Bauers Depeschen


Dienstag, 03. Juli 2018, 1974. Depesche


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PROTEST GEGEN IMMOBILIENPOLITIK

Am Montag hat im Stuttgarter Rathaus wieder der "Immobilien-Dialog", ein Kungeltreffen von Bauwirtschaft und Politik, stattgefunden. Bei der Kundgebung "Für Menschen bauen - nicht für Profite" des Aktionsbündnisses Recht auf Wohnen am Abend auf dem Marktplatz habe ich diesen Text vorgetragen:



Schönen guten Tag auf dem Stuttgarter Marktplatz,

willkommen vor diesem großartigen Rathaus, wo die ganz großen Nummern laufen. Ich begrüße Euch, liebe Freundinnen und Freunde, hier auf den Stehplätzen beim sogenannten Immobilien-Dialog, einer Geschäftemacher-Party, die unsere Welt neu ordnen wird.

Das Motto dieses offiziell „größten deutschlandweiten Branchentreffens“ lautet in diesem Jahr: Think big – think schwäbisch. Sie haben richtig gehört: „Think big - think schwäbisch“. Ich mache keine Witze. Diese Parole stammt aus dem unerschöpflichen Think Tank der Düsseldorfer Agentur Heuer Dialog GmbH. Dieser Firma bin ich sehr dankbar, dass wir heute zum schärferen Verständnis des Immobilien-Dialogs im Rathaus nicht extra einen Komiker bemühen müssen. In diesem Fall funktioniert die Realsatire ganz hervorragend. Ich zitierte aus dem Text zu der Veranstaltung hier im Rathaus des Ruhmes:

„Stuttgart und die Region bilden einen der stärksten Wirtschaftsräume weltweit. Steigende Einwohnerzahlen und eine starke Industrie versprechen, dass der Ballungsraum auch in den nächsten zehn Jahren sein Standing manifestieren wird. Die Bau-, Finanz-, und Immobilienwirtschaft sind in der Region fest verankert. Hier werden Lösungen für Herausforderungen in der Gestaltung von Stadtstruktur und Baukultur gefunden, die weltweit relevant sein werden. Die Region Stuttgart bleibt somit ihrer Reputation als Vordenker treu. Impulsgeber sind dabei unter anderem die Internationale Bauausstellung und der Immobilien-Dialog der Region Stuttgart.“

Sie haben es bemerkt, meine Damen und Herren: In den eben zitierten Zeilen taucht gleich zweimal der Begriff „weltweit“ auf. Dieses Prädikat ist gang und gäbe in unserer Weltstadt. Hier kommt kaum mal jemand aus der Provinzpolitik auf die Idee zu sagen: Verdammt noch mal, wir sollten endlich ein paar Dinge zum Wohl der Menschen in diesem verstaubten Kessel in Ordnung bringen. Das sind wir dieser schön gelegenen Stadt schuldig. Aber das wäre ja Kleinkram. Wir hier in unserer Mega-Großstadt zwischen Autoabgasen und Monsterbaustellen operieren seit jeher als Vorbild für die ganze Welt.

Die Parole „Think big – think Schwäbisch“ hat uns bekanntlich früher schon globale Triumphe beschert. Das Prinzip hinter diesem dicken, fetten, einfallslosen Slogan lautet: „Benehmt euch in in jeder Lage so arrogant, großspurig und komplexbeladen, wie es eurem schwäbischen Kleingeist entspricht.“

Mit dieser Think-big-Strategie wurden schon in der Vergangenheit wahre Wunder vollbracht. So haben die Großdenker-Hirne von Stuttgart einst den Trump-Tower ausgebrütet. Dieser Turmbau von Schwabylon endete als Fiasko: Die Weltmänner von Stuttgart waren einem Hochstapler mit Kontakten ins rechtsextremistische Milieu auf den Leim gegangen und blamierten sich bis auf die Knochen.

Schon wenig später belohnte uns die schwäbische Think-big-Strategie mit der Olympia-Bewerbung für 2012. Bei diesem weltweit bestauntem Sturm auf den Olymp lieferte Stuttgart mit seiner Präsentation die erbärmlichste Wettbewerbspleite in der Geschichte der olympischen Spiele.

