Bauers Depeschen


Donnerstag, 31. Mai 2018, 1959. Depesche


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Hört die Signale!

DAS LIED ZUM TAG



LIEBE FREUNDINNEN UND FREUNDE, letzte Wohlgesinnte,

strömt zum Neckar, bevor uns das Leben davonschwimmt:



FLANEURSALON AM FLUSS

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Und hier private Notizen:

AM RANDE

Womöglich ist es ziemlich einfältig, mich jahrelang mit derselben Stadt zu beschäftigen, nur weil ich denke, sie könne dadurch etwas städtischer werden. Aber es läuft, wie es läuft, und es gilt die Binsenweisheit, wonach wir im Leben versäumen zu leben.

Am Mittag saß ich, geschützt hinter Topfpflanzen, vor meiner Stammkneipe in der Altstadt. Man erzählte mir, morgens um acht seien ein halbes Dutzend Polizisten, zwei Gerichtsvollzieher und jemand von der Hausverwaltung vor dem benachbarten Gebäude vorgefahren, um eine Zwangs-räumung durchzuführen. Unwichtig, wer aus der Wohnung geworfen wurde. Das Haus gehört der SWSG. Jeder weiß, dass dieses städtische Immobilienunternehmen nicht anderes arbeitet als all die anderen, die heute ihre Profite einfahren in der Elendszeit der Mietenexplosion und Wohnungsnot. Die Gründe für die Zwangsräumung kenne ich nicht. Es gibt immer ein Recht und ein Unrecht, und zu den schlimmsten Unrechten und Ungerechten zählen weiß Gott nicht die ärmsten Schlucker der Stadt.

Im Erdgeschoss des Altstadtgebäudes gibt es ein schönes Lokal mit arabischer und israelischer Küche, das Yafa. Die Miete, die das städtische Immobilienunternehmens verlangt, ist halsbrecherisch hoch, aber sicher gerecht. Seit jeher sind es die Gerechten, die kassieren. Was für eine unsinnige Politik im schwierigen Leonhardsviertel.

In der Nähe der zwangsgeräumten Wohnung hat ein Restaurant kurzfristig die Tür zugemacht. Die Betreiber gelten als die schwäbischsten türkischen Wirte der Stadt. Bei ihnen, ihr weiser Vater im Ruhestand ist der weithin bekannte Burhan, hab ich schon vor 30 Jahren gemischten Braten mit Kartoffelsalat gegessen. Damals war ihr Lokal im Westen der Stadt, das Riegraf. Jetzt hängen an der Frontseite des Murrhardter Hofs Schilder: „Vorübergehend geschlossen“. Hoffen wir das Beste.

Generell kostet es heute eine Menge Geld, ein Restaurant mit gutem Essen zu führen. Oft mehr, als sich mit gutem Essen verdienen lässt – sofern man sich halbwegs an die Arbeitsgesetze hält. Die Konzerne der Systemgastronomie tun sich leichter – und bemühen sich unter dem Beifall weiter Kreise der Bevölkerung redlich, die Esskultur unserer Städte bis zum Erbrechen zu vereinheitlichen.

Meine deutsche Lieblingsstadt ist Hamburg, jedenfalls wenn ich gerade dort bin. Manchmal ist meine Lieblingsstadt auch Frankfurt am Main, Heidelberg oder Berlin, wenn ich gerade dort bin. Es ist müßig, mich darüber auszulassen, warum mir andere Städte besser gefallen als meine eigene, die mir sowieso nicht gehört. Es ist Unsinn, Städte miteinander zu vergleichen, so wie man Popsongs mithilfe des eigenen Geschmacks vergleicht. Mein Geschmack ändert sich oft zwischen Morgen und Abend. So oder so halte ich meinen Geschmack für fragwürdig. Als ob ausgerechnet er mir sagen könnte, was gut ist. Wo soll er das denn gelernt haben?

Gut ein Dutzend Mal war ich in New York, nie länger als zehn Tage ensuite. Fragt mich jemand, was ich von dieser Stadt halte, antworte ich: Jedes Mal, wenn ich in dieser Stadt herumgestiefelt bin, war ich hoch erfreut über die Möglichkeit, in New York herumzustiefeln. Manchmal schwebte ich durch die Straßen und stellte mir vor, wessen Stiefel zuvor den New Yorker Asphalt getreten haben. Ein besseres Stadtgefühl gibt es nicht. Ich kenne New York nicht.

Hamburg ist auch eine große Sache, wenn ich gerade dort bin. In Hamburg geht mir das Herz so weit auf wie in New York. Das Gleiche passiert mir auch in Freiburg und Braunschweig, ohne jede Einschränkung auch in Besigheim und Buxtehude. Du musst nur die richtige Ecke erwischen.

Insgesamt bin ich in meinem Leben nicht weit herumgekommen. Ich könnte noch die eine oder andere Stadt aufzählen, die mir gefällt. Was aber könnten Aufzählungen erzählen. Im Übrigen kenne ich keine Stadt, in der mir nichts gefallen hat. Es kann doch niemand behaupten, in einer Stadt sei alles Mist, solange dort Menschen leben. Mexiko-Stadt schmeckt scharf.

In meiner Stadt hängen Plakate mit den Botschaften „Stuttgart ist Heimat – dank Dir“, „Stuttgart ist Zukunft – dank Dir“, „Stuttgart ist Sicherheit – dank Dir“. Wenn ich an diesen Plakaten vorbeigehe, ziehe ich meinen Hut und sage: Danke, Stuttgart, ich wusste, dass ich was Besonderes bin. Nicht irgendein Hansel. Ich sorge für Sicherheit, vermutlich in Geschmacksfragen.

Als ich einmal gerade aus Hamburg zurückkam, las ich in der Zeitung, in meiner Stadt seien sie dabei, eine neue Philharmonie zu bauen. Das ganz große Ding. Wir haben schon viele große Dinger gedreht und können gar nicht damit aufhören, an unserer eigenen Größe zu drehen. In der Debatte der Stadträte, die auch dann Stadträte heißen, wenn sie wie Dorfbuben daherschwätzen, fiel aus Gründen des angemessenen Maßstabs mehrfach das Wort „Elbphilharmonie“. Die Elbphilharmonie steht in Hamburg an der Elbe, was ihren Namen erklären könnte. Bei uns zu Hause gibt es den Nesenbach, von dem man nicht viel sehen kann, weil er verbuddelt wurde. Aber wie gesagt: Man sollte Städte nicht miteinander vergleichen. Hamburg ist eine Hansestadt. Stuttgart meine Hanselstadt.



 

im Nordbahnhof-Areal
 

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