Bauers Depeschen


Samstag, 12. Mai 2018, 1948. Depesche


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AfD-AUFMARSCH: HEUTE GEGENDEMO

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Aufruf zur Gegendemo: BÜNDNIS STUTTGART GEGEN RECHTS



Es gibt noch ein paar Plätze

FLANEURSALON FÜR UMSONST IM GASPARITSCH

Bevor es am 16. Juni ans Neckarufer in den Hafen geht: Am Dienstag, 15. Mai, machen wir mit dem Flaneursalon eine kleine, spezielle Unterstützer-Show im Selbstverwalteten Stadtteilzentrum Gasparitsch in Ostheim, Rotenbergstraße 125, gegenüber der Gaststätte Friedenau. Eintritt frei - alle Hut-Spenden zugunsten des Gasparitsch. Musik machen Stefan Hannibal Hiss und Anja Binder & Jens-Peter Abele. Beginn 20 Uhr.

Für Anmeldungen sind wir dankbar: kontakt@stadtteilzentrum-gasparitsch.org

Oder: www.flaneursalon.de (Kontakt)



Hört die Signale!

MUSIK ZUM TAG



Kolumnen zeitversetzt

LIEBE GÄSTE,

inzwischen habe ich die Erlaubnis, meine StN-Kolumnen, die online im StN-Plus-Agebot zu finden sind, mit einer Woche Zeitverzögerung auf meine Homepage zu stellen. Dafür werde ich die Texte - wenn nötig - so verändern, dass ursprüngliche Bezüge zur Aktualität nicht zu Missverständnissen führen. Bitteschön:



SINNLICHKEIT UND STACHELN

Das schöne Wort „Wirtshaus“ ist bei uns leider in Vergessenheit geraten, schade, sagt es doch viel über die Bedeutung des Hausherrn für die Gäste. Heute erzähle ich von einem Lokal in der Altstadt, das einst von einer legendären Frau geführt wurde – und sich als echtes Wirtinnenhaus durchgesetzt hat. Jetzt feiert diese exotische Oase der Gastlichkeit Jubiläum im Leonhardsviertel, in Stuttgarts historischem Zentrum.

Vielleicht hätte das Lokal in der Nachbarschaft von Rotlichtschuppen und Bordellen früher der Begriff „Schänke mit Notküche“ gut charakterisiert. Das heutige Restaurant mit gehobener Küche hat so viele romanreife Kapitel zu erzählen, dass es mir unmöglich ist, zwischen Verklärung, Fantasie und Fakten zu unterscheiden. Auch weil früher der Blick auf den Tatort von stattlichen Mengen bewusstseinsverändernder Substanzen gesteuert war.

Die wunderschönen Butzenscheiben an der Frontwand sind die alten, sie schützen die Intimität der guten Stube. Noch nie, sagt mir Christina Beutler, eine der drei heutigen Wirtinnen, seien diese Fenster beschädigt worden. Ein Wunder – verdeckt das bunte Glas doch den Blick auf die Leonhardstraße, wo es an den Wochenenden nicht besonders romantisch zugeht, wenn testosteron- gesteuerte Welteroberer ihre Muckibudenleiber ausfahren.

Ich treffe Christina Beutler am Vormittag in der Weinstube Fröhlich. Es schärft die Sinne, in einem noch geschlossenen Lokal zu sitzen. Gute Orte sind nie unbewohnt, ihr Geist lebt und lässt menschliche Wärme spüren. Obwohl ich schon lange kein Stammgast mehr bin, überkommt mich an diesem Morgen das Gefühl, ich hätte den Laden erst in der Nacht zuvor verlassen. Die Holztische und -stühle sind dieselben wie früher, der Stammtisch steht nach wie vor rechts neben dem Eingang – und die runde Tafel im Nebenraum.

Auch die Toiletten sind noch, wo sie waren. Nur an der Wand davor fehlt der Münzfernsprecher. Veteranen jeden Geschlechts erinnern sich, wie in den siebziger Jahren die gut beleibte Kneipenchefin Emma „Melle“ Widmer an ihrem Privattischchen mit dem kleinen Fernsehapparat den Kopf hob und mit tiefer Stimme durchs Lokal rief, man solle jetzt gefälligst ruhig sein: Der Herr Dr. Klaus Croissant müsse telefonieren. Croissant war ein berühmter RAF-Anwalt und die Welt in Unordnung.