Damit aber nicht genug beim Think-big-Galopp im Stutengarten. Mit ihrer "Reputation als weltweite Vordenker" in Sachen "Stadtstruktur und Baukultur" ersannen unsere städtischen Superhirne auch Stuttgart 21 – und mit diesem Geniestreich schrieben sie in der Geschichte der Psychiatrie endgültig ein weltweit einzigartiges Kapitel auf dem Gebiet des Größenwahnsinns.

Doch selbst von diesem weltrekordreifen Murks ließen sich unsere Genies nicht entmutigen: Zurzeit brüten OB und Stadträte eine Philharmonie aus, die laut CDU-Chef „europaweit als Magnet“ wirken soll. Als Vorbild dient bei der üblichen schwäbischen Bescheidenheit die Elbphilharmonie.

Meine Damen und Herren, Sie kennen die Gemeinsamkeiten der Metropole an der Elbe und dem Kessel am Nesenbach: Hamburg ist eine Hansestadt. Stuttgart eine Hanselstadt.

Was bei uns in Wahrheit läuft, verdeutlicht uns ein weiterer Text aus der Ankündigung des Immobilien-Dialogs. Zitat: „In der Region Stuttgart sind die Investment- und Vermietungszahlen nach wie vor auf einem Höhenflug. In Stuttgart ist Innovation ein Traditionsprodukt. Der wirtschaftliche Erfolg unseres Standorts prägt weiterhin die nationale Wirtschaft und zieht eine stetig wachsende Anzahl von Investoren in die Region Stuttgart.“

So liebe Freundinnen und Freunde, Sie haben es gehört: „Die Investment- und Vermietungszahlen in der Region Stuttgart sind nach wie vor auf einem Höhenflug.“ – Die Chancen aber, in dieser Stadt für einen halbwegs vernünftigen Preis eine Wohnung zu ergattern, sind auf dem absoluten Tiefpunkt. Das „Traditionsprodukt Innovation“, wie es in dem aufgeblasenen Marketing-Geschwurbel heißt, forciert die Mietenexplosion auf die übelste Art und Weise, die man sich in dieser reichen Stadt vorstellen kann.

Jede Art gesellschaftlicher Verantwortung ist in den vergangenen Jahrzehnten ohne nennenswerten Bau von Sozialwohnungen der grenzenlosen Profitgier gewichen. Und noch immer interessiert es sie nicht, wie die Wohnungsnot das Sündenbock-Denken, den Rassismus und damit den Rechtsruck forcieren.

Heute, da Wohnungssuchende in der Stadt hoffnungslos Schlange stehen und sich Normalverdiener kaum noch eine Bleibe leisten können, behandelt der Immobilien-Dialog laut Programm eine Frage wie diese: „Deutsche Wirtschaft – wie lange läuft die Party noch?“ Diese Party der Spekulanten und Immobilienhaie, meine Damen und Herren, diese Party verdrängt viele Menschen aus dieser Stadt.

Das ist die Wahrheit hinter der Provinz-Parole: „Think big – think schwäbisch“. Und dazu passt, dass einer der wichtigsten Vorträge bei diesem Branchenrummel die Überschrift trägt: „Von Luftschlössern und Eckpfeilern – was braucht die Region Stuttgart?“

Vielleicht bauen sie uns auch nicht Luftschlösser oder Eckpfeiler, sondern Eckschlösser und Luftpfeiler. Das eine Wortgeklingel ist so hohl wie das andere. Wir haben von diesem Geschwätz die Nase voll: Die Menschen, die in dieser Stadt für übliche Löhne arbeiten, brauchen bezahlbare Wohnungen – und keine Luftnummern aus Marketing-Agenturen, diesen Bodentruppen des Immobilienmarktes, aus dem herausgepresst wird, was er hergibt.

„Think big – think schwäbisch“. Man muss sich dieses läppische Motto auf der Zunge zergehen lassen und sich fragen: Was denken sich diese Großdenker-Herrschaften eigentlich? Wir wären schon froh, würden sie nicht big und nicht schwäbisch, sondern überhaupt mal denken – und zwar an die Menschen in dieser Stadt.

Liebe Freundinnen und Freunde, wenn der Politik nichts Besseres einfällt, als Sprüche zu verbreiten, dann muss die große Immobilien-Party auf der Straße steigen – und in leerstehenden Häusern.

- Vielen Dank!







 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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