Bauers Depeschen


Mittwoch, 20. Juni 2018, 1969. Depesche


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LIEBE GÄSTE,

die wichtigsten Dinge sind geklärt. Ich mache jetzt Zeitungskolumnenpause, um ein Kolumnenbuch zusammenzustellen. Es wird unter dem Titel „Im Staub von Stuttgart“ in der Edition Tiamat, Berlin, erscheinen - rechtzeitig zum Altersjubiläum „20 JAHRE FLANEURSALON“ am So, 21. Oktober, im Gustav-Siegle-Haus. Dort, wo alles anfing. Eine Mixed Show, moderiert von dem Berliner Kabarettisten Arnulf Rating, mit Rolf Miller, Thabilé, Roland Baisch, Stefan Hiss, Toba & Pheel. Als Spezialgast: Nero Friktschn Feuerherdt



Hört die Signale!

DAS LIED ZUM TAG



StN-Kolumne mit einer Woche Zeitverzögerung online:



IM NIRWANA

Guten Gewissens halte ich es für den Sinn des Lebens, allen kapitalistischen Fortschrittsparolen zum Trotz meine Schritte vollkommen sinnlos durch die Stadt zu lenken. Doch viel zu oft habe ich diese Tugend in letzter Zeit vernachlässigt. Die Beine waren willig, aber das Hirn war schwach.

„Es gehört zum Begriff des Spazierengehens, dass man keinen ernsthaften Zweck damit verbindet“, hat der preußische Bildungsmensch Wilhelm von Humboldt einmal gesagt. Seine Interpretation ließe sich heute auf andere Bereiche ausdehnen. Etwa im Fall noch nicht alkoholsüchtiger Schlucker auf den Begriff des Biertrinkens. Oder, zum Ärger der katholischen Pfaffen, auf den Geschlechtsverkehr mit Verhüterlis.

Selbstverständlich, meine Damen und Herren, ist Spazierengehen entschieden gesünder als Sex, schon weil der Mensch auf einer befriedigenden Fußreise viel mehr Kalorien verbraucht als bei einem fragwürdigen Koitus ohne Orgasmusgarantie. Und ein gutes Gefühl im Schritt hat er beim Gehen allemal.

Schon lange habe ich keinen Spaziergang mehr ohne ernsthaften Zweck unternommen. Als ich mich aufmache, durch die Stadt zu gehen, leitet mich der Hunger. Er führt mich zum Hospitalplatz. Dieser Ort zwischen Gymnasium- und Büchsenstraße mit der zu recht hoch gelobten Architektur des Hospitalhof-Neubaus ist relativ neu. Behauptet wird allenthalben, das Hospitalviertel liege im „Herzen der Stadt“. Diese zentrale Lage im städtischen Organismus nehmen allerdings auch die Konsumbunker von Breuninger, der Schlossplatz oder das Immobilienhaibecken namens Europaviertel für sich in Anspruch. In Wahrheit aber hat Stuttgart überhaupt kein Herz: In dieser Stadt schlägt und flattert, lärmt und kollabiert in allen möglichen Ecken immer irgendeine infarktgefährdete Pumpe.

Ich stelle mir gerade vor, wie ein Fremder an der Straßenbahnhaltestelle „Staatsgalerie“ aussteigt – in freudiger Erwartung, im Herzen des Theater- und Museumsviertels einer Landeshauptstadt gelandet zu sein. Dann stapft er die Treppen aus dem hässlichen Untergrund hoch und steht geschockt an einer Stadtautobahn, zitternd vor Furcht, von einem Vierzigtonner-Diesel aus dem Herzen Stuttgarts in die nächstbeste Baugrube katapultiert zu werden. Weit und breit keine Staatsgalerie an der Haltestelle. Was für ein Herz muss in einer Stadt schlagen, die ihr wichtigstes Kunstmuseum so mies behandelt. Eine alte Theaterregel lautet: Die Vorstellung beginnt nicht auf der Bühne, sondern an der Tür. In meiner begrenzten Weltsicht gehört zum Entree eines Museums auch seine Straßenbahnstation. Warum wird dieses Stuttgart-21-Geschwür nicht endlich umgetauft. Nennt die Haltestelle Nirwana.