Damals fiel es schwer, auch nur zwei Minuten die Klappe zu halten in einer Kneipe, in der die Revolution vorbereitet, eine gescheiterte Liebe beweint oder der Dichter Rimbaud von Hans Fröhlich, dem Feuilletonchef der Stuttgarter Nachrichten, in seine Einzelheiten zerlegt wurde.

Seit 30 Jahren nun trägt die ehemalige Weinstube Widmer, gegründet von der Schaustellertochter und ehemaligen Balletttänzerin „Melle“, den Fröhlich im Namen. Im April 1988 übernahm der im Unfrieden von seinem Chefredakteur abgedankte Journalist das Lokal, nachdem er sechs Jahre lang in seinem Treff Fröhlich unter der Liederhalle Kneipenerfahrung gesammelt hatte. Die Idee für den Wechsel hatte der Hofbräu-Vertriebschef Rolf „Rolli“ Wachter, heute als lebende GastroLegende im Ruhestand. Von da an hieß die Weinstube Widmer-Fröhlich – und nach Hans Fröhlichs überraschendem Tod 1996 mit 62 Jahren endgültig Weinstube Fröhlich.

Christina Beutler hatte den Namensgeber in seinem Job als Wirt von Anfang an begleitet. Nach seinem Tod übernahm sie das Lokal und machte es zum Haus der Wirtinnen. Ihre Partnerinnen sind seit Langem Mancika Wiener-Késinovic und deren Schwester Lisa König. Für die Küche sind Andreas Neu und Klara Trichtinger verantwortlich. Das Angebot ist regional geprägt: weltläufig- schwäbisch. Die Gäste in diesem Ensemble dürfen ohne Ironie von betreutem Essen und Trinken sprechen.

Das Restaurant auf der kleinen Rotlichtmeile wird noch lange vom Wandel der Zeiten in der Stadt erzählen. Episoden voller Komik und Tragik. Bevor in den achtziger Jahren Stuttgarts pietistische Sperrzeiten fielen – fast überall außer in Rotlichtbars war um Mitternacht Zapfenstreich –, hatte die Widmer eine dauerhafte Sondererlaubnis bis 2 Uhr durchgesetzt. Im hinterwäldlerischen Rathaus siegte nach hartem Kampf das Argument, auch Schauspieler, Sänger und andere Bühnenmenschen

hätten nach getaner Arbeit das Recht auf etwas Nahrung, auch flüssige.

Die Leonhardstraße 5 war ein Künstlerlokal, mythischer Hort professioneller Intellektueller und passionierter Anarchisten. Hier verkehrten in den Siebzigern Galeristen, Schriftsteller, Architekten, - Medienleute. Theaterstars wie Gerd Voss und Kirsten Dene, Peter Sattmann und Therese Affolter (das Gretchen aus Claus Peymanns „Faust“). Da war es nichts Ungewöhnliches, wenn der Schauspieler Christoph Hofrichter mit Bernhard Minetti, dem Berliner Gottvater aller Mimen, ins Lokal kam. Ich erinnere mich an den großen und liebenswürdigen Schauspieler Ulrich Wildgruber, wie er still und geschwächt vom Barhocker sank. 1999 suchte er als Nichtschwimmer den Tod im Wasser vor Sylt.

Die Künstlerära, diese Bienenkorbzeit voller Sinnlichkeit und Stacheln, ging zu Ende. Heute ist die Weinstube Fröhlich ein bürgerliches Restaurant mit 70 Plätzen, von denen sich auch mal der nicht besonders rot ausgeleuchtete Innenminister Thomas Strobl einen reservieren lässt. Der Kampf um nächtlichen Einlass, wie er bei der Widmerin per Klopfzeichen an der Tür geführt wurde, ist längst Geschichte. Seit 2003 gibt es im Fröhlich einen malerischen Hinterhofgarten mit 40 Plätzen, Wasserspiel und dem Atelier des Papierkünstlers Clemens Schneider in der Nachbarschaft.

Das Haus ist im Besitz der Stadt, die Miete hoch. Christina Beutler, an Widrigkeiten gewohnt, wünscht sich von Politik und Polizei, endlich die Wochenendturbulenzen auf der Leonhardstraße - ernst zu nehmen. Manchmal habe sie den Eindruck, das Rathaus habe das Viertel als „verloren“ aufgegeben. Dabei lehrt uns die Geschichte dieser Weinstube: Es sind die Verlorengeglaubten, die überleben.





 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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