Bauers Depeschen


Donnerstag, 12. April 2018, 1930. Depesche


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MUSIK ZUM TAG



Die aktuelle StN-Kolumne:

GENERALSTREIK

Heute sind Warnstreiks in der Stadt. Busse und Bahnen stehen still, Kitas und Schwimmbäder bleiben geschlossen, die Müllabfuhr fällt aus. Auch die Flucht aus den verstopften Straßen unseres Feinstaubkessels auf dem Luftweg könnte etwas schwierig werden: Auf den Flughäfen wird ebenfalls die Arbeit niedergelegt.

Die Streikfreiheit ist in unserem Grundgesetz verankert, die meisten von uns haben das Recht, die Arbeit zur Durchsetzung von Tarifforderungen zu verweigern. Laut Bundesarbeitsgericht besteht der Sinn und Zweck des Streiks durchaus auch darin, wirtschaftlichen Schaden anzurichten, um Druck gegen die Arbeitgeber aufzubauen. Was wir Journalisten in diesen Tagen auch hin und wieder tun.

Arbeitgeber haben für Arbeitskämpfe in aller Regel „kein Verständnis“. So sagte es neulich der Sozialbürgermeister Wölfle bei den Warnstreiks in den Kitas. Der Grüne sonderte nicht nur die übliche Floskel ab, wonach diese Maßnahme „zulasten von Eltern und Kindern“ gehe. Er formulierte auch die überhebliche Erkenntnis, diese Streiks seien „fast schon folkloristisch zu betrachten“.

Im Volkstheater kennt er sich aus: Früher gab sich der ehemalige Sozialarbeiter und Stadtrat unter anderem als vitaler Protestfolklorist im Kampf gegen Stuttgart 21, ehe er mit viel Verständnis für den Gegner den Hals wendete.

So ist das Leben in unserer bunten Gemeinde, die Streikgeschichte geschrieben hat wie kaum eine andere dieser Republik. Es ist ein paar Tage her, nicht mal 70 Jahre: Bekannt wurde der große Arbeiterprotest der Nachkriegszeit unter dem Begriff „Stuttgarter Ereignisse“ – auch „Stuttgarter Vorfälle“ oder „Stuttgarter Tumult“ genannt. Es war am 28. Oktober 1948, im Jahr vor der Gründung der Bundesrepublik und des DGB. Allerdings war es zunächst nicht das Scharmützel nach einer großen Kundgebung auf dem Karlsplatz für Preisregulierung, Lohnerhöhung und Mitbestimmung, das überall Schlagzeilen machte. Vielmehr beschäftigten die Reaktion der US-Militärs und die drastischen Folgen für Stuttgarts Bevölkerung die Medien.

Am Donnerstag, 28. Oktober 1948, wird in allen Betrieben der Stadt von 13 bis 14 Uhr die Arbeit niedergelegt. Fast 100 000 sind dem Aufruf zum Protest gefolgt. Der legendäre Stuttgarter Gewerkschaftsführer Hans Stetter fordert in seiner Rede auf dem Karlsplatz Maßnahmen, „um die Lohn- und Gehaltsempfänger vor dem Verhungern zu schützen“. Als sein Auftritt beendet ist und die Leute nach Hause gehen wollen – so berichtet am Montag darauf der „Spiegel“ –, greifen „ein paar Radaubrüder ein, deren Kennkarten im Rheinland und in Dresden abgestempelt waren“, und stacheln den Volkszorn gegen das Modegeschäft Stahl in der Königstraße auf. Bierflaschen und Steine fliegen, Schaufenster gehen zu Bruch – und zwischen „seidenen Krawatten und überteuerten Handschuhen und Stoffen (80 DM pro Meter)“ sitzt ein „ramponierter Stadtpolizist“. Davor „johlt eine aufgebrachte Menge“. Ob Provokateure die Unruhen heraufbeschworen haben, wurde nie geklärt. Weil aber die heimische Polizei nicht Herr der Lage ist, greifen die amerikanischen Kollegen mit Schlagstöcken, Tränengas und Panzern ein.

