Bauers Depeschen


Freitag, 08. Juni 2018, 1962. Depesche


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KUNDGEBUNG WOHNUNGSNOT

Am Donnerstag, 14. Juni, wenn im Stuttgarter Gemeinderat das Thema "Wohnen" verhandelt wird, ruft das Aktionsbündnis Recht auf Wohnen zu einer Kundgebung auf dem Marktplatz auf. Beginn der Aktionen um 14.30 Uhr. Reden von Betroffenen und Aktivisten ab 17 Uhr. Musik macht u. a. Stefan Hiss. Unsereins moderiert.



Samstag, 16. Juni: Es gibt noch Karten:

JOE BAUERS FLANEURSALON AM FLUSS

Die Show im Stuttgarter Neckarhafen mit:

Eric Gauthier & Jens-Peter Abele

Rolf Miller

Hajnal & Friends

Toba Borke & Pheel

Dietrich Krauß

Vesperkirchenchor rahmenlos & frei

Hier geht's zum Vorverkauf: MUSICCIRCUS - Kartentelefon: 0711/ 221105



UND SO GEHT‘S ZUM HAFEN

Weil immer wieder die Frage auftaucht, wie man in Stuttgart ohne Auto und Fahrrad, ohne U-Boot und Fallschirm zum Hafen gelangt, hier eine Empfehlung für mobile Globetrotter: Straßenbahnlinien 9 und 13 - Ausstieg Hedelfinger Straße, dann lockerer Fußmarsch über die berühmten Otto-Konz-Brücken mit Blick auf den Neckar. Anschließend steuerbord Richtung Mittelkai. Und dort wartet das Wunder.



Hört die Signale!

DAS LIED ZUM TAG



LIEBE LESERIN, LIEBER LESER,

lange wird es nicht mehr dauern, dann stehen hier nur noch Blog-Texte, weil ich meine Arbeit bei den StN beenden und in Rente gehen werde:



Privatnotizen 

WARUM WIR DISTELN BRAUCHEN

Ich habe gestreikt, nicht allein, immer wieder mit vielen Kolleginnen und Kollegen. Sinn und Zweck des Streiks ist es, gemeinsamen Willen im Kampf um seine Sache zu demonstrieren. Diese Art Tun und Lassen kennt man auch als „Solidarität“, und man muss schon ein Egoist sein, um diesen Begriff als folkloristische Floskel abzutun.

Dank unserer Verfassung ist der Streik ein Grundrecht, was nicht heißt, dass es keine Leute gibt, die ihn für unnötig oder einen Akt der Willkür halten. Das dürfen sie nicht nur denken, sondern auch sagen, weil uns die Verfassung auch die Meinungsfreiheit garantiert. Eine Freiheit, die es ohne solidarische Kämpfe und Streiks für demokratische Rechte nicht gäbe.

Die Journalistinnen und Journalisten streiken seit etlichen Wochen mit Blick auf die Inflationsrate nicht nur für höhere Gehälter in eigener Sache, sondern auch für bessere Bezahlung von Neulingen, damit unser Beruf auch in Zukunft attraktiv ist. Wenn die Alten, die vielleicht schon etwas haben, auch für die Jungen streiken, damit die etwas mehr bekommen, spricht man von Solidarität. Unsereins hat, frei nach dem Spott eines Arbeitgebers auf unsere Delegierten am Tarifverhandlungstisch, seinen „Lebensabend“ erreicht – müsste sich also nicht mehr zwingend um berufliche Verbesserungen kümmern.

Die zynische Floskel „Lebensabend“ allerdings sagt uns nichts Genaues: Geht es um eine helle, heiße und hoffnungsfrohe Sommernacht, die den Lebensabendmenschen ermutigt, sein Gewitter wie einst im Mai auf die Überheblichen zu entladen? Oder um versiffte späte Winterstunden, in denen sich der Lebensabendmensch zurückzieht, während der Lebensmorgenmanager in seinem gebirgstauglichen SUV durch die Gegend heizt.

Viele denken, wer streikt, verweigert die Arbeit und macht in dieser Zeit nur das, was ihm gefällt. Das ist Unsinn. Die Streikenden müssen mit ihren Gewerkschaften etwas auf die Beine stellen, um sich bemerkbar zu machen und Solidarität zu gewinnen. Sie müssen sich gegenseitig motivieren, um Durchhaltekraft aufzubauen. Wer das ernsthaft betreibt, lernt auch eine Menge über die Arbeit im Alltag, über die Gesellschaft und ihre Solidarität, deren schlimmster Feind der Egoismus ist.

