Bauers Depeschen


Dienstag, 23. Januar 2018, 1908. Depesche


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STUTTGART GEGEN RECHTS

TREFFEN AM 10. FEBRUAR

Nach der eindrucksvollen Stuttgarter Demo vor der Bundestagswahl gegen die AfD und den Rechtsruck habe ich mich mit Mitgliedern der Initiative Stuttgart gegen Rechts, einem breiten Bündnis überwiegend junger Menschen, getroffen. Inzwischen haben wir zusammen ein offenes Treffen zum besseren Kennenlernen und Vernetzen organisiert. Auch für alle, die gern was tun würden - aber nicht wissen, wie und mit wem. Erst mal keine große Sache, ein Zeichen, ein Anfang: Information, Diskussion. Das Ganze findet statt am Samstag, 10. Februar, im Württembergischen Kunstverein. 14 UHR BIS 17 UHR. Zwischendurch spielen uns der Freestyle-Rapper Toba Borke und der Beatboxer Pheel den Soundtrack zum Thema. Für Anmeldungen zu besseren Vorbereitung sind wir dankbar:

stuttgart-gegen-rechts@freenet.de.



Hört die Signale!

MUSIK ZUM TAG



Die aktuelle StN-Kolumne:

KEINE GRENZEN

Die Sängerin Hajnal Péter ist in meiner Nachbarschaft zu Hause. Sich mit ihr auf einen Plausch zu treffen ist allerdings kaum einfacher, als den Wind in den Straßen mit den Händen einzufangen.

Sie hat eine Ausbildung als Ergotherapeutin absolviert und in Budapest Gesang studiert. Sie bestreitet einen Vollzeitjob mit musikalischer Früherziehung in Kitas und kümmert sich um ihren zwölfjährigen Sohn. Und dann ist da die Bühne. Die Musik. Ihr Leben ist wie Jazz, ein Parforceritt zwischen Disziplin und Improvisation.

Im Dezember, nach ihrem Gastspiel mit der Frauenband Women of Music bei der „Nacht der Lieder“, der Benefizshow unserer Zeitung im Theaterhaus, gingen wir gemeinsam mit unserem Moderator Eric Gauthier zum Taxi. Unser Nachtfahrer heißt Ianni, ein Grieche, den ich schon ein paar Tage kenne. Bevor wir einsteigen, singt ihm Hajnal ein Lied in seiner Heimatsprache vor. Dieses Ritual pflegt sie immer, bevor sie ins Taxi steigt, ganz gleich, ob der Fahrer Serbe, Georgier oder Kongolese ist.

Im Auto erwähnt Ianni beiläufig, auch er habe mal Musik gemacht. Wir haken nach. Er erzählt, wie er als armer Junge in seiner Heimat eine Bouzouki geschenkt bekam. Er greift zu seinem Smartphone, startet ein Video – und uns bleibt die Spucke weg. Ianni ist ein echter Virtuose, spielt großartig die griechische Laute. Heute nimmt er sie nur noch zur Freude seines kleinen Enkels in die Hand.

Solche Geschichten erlebst du mit Hajnal. Wir treffen uns an einem Sonntag im Café Stöckle. Am Nebentisch nehmen drei Männer Platz, unterhalten sich in einer mir fremden Sprache. Hajnal spricht sie auf Deutsch an. Natürlich hat sie die Sprache erkannt. Auch ihr Vater, sagt sie den Fremden, war Bulgare. Freude in den Gesichtern.

Hajnal kommt mir vor, als bewege sie sich dauernd in einer Drehtür. Kaum hat man sie mal gesichtet, ist sie schon wieder weg. Seit vielen Jahren wohnt sie im Westen der Stadt, in Gedanken aber auch in Ungarn, der Heimat ihrer Mutter. „Zu Hause“, hat sie mal in einem biografischen Text geschrieben, „bin ich nirgendwo. Dorthin aber, nach Hause, sehne ich mich, mein ganzes Leben.“

Wenn Hajnal singt, nimmt sie das Publikum mit über Grenzen, auch in der Welt der Gefühle: Sie haucht, faucht, stöhnt, klagt – bricht unsere Hörgewohnheiten. Mit ihrer ausdrucksstarken Stimme bereist sie in einem einzigen Lied Städte, Länder, Kontinente. Ihre Auftritte führen uns vom Balkan nach Afrika, von Arabien nach Nord- und Südamerika.

