Bauers Depeschen


Samstag, 30. Juni 2018, 1973. Depesche


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AKTIONSBÜNDNIS RECHT AUF WOHNEN: KUNDGEBUNG AM MONTAG

Am Montag, 2. Juli, findet im Rathaus der 11. sogenannte Immobilien-Dialog statt: Bauwirtschaft und Politik feiern, organisiert von der Düsseldorfer Agentur Heuer, ihr „Get- together“. Offizielles Motto dieses Mal (kein Witz): „Think big - think schwäbisch“. Anlässlich dieses Kungeltreffens zum Thema Wohnungspolitik in Stadt und Region gibt es wieder eine Protestkundgebung auf dem Marktplatz. Reden von Betroffenen, ich mache auch mit. Musik: Stefan Hiss. BEGINN 19 Uhr. Bitte weitersagen.



SCHLAF, KINDLEIN, SCHLAF ...

Im Stadtpalais ist am Freitagabend die Veranstaltungsreihe „Schlaf, Kindlein, schlaf ...“ eröffnet. Das Projekt, organisiert von den Anstiftern und der Stolperstein-Initiative Vaihingen, behandelt die medizinischen Verbrechen, die Morde an Kindern in der Nazi-Diktatur in Stuttgart. Unsereins hat die kurze Eröffnungsrede gehalten:

Guten Abend, meine Damen und Herren,

willkommen im Stadtpalais. An Orten wie hier im neuen Museum der Stadt spricht man von einer Psychologie der Architektur. Das Haus erzählt uns, wer vor uns da war, etwa der König, den man in der deutschen Revolution vor 100 Jahren vertrieben hat. Überliefert ist, dass die Aufständischen Wilhelm II. auf Schwäbisch sagten, er solle seine Absetzung nicht persönlich nehmen. Es sei halt „wegen dem Syschdem“. Was in den Jahren danach geschah, ist bekannt: Die Reaktionäre, darunter Politiker der sogenannte Mitte, öffneten den Nazis den Weg an die Macht. Und damit einem System bestialischer Verbrechen.

Stunden der Erinnerungen, des Gedenkens, sind besonders dann wirksam, wenn wird sie an Orten des Geschehens erleben, in unmittelbarer Umgebung der Verbrechen. Angesichts der Psychologie von Orten ist es deshalb bedauerlich, wenn das Hotel-Silber, die ehemalige Stuttgarter Gestapo-Zentrale, bis heute, 73 Jahre nach der Nazi-Diktatur, noch nicht als Lernort eröffnet ist.

Wir erfahren es heute täglich: Der Untergang der Nazi-Diktatur war nicht das Ende der Nazis. Und heute reagieren viele auf die Äußerungen der Höckes und Gaulands, Weidels und Storchs mit der Floskel: Die haben aus der Geschichte nichts gelernt. Doch, meine Damen und Herren, selbstverständlich haben gerade diese Feinde der Demokratie aus der Geschichte gelernt: Sie eifern ihren völkischen Vorbildern nach. Wir dagegen müssen aus der Geschichte lernen, die Rechten heute entschlossener und vor allem geschlossener zu bekämpfen als unsere Vorfahren.

Das Wort „Erinnerung“, meine Damen und Herren, klingt oft sehr pflichtschuldig, routiniert. So jedenfalls geht es mir, wenn ich als Stadtspaziergänger die Orte der Nazi-Verbrechen aufsuche oder zufällig an ihnen vorbeikomme.

Jetzt, da der Rechtsruck überall immer bedrohlicher wird, ist die Gegenwart der Geschichte sehr deutlich zu spüren. Geschichte ist nicht Vergangenheit, Geschichte ist Gegenwart, hat James Baldwin gesagt. Geschichte ist am eindrucksvollsten nachvollziehbar in direkter Konfrontation mit ihren Spuren. Es ist nicht in erster Linie die für uns eher abstrakte, fast unvorstellbare Zahl Millionen ermordeter Menschen, die ins Bewusstsein dringt und einen dazu bewegt, endlich etwas zu tun – etwa demokratische Kräfte und Bündnisse gegen Rassismus und Faschismus zu unterstützen. Eindringlicher wirken auf mich die Orte der Verbrechen und die präzisen Hinweise, was vor unserer Haustür geschehen ist. In welcher Straße, in welchem Stockwerk eines Gebäudes an welchem Tag zu welcher Uhrzeit die Henkersknechte der Nazis ihre Opfer abgeholt haben. Wo Menschen gefoltert und ermordet wurden.

Bei den Gedanken daran angesichts der Kulissen des Grauens läuft im Kopf ein Film ab, der über das hinausgeht, was wir gemeinhin unter „Erinnerungskultur“ verstehen.

Geschichte wird so erlebbar, sie fordert von uns Konsequenzen, wenn wir vor der ehemaligen Stuttgarter Gestapo-Zentrale, dem Hotel Silber stehen, in direkter Nachbarschaft zu Breuninger, dessen einstiger Firmenchef ein Nazi-Funktionär und Nutznießer der Hitler-Diktatur war.

Auch die kaum vorstellbare Perversität ideologisch motivierter Verbrechen an Kindern, ihre Folterung und Ermordung im Namen der sogenannten Medizin werden wir am ehesten erahnen an den Stätten ihres Geschehens, die auch im Jetzt eine Kraft besitzen.

Einmal, nach einer Stadttour zu einigen Stätten der Erinnerung an den Nazi-Terror, von denen manche nichtssagend oder sogar heuchlerisch gestaltet wurden, landete ich im Schlossgarten und dachte: Eines der wichtigsten Mahnmale steht hier vor deinen Augen: das Landtagsgebäude. Dieses Haus wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut, und heute sitzen dort mehr Rechtsnationale als SPD-ler. Etliche von ihnen verbreiten völkische und antisemitische Gesinnung. Sie sind Nazis. In solchen Momenten der Erinnerung an das Heute fällt einem Erich Kästners berühmtes Zitat ein: „Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen. Später war es zu spät. Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird. Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten.“

Erinnerungskultur, meine Damen und Herren, darf nicht den Eindruck erwecken, die Verbrechen seien vorbei, ein Kapitel der Unmenschlichkeit abgeschlossen. Die Erinnerung muss uns die demokratische Pflicht vor Augen führen, in der Gegenwart etwas zu tun. Die Aktion „Schlaf, Kindlein schlaf ...“ ist eine Aufforderung, den Schneeball aufzuhalten, bevor er eine Lawine wird. Der Schnee von gestern kann die Lawine von morgen sein. - Vielen Dank

 

im Nordbahnhof-Areal
 

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