Bauers Depeschen


Dienstag, 08. April 2014, 1268. Depesche


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Vorverkauf hat begonnen

FLANEURSALON IM LAB

Der Flaneursalon gastiert endlich in Stuttgarts ältestem Live-Club, im Laboratorium im Osten: Mittwoch, 28. Mai 2014, 20 Uhr. Mit Stefan Hiss & Freunden, Dacia Bridges & Uwe Metzler (g), Roland Baisch. Es gibt bereits Karten im Internet: LABORATORIUM



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LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne



DER STRAMPEUR

Vorwärts, der April ist warm und sonnig, ein heißer Blitz hat im Kreuz eingeschlagen, es war wohl mein eigenes, danach war ich schlecht zu Fuß. Wenn das Flanieren schwer fällt, die Neugier auf das merk­würdige Gebilde ­namens Stadt aber bleibt, empfehlen sich Straßenbahn- und Bus­touren. Rhythmus muss sein.

Leider gibt es für das Herumfahren ­keinen so schönen Begriff wie für das Herumgehen: das Flanieren. In Erinnerung an das schwäbische Wort „Strampe“ für Straßenbahn nenne ich meine SSB-Ausritte künftig Strampieren. So kann ich dem ­Flaneur ein würdiges Hauptwort entgegensetzen, den Strampeur.

Das Busfahren ist nicht so meine Sache, man müsste von busieren und Buseuren reden; heute, im Jahr 2014, bin ich mir nicht einmal sicher, ob noch einer das Wort poussieren kennt. Auf Deutsch bedeutet poussieren „mit jemandem eine Poussage pflegen“, also jemanden anbaggern. Das klingt aber altbacken, weil die poussierende Pussy­Generation anders spricht, wenn es darum geht, voll cool eine Bitch aufzureißen.

Sehr angetan bin ich, weil ich in jüngster Zeit immer wieder das Wort „knorke“ bei jungen Menschen höre. Knorke ist zurück! „Eines Tages beschloss der Berliner, etwas Schönes, Angenehmes, Liebliches, etwas, das das Herz erfreut, mit knorke zu bezeichnen . . . Eines Tages war das Wort da“, schrieb Kurt Tucholsky unter seinem Pseudonym Peter Panter 1924, erklärte das ­Adjektiv allerdings schon damals für ­veraltet. Unsereins hat knorke erst Ende der Siebziger des vorigen Jahrhunderts auf­geschnappt, als die damals berühmte Kabarett-Truppe Die 3 Tornados ihre Bühnenshow immer mit dem Lied einleitete: „Ei, was ist denn da los / Hier sind Die 3 Tornados / Knorke, knorke alle Mann.“

Knorke klingt definitiv knorke, es beflügelt den Strampeur, wenn er hinausfährt in die weite Welt. Meine Hausbahn, die Linie 4, startet am Hölderlinplatz im Westen. Nur selten mache ich mir die Mühe, bis ans andere Ende, ins östliche Untertürkheim, zu reisen. Die Fahrt dauert stolze sechsundzwanzig Minuten, und in nicht mal einer halben Stunde fliegen die Bilder vieler ­Kapitel Stadtgeschichte an dir vorbei. Weiter zum Stöckachplatz, wo in der Hack­straße bis heute die Ruine des Tanzlokals Gutshof steht. Ein Bild des Verfalls, wie nach dem Krieg. Weiter oben hat Emil Molt bis 1927 seine Zigarettenfabrik Waldorf Astoria betrieben (und 1919 auf der Uhlandshöhe die Waldorfschule gegründet).

Das alles fällt einem ein auf der Linie 4. Wenig später komme ich an einer der letzten noch funktionierenden Gaststätten aus der glamourösen deutschen Hendl-Epoche vorbei, es heißt Wienerwald, und an der Haltestelle Leo-Vetter-Bad erinnere ich mich, wie dort Stuttgarts Jugend von Welt in den Achtzigern Hallenbad-Partys feierte. Das Wort Event war noch nicht üblich, es spielten aber Bands, es gab Mode- und­ ­Frisurenshows. Das nannte man nicht knorke und nicht geil, schon lange nicht mehr ­bärig oder dufte, aber es war hammerhart.

Noch in Gedanken an den Osten, setzte ich zur Landung an in Untertürkheim, wo der Strampeur als Buseur weiterreist auf der Linie 60 Richtung Luginsland. So heißt die vor mehr als hundert Jahren gegründete Arbeiterkolonie mit ihrem historischen Genossenschaftsmodell für lebenswürdige Wohnungen. Nicht weit vor dem Ortsschild, noch auf Untertürkheimer Hoheitsgebiet, steige ich aus und gehe die paar Schritte bis zum ­Jägerhaus. Das war mal eine stattliche Gaststätte mit Kellergewölbe, Metzger­räumen, Schweinetrog und Gartenwirtschaft. 1999 hat man im Jägerhaus das ­Hundertjährige gefeiert.

Vor ein paar Jahre war Schluss mit der Gastlichkeit (zuletzt war es eine griechische). Dann haben Babs Steinbock und ihr Mann Udo Heindel, zwei, die seit jeher ­etwas mit Musik zu tun haben, das Jägerhaus zu ihrem Heim gemacht. Von ihrer Wohnung können sie hinaufschauen nach Rotenberg, zur Grab­kapelle auf dem Württemberg. Manchmal kommen alte Leute vorbei und erzählen Frau Steinbock, wie sie als Kinder am Zahltag des Vaters im Jägerhaus einen Krug Bier geholt haben. Und sie kennen die Geschichte der Familie Schlotterbeck, der Luginsländer Widerstandskämpfer in der Nazi-Diktatur.

Einmal im Monat öffnen Frau Steinbock und Herr Heindel ihre Gast­räume und präsentieren auf ihrer kleinen Bühne eine Vorstellung. Als ich Platz genommen habe, singt der Keyboard-Spieler Ralf Schübel „Heute hier, morgen dort“ von Hannes ­Wader und „Be Cool“ von Joni Mitchell. Das ist knorke, bevor ich in die Abenddämmerung hineingehe und meinen Sonntag auf der Linie 4 als Strampeur beende.



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