Dieses Genre nennt man Weltmusik und ist bei uns noch nicht so populär, dass es Hajnal zurzeit riskieren könnte, ihre und die Existenz ihres Sohnes als Sängerin zu bestreiten. Sie führt deshalb einen Lebenskampf, wie ihn bei uns Frauen trotz aller Gleichstellungsdebatten weiterhin aushalten und meistern müssen: sich zwischen Kindererziehung, Broterwerb und Kunst aufzureiben und zu behaupten. Hajnal sagt, sie gehe alle Aufgaben mit derselben Freude an, vermisse jedoch in der Stuttgarter Musikszene Austausch, Zusammenarbeit, Solidarität.

Vom Verhalten vieler Männer zu schweigen. Haben sich die Zeiten auch geändert, so nicht die Verhältnisse. Uralte Klischees und Verhaltensmuster sind gegenwärtig – Musiker etwa, die wie ihre Macho-Großväter behaupten, Frauen hätten es in der Branche leichter, könnten Können durch Aussehen ersetzen. Um dem Egoismus entgegenzuwirken, hat Hajnal das Projekt Women of Music gegründet. Es geht dabei nicht nur um das gleichnamige Ensemble, sondern auch um die Zusammenarbeit internationaler Musikerinnen, um gemeinsame Aktionen. Zurzeit versuchen sie, in Stuttgart ein Festival zum Thema Frauen und Musik auf die Beine zu stellen.

Hajnals Leben ist geprägt von Erinnerungen an Ungarn. Ihre Eltern lernen sich 1973 als Flüchtlinge im Auffanglager Zirndorf in Mittelfranken kennen. Ein Jahr später kommt Hajnal in Stuttgart zur Welt. Musik wird ihr gewissermaßen in die Wiege gelegt. Ihre Mutter aus Siebenbürgen hat im Ethnologischen Museum in Budapest die Sammlung heimischer Volksballaden betreut und mit den Texten als Rezitatorin Tourneen bestritten.

Hajnal wächst in den Flüchtlingssiedlungen Hallschlag und Neugereut auf, wird mit Ankömmlingen aus aller Welt konfrontiert, mit ihren Existenzproblemen, ihrer Wohnungsnot. Als ihre Mutter mit Fortbildungsstudien überlastet ist, kommt sie als Vierjährige für ein Jahr zu ihren Großeltern nach Ungarn. Dieser Aufenthalt, sagt sie, sei ihr heute weit schärfer im Gedächtnis als jedes andere Kapitel ihrer Kindheit. Später erhält sie Klavier- und Gesangsunterricht und lebt intensiv mit der Volksmusik der Balkanländer.

2004, längst wird sie von guten Bands engagiert, geht sie auf eine ausgedehnte, vom Goethe-Institut organisierte Nahost-Tournee, singt unter anderem im Iran, im Libanon, in Syrien, Israel und Palästina. Gleich nach ihrer Rückkehr soll sie auf Wunsch ihrer Mutter mit nach Ungarn reisen, zur Beerdigung eines alten Bauern. Hajnal kommt mit Gepäck zum verabredeten Zeitpunkt zum Stuttgarter Busbahnhof, um ihre Mutter auf der Tour über Österreich nach Ungarn zu begleiten. Es ist November, mieses Wetter. Doch Hajnal steigt nicht in den Reisebus. Sie will nicht fahren. Auf meine Frage, warum nicht, hat sie keine Antwort. Ich sehe in ihre Augen und weiß, dass es nichts mehr zu fragen gibt.

Die Mutter tritt die Reise allein an. Anderntags erhält Hajnal die Nachricht, der Bus sei in Österreich im Schneetreiben von der Straße abgekommen und eine Böschung hinabgestürzt. Bei diesem Unfall gab es eine Tote. Ihre Mutter.

Drei Jahre, erzählt Hajnal, habe sie nach diesem Unglück nicht singen können. Dann buchen Freunde für sie ohne ihr Wissen einen Auftritt im Galao in der Tübinger Straße. Sie muss wieder ans Mikrofon.

Am Samstag, 3. Februar, gastiert Hajnal mit ihrer neuen Band Lakvar im Laboratorium. Lakvar, ein Fantasiename, erinnert an das ungarische Wort Lekvár – Marmelade. Es geht wieder mal ums Eingemachte.



 

 

im Nordbahnhof-Areal
 

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