Bauers Depeschen


Samstag, 24. März 2018, 1921. Depesche


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*** IN DIESEM JAHR FEIERN WIR 20 JAHRE FLANEURSALON ***

Meine allererste Leseshow fand 1998 im Gustav-Siegle-Haus statt

2018: Cannstatt, Hafen, Gustav-Siegle-Haus



Hört die Signale!

MUSIK ZUM TAG



Die aktuelle StN-Kolumne:

GUTE NACHT

Der Begriff „Nachtschwärmer“ gilt nicht für Menschen, die von der Nacht schwärmen. Sondern für solche, die nächtens ausschwärmen und sich treffen wie Motten im Licht. Ob vom nächtlichen Herumschwärmen auch noch zu schwärmen ist, wenn das Licht das Dunkel wieder verdrängt hat, lasse ich mal im Dunkeln.

Wir kennen den Begriff „Dunkeldeutschland“. Entstanden ist er nach der Wende, als viele kapitalistische Leuchten entdeckten, dass unsere sozialistischen Schwestern und Brüder nicht so viel künstliches Licht wie wir in ihren Gemeinden hatten. Als uns ein Pfarrer und späterer Bundespräsident aus Dunkeldeutschland die Welt erklärte, wurde dieser Begriff eine Metapher für rechtsextremistisch verseuchte Teile Ostdeutschlands. Dies aber hat nur davon abgelenkt, dass auch im hellen Westen längst reichlich Dunkeldeutschhirne ihr Unwesen treiben. Auch in unseren Parlamenten, etwa als Viererbande im Stuttgarter Rathaus, wo sie heute zwar nur noch als Schmuddellichtgestalten herumflackern, aber dennoch ständig wahrgenommen werden.

Es wäre fahrlässig, die Dunkeldeutschhirne für unterbelichtet zu halten und ihre düstere Strahlkraft zu unterschätzen. Im kommenden Jahr sind Gemeinderatswahlen, und dann werden wir sehen, ob nicht etliche unserer Mitmenschen auch einen Laternenmast wählen werden, falls er das richtige Parteiabzeichen trägt und in ihre seelische Finsternis hineinfunzelt.

Als junger Mensch habe ich Zeiten erlebt, in denen es voll uncool war, in Stuttgart eine Kneipe vor elf Uhr abends zu betreten. Selbstverständlich sagte kein Mensch „elf Uhr nachts“. Die Nacht begann ja erst viel später. Das Wort „cool“ kannten damals nur Hipster – als noch kaum jemand Hipster kannte. Unsere wenigen Hipster hatten mit den heutigen Hotspot-Clowns nichts gemein. Sie besaßen ein Geheimwissen und kannten alle coolen Platten und Filme, Bücher und Frauen, von denen wir Weltfremden nie gehört hatten.

In den siebziger Jahren, zum Beispiel, waren die Stuttgarter Nächte megacool, weil es von Amts wegen gar keine Nächte gab – außer im Rotlichtviertel für die Bedürftigen und die Herren mit den dicken Brieftaschen, aus denen hie und da auch mal was ins Rathaus flatterte. Die meisten Kneipen wurden auf Befehl von oben um Mitternacht geschlossen. Wer trotzdem in die Schattenreiche der Stadt ausschwärmte, hatte ein Geheimwissen von den Gesetzen der Stuttgartnacht und kannte die Klopfzeichen der Eingeweihten. Selbst der Ungebildetste von uns konnte seinen Goethe noch im Schlaf aufsagen: „Jeder Tag hat seine Plage, und die Nacht hat ihre Lust.“ Etwas unbefriedigend an der Gesamtsituation war lediglich, dass die Lust der Nacht nicht erst in der Nacht, sondern schon am Tag zur Plage wurde.

Alte Geschichten. Längst gibt es sogar eine organisierte „Stuttgartnacht“. Zigtausende fahren mit Bussen in der Stadt herum und schauen sich nachts Sachen an, die sie auch tags zu sehen bekämen, wenn sie tags besser sehen könnten.

