Bauers Depeschen


Donnerstag, 24. Juli 2014, 1323. Depesche


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AM HOLZSTEG

Es hat stark geregnet in der Nacht, der Neckar hat sich bräunlich verfärbt und schäumt gut belebt, als ich am Morgen vor der alten Holzbrücke auf den Mann warte, der sie zu großen Teilen gebaut hat. Wenn man über den Steg neben der Cannstatter Schleuse geht, kann man das Klacken der Absätze hören, und wenn ein Fahrrad über die Dielen rollt, bringt es das Holz zum Klingen, es erinnert an das rhythmische Rauschen einer Eisenbahn. Die Brücke am Fluss hat ein Leben, sie macht Musik.

Kommende Woche feiert der Zimmermann Helmut Welz seinen 76. Geburtstag. Wie unsereins ist er am Morgen zwanzig Minuten früher als vereinbart zur Brücke gekommen. Der Steg selbst ist eine Verabredung wert. Herr Welz besucht den Ort regelmäßig. Die Holzbrücke, sagt er, ist mein Herzblut. Als wir das Bauwerk besichtigen, fährt er mit der Spitze seines Regenschirms in die Ritze einer Bodendiele am Fuß des Geländers. Schauen Sie her, sagt er, das Holz vermodert langsam, aber sicher. Die Brücke würde vielleicht noch zwölf, höchstens fünfzehn Jahre halten, sagt er, dann müsste man sie generalsanieren.

Dazu wird es nicht mehr kommen. Der Holzsteg in der Nähe der Wilhelma, mit dem östlichen Ende unterhalb des sogenannten Stadtstrands, wird in absehbarer Zeit abgerissen. Sie muss der zerstörerischen Großoffensive für Stuttgart 21 weichen, wie auch der benachbarte Elefantensteg über die Neckartalstraße, die Betonbrücke für Fußgänger, die bereits zerlegt wird. Der Handwerker und Geschäftsmann Helmut Welz, geboren und aufgewachsen als Sohn eines Zimmermanns in Vaihingen/Enz, wohnt und arbeitet seit vielen Jahren in Bad Cannstatt. Im Osten der Stadt leitete er lange seine Holzbau GmbH, beschäftigte in guten Zeiten fünfzig Leute.

Am Morgen hat er das Auto stehen lassen, ist mit dem Fahrrad gekommen. Sein Gesicht erzählt, dass er viel gearbeitet hat, bei Wind und Wetter. Und er hat gelebt, ist wach geblieben, mit sich im Reinen. Ein schwäbischer Handwerker. Stolz auf die alten Werte. Einer für alle, sagt er. Seinen Nachkommen rät er: Sag immer die Wahrheit, aber sag sie nicht immer.

1977, zur Bundesgartenschau, hat er mit seinen Männern den Steg über den Neckar gebaut, mit mehr als zweihundert Kubikmetern Fichtenholz aus dem Schwarzwald, damals war es die weitestgespannte Holzbrücke der Welt. 140 Meter lang. Der größte Auftrag meines Lebens, sagt er. Ein halbes Jahr lang hat er mit seinen Leuten an der Konstruktion gearbeitet, oft Tag und Nacht. Nicht selten hat er im Daunensack neben der Brücke geschlafen. Es hat ihn an die Zeit seines Vaters erinnert, an die zwanziger Jahre, als die Handwerker herumzogen und im Freien nächtigten, auf der Suche nach Arbeit.

Im April 1977 wird der Holzsteg über den Neckar eingeweiht, und zuvor hat es dieses Unglück gegeben: Als die Hälfte der Holz- und Stahlkonstruktion montiert wird, hängt sie an einem Gittermastkran über der Mittelmole des Neckars. Irgendwas läuft schief, das Bauwerk beginnt in der Luft zu wandern, ein Arm des Krans bricht ab, die halbe Brücke stürzt in die Tiefe. Sie ist nicht völlig zerstört. Was aber folgt, ist ein langer Prozess mit der Versicherung um den Schaden. Welz macht 215 000 Mark Verlust, ein Vermögen. In erster Instanz bekommt er recht, in der zweiten nicht.

Für eine dritte Verhandlung, erzählt er, hätte er mehr als vierzigtausend D-Mark Anwaltskosten vorschießen müssen. Er gibt auf, verkauft sein Vierfamilienhaus in Vaihingen/Enz und rettet so seine Firma.

Die Holzbrücke wurde mit Hilfe eines zweiten Unternehmens rechtzeitig fertiggestellt, eine Attraktion der Bundesgartenschau. Jeden Tag gingen mehrere Tausend Menschen über den Steg. Einige Zeit hatte man sich bei der Stadt gestritten, ob man ein Dach bauen soll. Man hat es getan, und bis heute ist es ein gutes Gefühl, durch diesen offenen, dunkel getönten Stahl- und Holzkasten übers Wasser zu gehen. Blick auf die Schleuse und auf die Anlegestelle für die Ausflugsschiffe des Neckar-Käpt’n. Leicht zu erreichen, nach der Treppe von der U-Bahn-Haltestelle Mercedesstraße hinunter ans Ufer, dann noch ein paar Schritte. Der Weg über den Fluss zur Wilhelma, zum Rosensteinpark, zum Naturkundemuseum. Bald ist die Verbindung gekappt.

Helmut Welz hat eine große Familie, demnächst wird er Urgroßvater. Er liebt Blumen und Pflanzen, die Natur. Und er hat die Welt bereist, alle Kontinente gesehen. Zwar war er nie nach altem Zimmermann-Brauch auf der Walz, weil er früh die Meisterprüfung ablegte. Das große Wandern aber hat die Familie im Blut. Helmuts Zwillingsbruder Heinz kam als Zimmermann bis nach Australien, dort lebt er bis heute. Der andere Bruder, Kurt, ging nach Argentinien und gründete eine Wurstfabrik. Auch Helmut war mal drauf und dran, den Kontinent zu wechseln. Ein halbes Jahr lang hat er Holzhäuser in Kanada gebaut, kehrte aber in die Heimat zurück.

Anfangs war er für das Großprojekt Stuttgart 21, heute ist er dagegen. Nicht wegen der Brücke. Die Kostenexplosion, nein, das geht nicht, sagt er, man hat die Leute zu oft angelogen. Den K-21-Plan mit dem Kopfbahnhof hält er für vernünftiger.

Bis zum Jahresende wird er seine Cannstatter Firma als Ein-Mann-Betrieb weiterführen, dann geht sie in Liquidation und er in den Ruhestand. Was immer das heißt. Es geht ihm gut. Herr Welz hat etwas zu erzählen, zwischendurch zieht er an seinem Zigarillo. Ich denke, wir müssen noch mal zusammen zum Holzsteg, bevor er fällt. Herr Welz sagt, der Abriss gehört zum Lauf der Zeit. Er nimmt es mit einer Mischung aus Traurigkeit, Humor und Handwerkerstolz, wenn er jetzt oft den Satz von Freunden hört: Helmut, dein Brückle kommt weg.

Ja, das Brückle. Es war das große Ding im Leben des Herrn W.



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