Zwei Tage später fordern die Amerikaner laut „Spiegel“ bei der Stuttgarter Zeitung einen Redakteur mit der Maßgabe an, er dürfe „kein Kommunist“ sein. Der Chef der Militärregierung für Württemberg-Baden, Charles M. La Follette, übergibt ihm die Ausgangssperre: Alle 450 000 Stuttgarter haben sich von neun Uhr abends bis morgens um vier in ihrer Wohnung aufzuhalten. Bei Verstoß drohe „jede Strafe außer der Todesstrafe“. Der deutschen Polizei teilen die US-Kräfte wörtlich mit, sie habe „Scheiße“ gebaut. Als Schuldige der Ausschreitungen aber gelten selbstverständlich die Gewerkschaften.

Über die Vorfälle heißt es in dem von Theodor Bergmann, dem Stuttgarter Widerstandskämpfer, Publizisten und Agrarwissenschaftler, herausgegebenen Buch „Klassenkampf & Solidarität“: „Der Ortsausschuss der Gewerkschaften distanzierte sich von den Steinwürfen gegen das Modehaus, erklärte aber gleichzeitig, dass solche Zwischenfälle durch ‚habgierige Geschäftemacher‘ und ihre Duldung durch die Behörden provoziert wurden. Trotz dieser Erklärung wurde Hans Stetter von der amerikanischen Militärpolizei festgenommen und in Frankfurt von General Clay stundenlangen schweren Anschuldigungen ausgesetzt.“ Stetter wird vorgeworfen, er habe die Massen aufgehetzt. Clay sagt ihm, aufgrund der Stuttgarter Vorgänge könne er die Gewerkschaften verbieten, beendet den Rapport aber mit dem Satz: „Ich will das vorläufig nicht tun.“

Das unbefristet ausgesprochene Ausgehverbot löst in Stuttgart Empörung aus. Die Gewerkschaften beginnen mit der Vorbereitung eines Generalstreiks, der schließlich am 8. November in Düsseldorf für den 12. November beschlossen und nach heftigen Diskussionen von zunächst geplanten 48 auf 24 Stunden beschränkt wird. Nach den „Stuttgarter Ereignissen“ genehmigen die US-Behörden diese „Arbeitsruhe“ nur unter der Auflage, keine Kundgebungen, Demonstrationen und „sonstige Zusammenkünfte“ abzuhalten.

In der sogenannten Bizone, dem Zusammenschluss von amerikanischer und britischer Besatzungszone, legen am 12. November mehr als neun Millionen Arbeiter aus Industrie und Handel, Handwerk und Verkehrswesen die Arbeit nieder – drei Viertel der 11,7 Millionen Beschäftigten. Damals haben die Gewerkschaften nur vier Millionen Mitglieder.

Trotz des großen Erfolgs der Aktion ­wird der Begriff „Generalstreik“ lange vermieden, auch von Gewerkschaften. Kurioserweise spricht man von einem „Demonstrationsstreik“, obwohl Demonstrationen verboten waren. Der Unmut der Arbeiterschaft richtete sich vor allem gegen Ludwig Erhard, den Kopf des westdeutschen Wirtschafts- und Verwaltungsrats. Er hatte mit der Währungsreform im Juni 1948 sämtliche Preiskontrollen aufgehoben und damit den Grundstein für die soziale Marktwirtschaft gelegt. Im Dezember wurde der Lohnstopp teilweise und – nach weiteren aufreibenden Arbeitskämpfen – im Jahr darauf komplett freigegeben.

Ohne die „Stuttgarter Ereignisse“ vom 28. Oktober 1948 wäre die Arbeitergeschichte der Bundesrepublik womöglich anders verlaufen. Wen wird da das bisschen Streik am heutigen Donnerstag kratzen.



 

im Nordbahnhof-Areal
 

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