Bauers Depeschen


Dienstag, 20. Februar 2018, 1912. Depesche


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FLANEURSALON LIVE

Einen der wenigen FLANEURSALON-Abende in diesem Jahr machen wir am Donnerstag, 19. Apri, in Cannstatt - in erlesener Besetzung im schönen Saal des Stuttgarter Stadtarchivs, neben der Kulturinsel. Die Sängerin Marie Louise ist mit ihrem Gitarristen Zura Dzagnidze bei uns, der junge syrische Sänger/Gitarrist Mazen R Mohsen tritt auf, Loisach Marci muss wieder ran - und Timo Brunke führt durch den Abend. Meine Stuttgarter Lieder- und Geschichtenshow ist offiziell im Beiprogramm der Stadtarchiv-Ausstellung "Kessel unter Druck - Protest in Stuttgart 1945 - 1989". Und womöglich hab ich zu diesem Thema nebenbei auch ein paar Sätze in meinem Kessel. Der Vorverkauf hat begonnen. Hier der Klick RESERVIX



Hört die Signale!

MUSIK ZUM TAG



Die aktuelle StN-Kolumne:

AM STEILHANG

Kaum hatte ich für immer meinen westlichen Heimathafen verlassen, landete ich im Winter des Südens, wie zur Strafe mitten im Tiefschnee.

Der Stuttgarter Westen ist weit. 30 Jahre lang, fast die Hälfte meines Lebens, habe ich in der Gegend ­um den Hölderlinplatz gewohnt, zuletzt 20 Jahre in der Klopstockstraße, neben der Novalisstaffel. Ein Dichter ist dennoch nicht aus mir geworden.

Um die Lage auf dem politisch verheerenden Wohnungsmarkt nicht zu beschönigen, muss ich darauf hinweisen, dass ich vor meinem Umzug keine neue Bleibe gesucht habe, weil mir eine solches Unterfangen vollkommen sinnlos erscheint. Quasi über Nacht bin ich in meine neue Wohnung hineingestolpert, dank einer Verkettung glücklicher Umstände, bei uns auch als „Dummenglück“ bekannt. Bis heute weiß ich nicht genau, wo ich wie gelandet bin.

Mein erster halbwegs entspannter Spaziergang in neuer Umgebung, dem Heusteig- und Lehenviertel, führte mich die Immenhofer Straße hinauf. Die Strecke vom Österreichischen Platz, diesem symbolischen Loch einer abgrundtiefen Stadtplanung, zu den Waldhügeln des Südens lehrte mich wieder einmal, wie viele Gesichter eine Straße haben kann. Zu Beginn ihrer Steigung erscheint sie einem zwischen alten, vom Krieg verschonten Häusern als asphaltierte Allerweltsschneise, nur gebaut, Autos in den Mief der Autostadt zu schleusen. Bald schon aber verwandelt sie sich in eine beschau­liche Bergstrecke, die einen zum Aufstieg in eine schöne, großzügige Parklandschaft führt.

Es war der Februarsonntag nach dem sehr spät gefallenen ersten Schnee. Planlos, mit Lammfellschuhwerk gerüstet, stapfte ich nach dem Ende der Immenhofer Straße hinein in die steile Schwarzweißlandschaft eines Zauberwalds, wo der Fangelsbach, äh, rauscht. Der Wernhaldenpark. Obwohl ich schon etliche Kilometer in der Stadt zurückgelegt habe, kam ich mir vor wie ein Tourist. Vermutlich, dachte ich, ist es völlig wurscht, wohin du ziehst. Vom Stuttgarter Westen in den Stuttgarter Süden oder vom Herrenberger Marktplatz zum Hamburger Millerntor. Nach der Ankunft bist du nur ein kleiner Reingeschneiter. Und selbst Läden, die du zuvor schon einmal betreten hast, das Fisch- und Gemüsegeschäft oder das Café in deiner Straße, wirken auf einmal ganz anderes, wenn dir klar wird, dass sie künftig zu deinem Alltag gehören. Der läppische Wechsel von A nach B innerhalb einer Stadt verschafft dir letztlich eine, wenn man so will, andere Heimat.

