Bauers Depeschen


Dienstag, 30. Dezember 2014, 1401. Depesche


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DER BARMANN

Als ich ihn im Winter 1986 traf, war er 76 Jahre alt und ein Herr mit einer Geschichte. Es war ein Freitag im Dezember, es schneite in der Stadt, und auf den Straßen hupten die Autofahrer, wie sie immer hupen, wenn Weihnachten kommt. Wir hatten uns für den Nachmittag im Stuttgarter Hauptbahnhof verabredet, in einer kleinen Bar, die kaum einer mehr kannte. Der Laden erschien mir kaum größer als ein Schließfach im Bahnhof. Vor der Theke standen ein paar Hocker, zwei Tische. Mehr Platz gab es nicht.

Das Treffen hatte auf meine Bitte hin der Bahnhofsvorsteher arrangiert; er hieß Egon Hopfenzitz. Unser Gast reiste mit dem Zug aus dem Rheinland an. Auf Einladung der Bahn blieb er über Nacht in Stuttgart, in der Stadt, wo er einmal eine Berühmtheit war. Bis in die sechziger Jahre hinein hatte er als Chef in der kleinen Bar gearbeitet. Die kleine Bar hatte keinen Namen. Dafür der Barmann. Er hieß Jonny. Er war der große Jonny ohne h.

Achtundzwanzig Jahre sind seit unserer Begegnung vergangen, und bis heute ist Jonnys Vermächtnis im Stuttgarter Bahnhof präsent, obwohl es die kleine Bar schon lange nicht mehr gibt in dem Bahnhof, den man zerstört hat für die Immobiliengeschäfte in der Stadt. Wer neugierig ist, wer sich auf die Spuren der Vergangenheit begibt, kann sich Jonnys Erbe heute im Intercity-Hotel im Paul-Bonatz-Bau anschauen. In der Lounge, gleich neben der Rezeption, sind merkwürdige Hieroglyphen in Vitrinen ausgestellt. Erst bei näherem Hinsehen erkennt man die Schätze dieser Sammlung: die Original-Autogramm von Hollywood-Legenden wie Buster Keaton, Gary Cooper, Kirk Douglas, Errol Flynn; die Signaturen der Showstars Louis Armstrong, Ella Fitzgerald, Josephine Baker; die Namen der Sportgrößen Jesse Owens, Max Schmeling. All diese Leute, und noch viele mehr, haben die kleine Bar im Reichsbahnhotel besucht. Sie waren bei Jonny, dem Barmann.

Als Jonny und ich uns in der kleinen Bar zusammensetzen, um über Stuttgarts vergessene Sternstunden zu reden, läuft der CD-Player. Frank Sinatra singt „One For My Baby (And One More For The Road)“, und Jonny beginnt zu erzählen.

31. Dezember 1949. Die Trümmer des Kriegs, die Spuren des Nazi-Terrors sind noch nicht beseitigt in Stuttgart, als der Groß-Gastronom Hans Loeble in der kleinen Bar des Reichsbahnhotels mit einer Silvesterparty die fünfziger Jahre einläutet. Erst wenige Stunden zuvor hat Jonny die Bar übernommen. Zu Gast ist auch die Schauspielerin Camilla Horn, 46, ein deutscher Filmstar, der auch im Dritten Reich große Kinorollen spielte. Punkt Mitternacht erhebt Frau Horn ihr Glas, nimmt einen Schluck und kritzelt mit einem Buntstift „Prost Neujahr!“ auf eine der Tierhäute an den Bullaugen in der Wand. Darunter setzt sie ihren Namen. So beginnt Jonnys kleines Stuttgarter Wirtschafts-Wunder.

Jahre später zieren Hunderte von Autogrammen die kleine Bar. In Stuttgart feiert man in den Fünfzigern große Filmpremieren. Die Stars gehen gern über den roten Teppich, in der Stadt gibt es brandneue Autos von Mercedes und Porsche. Nach ihrer Ankunft im Reichsbahnhotel, dem besten Haus am Platz, landen die Herrschaften stets in der kleinen Bar. In Jonnys Beichtkasten, wo Cocktails die Zungen lösen. Vielleicht ein schlichter, guter Gimlet zum Auftauen. Jonny hat ihn viele tausendmal gemixt. Zwei Teile Gin, einen Teil Lime Juice, und sonst nichts.