Jetzt bin ich bei meinem Versuch, aus absolut niedrigen Beweggründen durchs Hospitalviertel zu spazieren, so weit abgeschweift, dass ich auch noch kurz Singapur streifen kann: Dort gingen am Tag meiner Platzbegehung Donald Trump und Kim Jong Un gemeinsam spazieren. Damit lieferten den Beweis für Humboldts These ausgerechnet diese beiden Nuklear-Neandertaler: Die Fortbewegung namens Spaziergang verfolgt keinerlei ernsthaften Zweck – höchstens das Ziel, die Welt mit verlogenem Fernsehkitsch zu blenden (was Humboldt nicht wissen konnte). Lustig war sie allerdings, diese Nummer nach dem Vorbild der Buddy-Filme aus Hollywood. Zwei hässliche Halunken auf Friedenstour, bewaffnet mit Frisuren, die jeden Atompilz wie einen Champignon aussehen lassen.

Und da wir jetzt schon beim Essen sind: Auf dem Hospitalplatz hatte ich ein klares Ziel mit Blick auf die Fußball-WM vor Augen. Zu den gastronomischen Errungenschaften des neuen Pausenhofs vor der evangelischen Kirche gehört der Imbiss Burreatos. Dessen Speisekarte weist eindeutig auf den ersten WM-Gegner des DFB-Teams hin. Mexikanische Burritos esse ich nicht etwa gern, weil ich mal mit einem alten Freund ohne ernsthaften Zweck ein paar Tage durch Mexiko-Stadt gestiefelt bin. Vielmehr erinnert mich jeder Biss in eine gefüllte Tortilla an The Flying Burritos, die Band des Sängers Gram Parsons. Mit 26 Jahren ist er 1973 gestorben. Dass dieser großartige Country-Rock-Musiker je gelebt hat und vermutlich nicht Opfer einer Überdosis Burritos wurde, habe ich erst Jahre nach seinem Tod erfahren. Dieser Freund länger Nächte. Heute hat für mich das Wort Burrito nicht nur wegen Gram Parsons einen betörenden Klang. „Burrito“ ist die spanische Verkleinerungsform von „Burro“, dem deutschen Esel. Wer schon hat nicht hin und wieder Appetit auf ein in Fladenbrot und Silberpapier gerolltes Eselchen, auch wenn mich das Ganze an eine vollgestopfte nasse Socke erinnert.

In der Hektik auf dem Hospitalplatz, wo die Menschen in ihrer Mittagspause zum Mexikaner rennen und unter Sonnenschirmen Tortillas mampfen, ist am Tresen etwas Eselsgeduld von Vorteil. Ähnliche Wortspielereien in Namen des Burros ließen sich jetzt leicht fortsetzen, hielte ich solche sprachlichen Ochsentouren nicht für saudoofe Eseleien.

Das spanische Wort sollte im Übrigen mit etwas Vorsicht in Italien verwendet werden. Dort bedeutet „Burro“ in jedem Fall „Butter“, und darauf möchte man an heißen Tagen nicht unbedingt herumreiten. Vielleicht findet sich zur Vermeidung dieser Falle eine Eselsbrücke, ehe man auf Mallorca großspurig Esel mit Marmelade bestellt.

Gern greife ich in diesem Zusammenhang auf ein Zitat Kurt Tucholskys zurück, weil es gerade jetzt bei der Fußball-WM sehr treffend ist. Tucholsky hat einst die politisch Rechten, die ihre sogenannte Heimat verklären und mit patriotischem Hurra-Geschrei allein für sich in Anspruch nehmen, als „nationale Esel“ verspottet.

Für mich alten Burro ist damit alles in Butter. Viva Mexiko!



 

im Nordbahnhof-Areal
 

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