Diese Dinge gingen mir, vom vielen Schnee vielleicht etwas angetörnt, durch den Kopf, als ich zwischen den Mammutbäumen oberhalb der Immenhofer Straße herumstiefelte. In meiner kleinen Welt ist Heimat kein Ort. Sondern ein Gefühl. Heimat ist, wo du deine Tür hinter dir zumachst im Vertrauen, dass sie wieder aufgeht. Fällt das Wort „Heimat“, denke ich nicht an die Herkunft eines Menschen. Beim Blick auf die eingeschneiten Mammutbäume in der Kälte des Südens erscheint es mir nur wichtig, dass jemand ein Heim hat. Vielleicht ist das Heimat.

Seit ich denken kann, wird bei uns über den Begriff „Heimat“ gestritten. Diese Debatte hat sich wieder verschärft, seit ein Herr Seehofer aus dem Mir-san-mir-Bayern neben dem Ministerium für Inneres und Bauwesen auch das neue Amt eines Heimatministers führt. Mag man das Zusammenspiel von Innerem und Bau noch als logisch betrachten, weil ja irgendwer die Immobilienmafia vor Strafverfolgung schützen muss, so öffnet der Titel „Heimatminister“ allen Missdeutungen Tür und Tor. Und Missbrauch von Wörtern ist an der Tagesordnung, seit die Rechtsnationalen und Völkischen immer stärker werden und unsere Sprache für ihre Propaganda zurechtbiegen.

Der Filmemacher Edgar Reitz, der vor 30 Jahren mit seiner unvergessenen Fernsehserie „Heimat“ die „Gartenzaun-Mentalität“ hinter diesem Wort bekämpfte, sagte neulich dem Berliner „Tagesspiegel“: „Der Gedanke, dass sich jetzt sogar ein Ministerium für Heimat zuständig machen soll, erscheint mir haarsträubend in einer Zeit, in der dieser Begriff von Verlusterfahrung, Hilflosigkeit und Fremdheit erzählt, die Millionen Menschen erleiden.“

Mir als Schneewanderer im zaunfreien Mammutgarten vor der neuen Haustür genügt das Wort „Zuhause“, um mich sprachlich und emotional von allen verkitschten und ideologisch verseuchten Heimaten (dieses Wort gibt es) fernzuhalten. Nicht verzichten kann ich allerdings auf den in Vergessenheit geratenen Spezialfluch „Heimatsack“. Von Tag zu Tag begegne ich mehr Heimatsäcken.

Zum Glück ist das Wort „Heimat“ nicht im alleinigen Besitz Konservativer und Rechtsextremer. Es gibt auch Menschen, die es jenseits aller „Deutschland den Deutschen“-Tümelei verwenden, um ihm eine Würde zu verleihen, im internationalen Zusammenleben. In diesem Zusammenhang ist es mir wichtig, auf zwei Veranstaltungen hinzuweisen: Vom 12. bis zum 23. März findet zum dritten Mal die Stuttgarter Reihe „Heimat. Internationale Wochen gegen Rassismus“ statt. Organi­satoren dieses Festivals mit Workshops und künstlerischen Aufführungen sind unter anderem der Stadtjugendring, das Jugend- und Kulturzentrum Forum 3, das Forum der Kulturen und das Büro für Antidiskriminierungsarbeit. Zentrale Bühne ist das Forum 3 in der Gymnasiumstraße (KLICK ZU FORUM 3 – Telefon 07 11 / 4 40 07 49 77).

Eine aufregende Auseinandersetzung mit der Volksmusikbewegung unserer Tage plant das Theaterhaus: Vom 6. bis zum 9. September werden internationale Künstlerinnen und Künstler auf dem Pragsattel stil und genreübergreifende Stücke unter dem Motto „Sound of Heimat“ präsentieren. Gruppen wie die Cuba-Boarischen, Alma oder Jütz mischen traditionelle Klänge ihrer Region mit kulturellen Elementen ferner Länder. Bayern trifft Kuba, Südtirol die Türkei (auch Loisach Marci aus Stuttgart ist dabei). Die Protagonisten dieser zeitgenössischen Volksmusik mischen Folk und Jazz, Pop und Klassik. Das Wort „Heimat“ im Festivalmotto steht für die Gemeinsamkeiten unterschiedlicher Menschen über alle Grenzen hinweg.

In diesem Sinne: Mein Zug durch die begrenzte Gemeinde geht weiter.





 

im Nordbahnhof-Areal
 

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