Eines Morgens um drei kommt Errol Flynn an die Theke. Der Hollywood-Star klagt über Hunger, die Küche hat schon geschlossen. Jonny schenkt ihm sein „Nachtbrot“, wie er sein Vesper nennt. Mr Flynn hebt seinen silbernen Cognac-Schwenker und bedankt sich mit den Worten: „Jonny, du bist mein Freund.“ Errol Flynn kam gerade aus dem Balzac, einem noch Jahrzehnte später bekannten Rotlicht-Cabaret in der Nähe des Rathauses (später hieß es Champain).

Als Jonny mir seine Anekdoten erzählt, sagt er: Schreiben Sie, meine Geschichte ist die Geschichte vom kleinen zum großen Bahnhof. Im April 1910, vier Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, wird er in Kalkar geboren, einer Stadt an der deutsch-holländischen Grenze, die in den siebziger Jahren im Atomkraft-Konflikt Schlagzeilen machen sollte. Sein richtiger Name ist Fritz Wirth, seine Eltern führen die Bahnhofswirtschaft von Kalkar. Nach einer Lehre zum Koch absolviert er die Ausbildung zum Barmixer, und weil Cocktail-Männer nicht Fritz heißen, tauft ihn ein Gast in Düsseldorf auf den Künstlernamen Jonny.

1936 startet in Friedrichshafen das Luftschiff Hindenburg zu einem viertägigen Nonstop-Ausflug über Deutschland. An Bord gibt es fließend Wasser, zwei Duschen, einen Konzertflügel. Das Unternehmen ist eine Sensation. Reporter aus der ganzen Welt sind dabei, und an der Bar steht Jonny, der beste Mixer weit und breit. „Jonny, the flying barman“, schreibt später eine New Yorker Zeitung, und Jonny sagt: Ein Zeppelin fliegt nicht, er fährt. Ein Jahr später fährt das Luftschiff Hindenburg auf dem Weg nach New York in den Tod.

In den dreißiger Jahren arbeitet Jonny in Stuttgart für den Groß-Gastronomen Emil Neidhardt, genannt „Schneuzle“. Ihm gehören das Cabaret Excelsior und das berühmte Friedrichsbautheater. Jonnys Chef im Friedrichsbau-Varieté ist eine Zeit lang der schwäbische Schauspieler und Humorist Willy Reichert. Ein feiner Mann, sagt Jonny.

Bei den Nazis muss Jonny einmal auch für Hitler und Göring die Gläser polieren, und auf Göring ist er danach noch lange sauer. Der Göring kannte nicht einmal den Unterschied zwischen Sekt- und Champagnergläsern, erzählt er, der Kerl hat mich gezwungen, in den falschen Gläsern zu servieren.

Den Zweiten Weltkrieg übersteht Jonny in Offizierskasinos. Als er die Bar im Stuttgarter Bahnhof übernimmt, ist er der Mann für alle Fälle. Mitten in der Nacht trägt er die Jazz-Sängerin Ella Fitzgerald die Treppen zu ihrem Hotelzimmer hinauf. Sie war wohl etwas überarbeitet. Er rettet Ehemänner aus Affären, nimmt angeschlagenen Generaldirektoren die Schlüssel für ihre Luxuskarossen ab und ist auch mal Ehestifter: Der Schauspieler Paul Dahlke lernt in der Bar seine spätere Frau kennen.

Nach Jonnys Abschied von Stuttgart in den Sechzigern behält das Lokal noch eine Weile seinen Ruf. Irgendwann in den siebziger Jahren hinterlassen die Musiker der britischen Rock-Band Uriah Heep ihre Autogramme. Danach ist die große Zeit der Stars in der kleinen Bar vorbei. Möchtegerne besudeln hie und da die Wände mit den Zeichen ihrer Namenlosigkeit.

Nach unserem Treffen im Bahnhof habe ich Johnny nie wieder gesehen. 1998 saß ich zum letzten Mal in der kleinen Bar. Ein junge Frau bediente mich. Sie hatte keinen Ahnung, wie man Cocktails mixt. Was ein guter Gimlet ist. Als die kleine Bar wenig später den Umbauarbeiten im Bahnhof zum Opfer fiel und abgerissen wurde, war Fritz Jonny Wirth schon tot.

Seinen wichtigsten Satz werde ich nie vergessen. An der Bar, hat Jonny gesagt, an der Bar darf keine Flasche stehen.



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