Bauers Depeschen


Donnerstag, 12. Juni 2014, 1301. Depesche


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Die aktuelle StN-Kolumne:



WIEDER KINDER

Wenn heute Abend mit dem Spiel Brasilien gegen Kroatien die Fußball-WM beginnt, bin ich mir nicht sicher, ob ich den Begriff „Fußball-WM“ straffrei in den Computer tippen darf. Es handelt sich um ein Warenzeichen der Fifa, und aus Rio kommt die Nachricht, die Fifa habe die Veranstalter eines (nicht kommerziellen) Straßenfests aufgefordert, 9000 Euro zu zahlen, weil sie den Namen „Fußball-WM“ verwendeten.

Aus Brasilien erreichen uns noch ganz andere Nachrichten: vom Milliarden-Wahnsinn der Regierung auf Kosten der Bürger, von der Gewalt der Polizei gegen die Ärmsten des Landes, von korrupten Funktionären, denen der Sportjournalist Thomas Kistner ein Buch mit dem schönen Titel „Fifa Mafia“ gewidmet hat. Brasilien ist weit weg, was die meisten Deutschen wie stets im Glauben lässt, Brutalität und Korruption gebe es überall, nur nicht bei uns. Dennoch herrscht vor der WM eine etwas merkwürdige Stimmung; es gibt Fußballfans, die ankündigen, die Spiele aus Protest nicht zu schauen (und wenn, dann heimlich).

Unsereins gehört zu denen, die den Bildschirm an der Wirtshauswand als Tor zur Welt und die Kneipe als WM-Tribüne ­begreifen. Im Moment jedoch weiß ich so wenig wie andere Leidensgenossen, wie groß die Lust sein wird, Lahm, Schweinsteiger und auch guten Fußballern zu folgen.

Die Vaihinger Kneipe Maulwurf, laut Homepage auch „Ersatzstadion“, wirbt für ihre WM-Übertragungen mit dem berühmten Zitat des früheren Liverpooler Trainers William „Bill“ Shankly: „Es gibt Leute, die denken, Fußball ist eine Frage von Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich kann ihnen versichern, dass es noch sehr viel ernster ist.“ Der Brite Shankly, ein bekennender Sozialist, sah früh schon die politischen und kulturellen Freiräume des Fußballs, und heute, beim Blick auf die ­menschenverachtende Politik Brasiliens und die Machenschaften der Fifa, klingen seine Sätze noch viel treffender als zu der Zeit, da er seinen schwarzen Humor mit großer Ernsthaftigkeit formulierte.

Manche Zeitgenossen, von politischer Korrektheit schwer gezeichnet, diskutieren jetzt genauso ernst die WM-Frage: Mitfeiern oder abtauchen? Unsereins ist nie müde geworden, den argentinischen Nationalspieler, Trainer und Manager Jorge Valdano zu ­zitieren: „Trotz seiner Unsauberkeit und Verirrungen ist Fußball in erster Linie und im Wesentlichen ein Spiel. Deshalb handelt es sich um eine ernsthafte Sache.“ Valdano (58), ein großartiger Fußball-Poet, hat trotz aller von Macht- und Geldgier getriebenen Drahtzieher das Wesen des Fußballs ­immer als ein Spiel gesehen, das wir spielen, „um wieder Kinder zu werden“.

Diese Sicht mag befremdlich klingen angesichts millionenschwerer Spielkinder in Luxusarenen neben Armenvierteln. ­Valdano aber hat recht. Gute Musik wird ja nicht deshalb schlecht, weil skrupellose Zocker damit Profite machen (wie man sich der Musik aussetzt, ist eine andere Frage). Wer jetzt sagt, er entziehe sich bei dieser WM seinem geliebten Spiel aus Protest, wird Probleme bekommen mit der Konsequenz. Seine Turnschuhe mit den drei Streifen müsste er spätestens ausziehen, wenn er auf „Zeit online“ Oliver Fritschs Text über den Strippenzieher Adidas liest. Überschrift: „Die Erfinder der modernen Sportkorruption“. Dennoch werde ich meine Saugnapf-Treter vom Typ „Samba“ vorerst nicht weg­werfen und beim Stichwort Samba lieber einem anderen Gedanken folgen.

Fußball bildet. Vor der WM 2010 in Südafrika kaufte ich mir im Plattenladen das Album „Soweto“, zwei Vinyl-Scheiben mit „mzansi music“: auch dank seines informativen Booklets ein guter Einblick in den neuen urbanen Sound, in die junge Kultur eines lange von Rassisten unterdrückten Landes. Vor Brasilien las ich im Magazin „Spex“, ­warum man sich trotz aller Schweinereien „auf die WM freuen darf“: „Die WM in ­Brasilien ist eine optimale Gelegenheit, um besser zu verstehen, wie der globalisierte Mediensport mit dem Wettbewerb von ­Global Citys um Aufmerksamkeit und ­Investitionen zusammenhängt“, schreibt die in Brasilien lebende Autorin Astrid Kusser. „Rund um den Globus gehören sportliche Großereignisse, steigende Mieten und Immobilienspekulationen zu den zentralen Konfliktlinien von Stadtpolitik heute.“ Die Stadt als Bühne für ein Massenspektakel, heißt es weiter, könne auch von anderen Akteuren gestürmt werden und so die Inhalte des Protests nach außen tragen.

Diese Erkenntnis gilt nicht nur für die WM. Die Trillerpfeife wurde nicht allein für den Schiedsrichter erfunden. Wir sehen uns in der Kneipe Schlesinger bei der Partie Elfenbeinküste gegen Japan. Im Abseits des Massenspektakels entwickelt der Fußballfreund Sensoren fürs Wesentliche. Anpfiff ist am Sonntag, morgens um drei.



Und dann bitte ich um Wahnsinnsunterstützung von der Tribüne in eigener Sache, der Herbst kommt schneller, als man denkt:



MIT UTA KÖBERNICK:

FLANEURSALON iM THEATERHAUS

Unsere nächste Lieder- und Geschichtenshow findet am Montag, 13. Oktober, im Theaterhaus statt. Als besonderen Gast begrüßen wir die Kabarettistin und Liedemacherin UTA KÖBERNICK. Die in der Schweiz lebende Künstlerin übernimmt eine Rolle, in der man sie bisher nicht kennt: Sie führt als Entertainerin durch den Flaneursalon-Abend. Musik machen der Sänger/Songschreiber Zam Helga, seine Tochter Ella Estrella Tischa sowie der Rapper Toba Borke und der Beatboxer Pheel. Der Vorverkauf hat bereits begonnen. Karten gibt es ONLINE und unter der Telefonnummer 07 11 / 4020 720.



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