Bauers Depeschen


Dienstag, 05. August 2014, 1329. Depesche


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DIE FAMILIEN-BANDE IM THEATERHAUS

Flaneursalon am 13. Oktober im THEATERHAUS. 07 11 / 4020 720.

Mit Uta Köbernick. Vater Zam Helga & Tochter Ella Estrella Tischa. Toba Borke & Pheel. Vater Roland Baisch & Sohn Sam Baisch. Unsereins macht auch mit.



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Die aktuelle StN-Kolumne:



AM UFER

Mir kommt es ja selbst etwas merkwürdig vor, wenn einer ständig in einem stickigen Kessel herumgeht und Notizen macht, als sei dieser Flecken der Nabel der Welt. Kriegsforscher verweisen auf 45 Kriege, die zurzeit auf der Erde ausgetragen werden. Nur über die wenigsten erfahren wir etwas, nur ein paar nehmen wir wahr, weil man uns weiszumachen versucht, alle anderen seien nicht der Rede wert. Sie bringen keine Quote. Beim Blick auf die ernste Lage frage ich mich, ob es womöglich absurd ist, sich tagaus, tagein mit Dingen zu beschäftigen, die sich in der halbwegs friedlichen Abgeschiedenheit einer kleinen, an jeder Ecke von Baumaschinen besetzten Stadt abspielen.

Dann komme ich an der Russischen Kirche zwischen West und Nord vorbei, an der Synagoge im Hospitalviertel in der Innenstadt, an der Moschee in Feuerbach. Überall gehen Menschen ein und aus, die den Krieg in ihrer Heimat anders erleben als unsereins vor dem Flachbildschirm.

Die große Welt wird immer kleiner, und du begegnest ihr überall in einer Stadt, die ein Bundesland regiert, wo man massenhaft Waffen für die Kriegstreiber dieser Welt produziert. Die Feuerbacher Moschee findet man im türkischen Quartier an der Mauserstraße, benannt nach den Gründern der Waffenfabrik in Oberndorf am Neckar. Auf den Namen Mauser getauft hat man die Straße 1937, in der Nazi-Diktatur.

Ich erzähle diese Dinge nicht, weil ich im Kessel auf den Spuren des Kriegs unterwegs war. Mir fällt nur auf, wie weit die Gedanken in die Welt hinauswandern beim Herumgehen in der eigenen Stadt. Als ich genug hatte von der Augustschwüle im Kessel, fuhr ich mit der Linie 4 von der Russischen Kirche zum Bahnhof Untertürkheim. Davor, als Anhängsel eines Straßenwirrwarrs, liegt der Karl-Benz-Platz, eine für seinen Namensgeber so unwürdige Anlage wie der Daimlerplatz in Cannstatt. Mit Plätzen im städtebaulichen Sinn haben solche Unorte nichts zu tun. Sowohl vom Daimlerplatz als vom Benzplatz lenken zum Glück schöne Bäder ab, im ersten Fall das Mineralbad am Kurpark, im zweiten das Untertürkheimer Inselbad zwischen Neckar und seinem Nebenarm an der Schleuse.

Meine Neugier allerdings galt der Nachbarschaft des Inselbads, dem fabrikähnlichen Gebäude mit dem Hallenbad und der Stuttgarter Rudergesellschaft. Vor einem Monat ist hier das Cassiopeia eingezogen, ein Bio-Restaurant, das zuvor in der Waldebene Ost zu Hause war. Die Terrasse der Gaststätte mit ihren Holz- und Korbmöbeln und den originellen Utensilien erinnert an einen Trödelladen mit Kindernische. Ein Abenteuerspielplatz. Gleich in der Nähe die Anlegestelle für die Rudersportler auf der Wasserstraße zum Neckar. Von der Terrasse aus kann man zwischen den Büschen einen Streifen Neckarwasser sehen. Als ich am Vormittag zu Fuß anlege, ist Hölderlins „bläulich glänzende Silberwelle“ leider bräunlich verfärbt vom Regen der Vortage.

Auf der Karte des Cassiopeia (nach dem Sternbild getauft) stehen Rostbraten und Tafelspitz für Blutrünstige, Linseneintopf mit Räuchertofu für Vegetarier, Nussbraten mit Gemüse für Veganer. Bei Gelegenheit muss ich die Wirte fragen, wie es um das friedliche Neben- und Miteinander der verschiedenen kulinarischen Glaubensrichtungen am Ufer bestellt ist. Auf dem Terrain der Ernährungsbräuche gibt es bekanntlich hart geführte Kriege zwischen Tier- und Pflanzenkäuern, auch wenn sich die Mehrheit der Kombattanten nicht bei Mauser bedient, sondern sich auf die Waffen der Internet-Foren beschränkt.

Mir gefällt das Wirtshaus an der Inselstraße schon deshalb, weil ich froh bin um jeden belebten Ort in Neckarnähe. Erst neulich habe ich zum Thema einen Artikel im Reiseteil der FAZ gelesen, eine kluge, poetische Auseinandersetzung mit „Städten, die ihre Flüsse lieben, und solchen, die sie am liebsten einbetonieren würden“. Die Lebenserfahrung zeige, schreibt die Autorin Andrea Diener, „dass in Städten, die sich ihren Flüssen zuwenden, die Bewohner neugierig sind und immer ein bisschen Fernweh haben“.

Wenn es in dem Text weiter heißt, das Flussufer sei einer der wenigen Orte, „von denen aus eine Stadt sich selbst betrachten kann“, erklärt uns dies die geballte Stuttgarter Ignoranz des Neckars. Einige Rathauspolitiker haben gute Gründe, sich nicht selbst zu betrachten. Schon gar nicht im Spiegel des Wassers. Ihren Fluss würden sie erst wahrnehmen, könnte man in seinem Bett ein Immobilienprojekt mit Shopping Mall hochziehen. Dafür würde man ein Kriegsschiff mit Neckarwasserwerfer vom Stapel lassen. Ich hoffe, es gibt noch einige Neugierige am Ufer unseres Flusses.



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