Wir leben in einer gefährlichen Zeit. Der internationale Rechtsruck, mitten in der eklatanten Wohnungs- und propagandistisch ausgeschlachteten Flüchtlingsnot, bedroht unsere demokratischen Rechte. Freiheiten, die es einem führenden Rechtsnationalisten erlauben, die Nazis, ihre millionenfachen Morde und den Holocaust als „Vogelschiss“ in mehr als 1000 Jahren „deutscher Geschichte“ abzutun (es gibt keine 1000 Jahre deutscher Geschichte).

Als Stadtspaziergänger könnte ich diesen Vorfall aus Gründen beruflicher Begrenztheit als Fliegenschiss in weiter Ferne ignorieren, wüsste ich nicht, dass dieser völkische Ungeist auch in meiner nächsten Umgebung herrscht, etwa im Landtag. Dort sitzen nicht nur im Parlament, sondern auch in den Büros rechte Extremisten, beispielsweise Marcel Grauf, ein enger Mitarbeiter der AfD-Politikerin Christina Baum, der seine braun gefärbten Kriegs- und Mordgelüste auf Facebook verbreitet und mit „Sieg Heil“ unterstreicht. Aus Gründen der Pressefreiheit kann ich diesen Mann einen menschenverachtenden Hetzer heißen.

Diese individuelle Meinungsäußerung aber erscheint mir zu wenig, will ich den solidarischen Gedanken ernst nehmen. Von unseren Eltern – einst für viele von uns die Generation Lebensabend – wollten wir wissen: Was habt ihr eigentlich getan gegen die „Sieg Heil“-Verbrecher? Häufig gab es keine Antwort, die deshalb eine war. Im Lauf der Zeit hat mich die Neugier auf die Stadt, in der ich lebe, zu den Spuren von Frauen und Männern geführt, die gegen das Unrecht etwas getan und riskiert haben, oft ihr Leben. Und irgendwann habe ich begriffen, dass wir auch Jahrzehnte nach der Hitler-Diktatur und dem Holocaust nicht mal einen Flügelschlag von dem entfernt sind, was da war.

Nach der Streikversammlung im Willi-Bleicher-Haus gehe ich über den Charlottenplatz und stehe wie so oft vor dem – inzwischen rundum eingerüsteten - Gebäude, das man „Hotel Silber“ nennt: die ehemalige Gestapo-Zentrale, wo Menschen von Nazis gefoltert und ermordet wurden. Noch immer ist es nicht als Lern- und Erinnerungsort eröffnet. Ja, das Haus wird kommen, in absehbarer Zeit, mehr als 70 Jahre nach dem Untergang der Nazi-Diktatur, der nicht das Ende der Nazis war. An der Frontseite hat man vor nicht langer Zeit weithin sichtbar das Wort „Denunziation“ in Stein gemeißelt. Es bedeutet Anschwärzung, Verleumdung, Verrat. Das Gegenteil davon heißt Solidarität. Und nur das Engagement solidarischer Bürger hat das Hotel Silber vor den Abrissplänen der Stadtpolitiker gerettet. Ich muss noch eine kleine Anekdote erwähnen, auch wenn sie mir jetzt etwas pathetisch erscheint, weil zunächst nur purer Jux dahintersteckte.

Am Sonntagmorgen ging ich die Immenhoferstraße hinunter zum hässlichen Österreichischen Platz. An einer Hausecke sah ich eine kleine Distel, anscheinend noch weit entfernt von ihrem Lebensabend. Ich knipste sie mit meinem Taschentelefon: Man sieht auf dem Bild das grüne Pflänzchen vor den Asphaltplatten des Gehsteigs, der leeren Straße und etwas mitgenommenen Häusern. Das Foto verfrachtete ich auf Facebook und schrieb dazu aus Lust am Blödsinn: „Widerstand“. Seltsamerweise erntete dieses Bildchen sehr viele „Gefällt mir“-Klicks. Als herumspazierender Hobbypsychologe schließe ich daraus, dass es eine große Sehnsucht gibt, der Betonierung unserer Verhältnisse zu trotzen. Irgendwo scheint eine Lust auf Widerspenstigkeit zu schlummern.

Der große schottische Dichter und sozialistische Aktivist Hugh MacDiarmid hat in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts in seinem monumentalen Gedicht „A Drunk Man Looks at the Thistle“ die Distel als Symbol des Lebens besungen. Zweifellos kennt die Gattung Mensch ihre eigenen Distelgeschöpfe. Es hat nur wenig Sinn, einsam an der Hausecke zu streiken. Um Schlimmeres zu verhindern, brauchen wir eine Distel-Bewegung, am besten noch vor den Kommunalwahlen im kommenden Jahr.





 

im Nordbahnhof-Areal
 

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