Die Nacht zum Sonntag, dem 25. März, könnte für einige von uns schneller enden als gedacht. Auf Geheiß der Obrigkeit haben wir unsere Uhren umzustellen – auch unsere Bio-Uhr. Wie immer wissen wir zunächst nicht, ob wir unser Leben eine Stunde nach vorne oder eine zurücksetzen müssen. Und wie immer helfen uns dabei Millionen professioneller Ratgeber der Medienbranche.

Es gibt unzählige poetische und philosophische Betrachtungen der Nacht. Ich traue mir nicht zu, mich in dieses von Mythen umrankte Geschäft einzumischen. Guten Gewissens kann ich nur sagen, dass die Nacht in der Stadt heute unter einer gewissen Lichtverschmutzung leidet, weil der Konsum keine Dunkelheit erträgt. Bei uns im Kessel hält sich dieses Problem allerdings in Grenzen. Immer wenn ich nachts nach Hause schleiche, geht mir ein Licht auf, was mit dem Prädikat „kuhnacht“ gemeint ist: Trotz der Laternen und Reklamelichter sind ganze Viertel unseres Dorfs menschenleer, und ich kann das Muhen von der Weide hören. Vielleicht aber vernehme ich auch den Sound von Hipster-Sex.

Seltsamerweise fällt mir die Stille der Nacht außerhalb der Wochenenden zur Bespaßung der Landjugend mit fröhlichem Hauswandpissen erst auf, seit ich in einer südlichen Gegend wohne, die eher dem sogenannten Zentrum zugerechnet wird als mein früherer Heimathafen im Westen.

Einige werden nun denken, diese Zeilen hier hätte ich in völliger Umnachtung geschrieben, verlassen vom Bruder des Tageslichts, der Dunkelheit. Stimmt nicht. Erstens hat mich einst der Schriftsteller Raymond Chandler belehrt, dass die Gedanken der Nacht dem Tageslicht nicht standhalten. Und zweitens sein Kollege Charles Willeford, Lieblingsautor des Regisseurs Quentin Tarantino, mich in dieser Meinung bestärkt: „Falls du nachts eine gute Idee hast, steh nicht auf und schreib sie auf. Wenn du das tust und es dann am nächsten Morgen liest, wird es wie etwas aussehen, das du mitten in der Nacht auf­geschrieben hast.“

Mein Hell- und Dunkelgetue ist also kein Spätschichtprodukt. Es dient nur der hinterlistigen Absicht, das Nachtgeschäft etwas anzukurbeln. Wie immer spüre ich kurz vor dem Osterleuchten die heilige Pflicht, auf die Zeit der Weihnachtskerzen hinzuweisen. Und auch diesmal, verehrtes Publikum, ist meine Botschaft weniger als Werbung denn als Tipp gedacht: Für „Die Nacht der Lieder“, die Benefizshow unserer Aktion Weihnachten am 5. und 6. Dezember im Theaterhaus, gibt es inzwischen nur noch wenige Karten. Das Programm für beide Nächte, die abends um halb acht beginnen, ist nahezu komplett. Diesmal präsentiert unser famoser Entertainer Eric Gauthier folgende Gäste: die Jazz- und Soulsängerin Fola Dada, den internationalen Chor Zuflucht­ mit Cornelia Lanz (Gesang), den Kabarettisten Stefan Waghubinger, die Branko Arnsek Band (Salsa), das Joss Reinicke Vokal Ensemble (Klassik), die Beach-Pop-Band Rikas – und wie immer die A-cappella-Formation Füenf. Im Gespräch ist noch ein Klassik-Duo.

Karten gibt es online über THEATERHAUS und telefonisch unter der Nummer 07 11 / 4 02 07 20.

In diesem Sinne: Schönes Wochenende und gute Nacht!



 

im Nordbahnhof-Areal
 

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