Bauers Depeschen


Dienstag, 25. November 2014, 1386. Depesche


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WERTES PUBLIKUM,

es gibt immer noch Karten für Die Nacht der Lieder, die Benefiz-Show zugunsten der Aktion Weihnachten am 9./10. Dezember im Thaterhaus. Schade, wenn Plätze frei blieben. Auch Ticktes in den hinteren Reihen helfen Menschen in Not.

DIE NACHT DER LIEDER: THEATERHAUS. Telefon: 07 11 / 4 02 07 20.

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Die aktuelle StN-Kolumne:



DER ROLLENDE SALON

Bald ist Weihnachten, und wie jedes Jahr bin ich auf der Suche nach einer Weihnachtsgeschichte. So gut wie nie habe ich eine gute zustande gebracht.

Regelmäßig, um den Blick zu schärfen, habe ich mich mit meinem kleinen Laptop ans Fenster des Café Königsbau gesetzt. Neuerdings heißt das Etablissement im ersten Stock Königsbau Suite. Die gestreiften Polsterstühle und die Tischlämpchen, letzte Zeugen der Kaffeekännchen-Epoche, hat man entfernt, das Traditionslokal halbwegs dezent auf Zeitgeist getrimmt. Statt Rührei mit Speck und Brötchen gibt es jetzt „Amerikanisches Frühstück“: zwei Toastscheiben mit Rührei und Speck.

An den Fenstern mit Blick auf den Schlossplatz stehen niedrige Tische vor erhabenen Sesseln. Zu meinem Rührei mit Speck müsste ich mich weit hinunterbeugen, ein Akt für falsche Schlüsse, und meinen Laptop zum Beharken auf die Knie nehmen. Womöglich habe ich im Herzen der prosperierenden Lifestyle-Suite Stuttgart meinen besten Arbeitsplatz verloren.

Schön ist es nach wie vor, sich in einem Zimmer mit Aussicht ein Buch vorzunehmen. Gerade habe ich in Marcel Reich­Ranickis Textsammlung „Meine Geschichte der deutschen Literatur“ gelesen, darunter den wunderbaren Aufsatz „Der Dichter der kleinen Freiheit“ über Erich Kästner. Ihm, dem melancholischen Meister der Satire, verdanken wir die Weihnachtsgeschichte „Das fliegende Klassenzimmer“. 2003 hat man den Klassiker noch einmal fürs Kino verfilmt, mit dem in Obertürkheim auf­gewachsenen Schauspieler Sebastian Koch in der Rolle des „Nichtrauchers“. Dieser Typ ist Gelegenheitspianist, qualmt viel und lebt in einem ausrangierten Nichtraucher-Waggon. Hinter dem Aussteiger verbirgt sich der Arzt Dr. Robert Utthoft. Hinaus in die Natur. Von der Straßenbahnhaltestelle Mineralbäder hinauf in den Rosensteinpark. Das Naturkundemuseum lasse ich rechts liegen, weiter zur früheren Posthalle, zum mir bis dahin unbekannten Paketverteilungszentrum der DHL. Es ist nicht mehr weit bis zum Nordbahnhofviertel. Früher ging hier die Post auf Schienen ab. Heute lädt man sie auf Lastwagen. Nichts ahnend gehe ich an diesem sonnigen November-Sonntag über den Parkplatz, sehe ein geöffnetes Tor. Dahinter eine riesige Halle voller zerstörter Wunderwerke. Ich schaue in den Bahnhof zur Vergangenheit.

Unzählige Eisenbahn-Waggons, Lokomotiven, heruntergekommene Schönheiten. Scheinbar Schrott. Ratlos stiefle ich herum, bis ich Stimmen höre. Am letzten Gleis geht ein Paar spazieren. Ich spreche die Leute an. Habe Glück. Treffe Arno Sturm und seine Frau Hannelore aus Feuerbach. Sie sind Boten der Schienenkultur, pflegen die Tradition, den Mythos der Eisenbahn. An diesem Tag sind sie so zufällig wie unsereins in der Halle. Wir stehen vor einem alten Nichtraucher-Waggon, als Herr Sturm erzählt, früher habe er als Arzt gearbeitet. Da fällt mir Kästner ein. Herr Sturm, 69, hat seine Liebe zur Eisenbahn entdeckt, als er selbst noch in einem fliegenden Klassenzimmer büffelte. Über die Modelleisenbahn ist er in die reale Welt der eisernen Züge eingestiegen.

1972 hat sich in Ulm der Verein der Ulmer Eisenbahnfreunde gegründet, 600 Mitglieder, verschiedene Sektionen. Herr Sturm gehört dem Verein Historischer Dampfschnellzug an. Die Mitglieder restaurieren historische Waggons und Loks, bringen sie wieder auf die Schiene. Harte Arbeit, jeder hilft. Frau Sturm kümmert sich auf Dampflok-Touren um den Abteil-Service. In den Zügen werden Ausflugsfahrten angeboten, die wichtigste Einnahmequelle der Vereine. Als stählernes Paradeross bewegt der Verein eine 90 Jahre alte Dampflok der Baureihe 01 auf den Gleisen der Republik.

Seit Mitte der Neunziger stehen in der alten Posthalle historische Züge, gespensterhaft wie Wracks für den Reycling-Friedhof. Acht der zehn Gleise hat die Schienenverkehrsgesellschaft (SVG), ein professioneller Stuttgarter Sonderzug-Anbieter für Party- und Fußballfans, gemietet. Zwei Gleise sind in der Obhut des Eisenbahn-Vereins. Die Halle mit den historischen Reliquien gehört zum Umfeld des legendären Bahnbetriebswerks Stuttgart-Rosenstein, das Stuttgart 21 ­weichen musste.

Wir gehen durch frisch restaurierte Waggons, Baujahr 1930. Fürstlich gepolsterte kleine Salons in Rot und Weiß mit Beinfreiheit, wie man sie heute kaum mehr kennt. Akkurat hergerichtete Zugtoiletten, die intimen Kabinen der Reisenden. Am Bahnsteig stehen liebevoll gesammelte Requisiten, darunter eine alte Schweizer Mini-Bar mit Metall-Geschirr.

Das Faszinierende an der Eisenbahn, sagt Herr Sturm, ist die sichtbare, die offene, die erlebbare Technik. Wenn man begreift, wie eine Maschine arbeitet, wenn man sieht und hört und riecht, wie sie spuckt, wie sie ächzt, wie sie kämpft. Der Knopfdruck in der elektrischen Lokomotive hat längst die Schlosserarbeit ersetzt.

Wenn Herr Sturm während seines Berufslebens in den Werkstätten als Hobby-Schrauber gearbeitet hat, dann immer mit besonders festen Handschuhen. Er musste auf seine Hände achten. Er war Chirurg.

Damit endet meine kleine Novembergeschichte. Irgendwo in einem Waggon-Wrack im Rosensteinpark, da bin ich mir sicher, fliegt eine Weihnachtsgeschichte herum.



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