halte ich hier fest, was am vergangenen Wochenende die Stadt umtrieb: Helene Fischer im VfB-Stadion, Tote Hosen auf dem Wasen, Hafenfest am Neckar, Jazz Open auf dem Schlossplatz, Festival der Kulturen auf dem Marktplatz, Ballett im Park, Fischmarkt, Bohnenviertelfest, Marienplatzfest, Heslach-Hocketse auf dem Bihlplatz, Lange Ostnacht rund um die Gablenberger Hauptstraße.

Selbstverständlich erhebe ich bei der Aufzählung dieser Vollbespaßung keinen Anspruch auf Vollständigkeit und weise fairness­halber darauf hin, dass etliche Feste ohne Eintrittsgeld zugänglich waren. So fuhr ich gratis mit einer Bimmelbahn durch den Hafen, ließ mich von einer Studentin im Führerhaus über die Schrottgeschäfte am Neckar aufklären, nur um mir unterwegs mal wieder an einem Hafenspeicher den kühnsten Werbeslogan aller Zeiten reinzuziehen: „Frießinger Mehl, und du gehst nicht fehl . . .“ So viel zum Glanz der Heimat.







 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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