Bauers Depeschen


Samstag, 22. März 2014, 1262. Depesche


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GROSSES SPIEL: Borussia Dortmund II - Stuttgarter Kickers 1:1



BETR.: DEMO-REDE, STREIK

Bei der Montagsdemo der Bürgerbewegung gegen Stuttgart 21 am 24. März auf dem Marktplatz halte ich auf Einladung wieder mal eine Rede. Beginn 18 Uhr. - Am Montag beginnt in Stuttgart der Streik der Tageszeitungsjournalisten, der voraussichtlich bis Donnerstag dauern wird. Alles Nähere über geplante Aktionen demnächst. In diesem Arbeitskampf geht es gegen den Abbau von tariflichen Leistungen. Und es geht vor allem darum, den qualitativen Kahlschlag bei den Zeitungen zu verhinden.



Vorverkauf hat begonnen

FLANEURSALON IM LAB

Der Flaneursalon gastiert endlich in Stuttgarts ältestem Live-Club, im Laboratorium im Osten: Mittwoch, 28. Mai 2014, 20 Uhr. Mit Stefan Hiss & Freunden, Dacia Bridges & Uwe Metzler (g), Roland Baisch. Es gibt bereits Karten im Internet: LABORATORIUM



Der Klick zum

LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



DER SCHILDBÜRGER

Erinnerungstafeln in der Stadt haben nicht nur Unterhaltungswert, sie wirken auch vorbeugend gegen die Internetsucht. Der Spaziergänger stößt mit ihrer Hilfe regel­mäßig auf gute Geschichten. Neulich habe ich erzählt, wie mich in St. Pauli die Tafel mit einer kleinen Hommage an die Knei­penwirtin­­ „Tante Hermine“ dazu anregte, öfter den Geschichten verdienter Menschen nachzu­gehen, deren Spuren nicht sichtbar sind. Ich bin ein neugieriger Schildbürger.

In der Klagenfurter Straße 57 in Feuerbach stand ich vor der Hinweistafel auf das Werner-Haas-Haus, und wie so oft hatte ich keine Ahnung. Werner Haas, am 3. März 1931 in Stuttgart geboren, war ein inter­national erfolgreicher Konzertpianist. Er ­besuchte das Feuerbacher Leibnitz­gymnasium in der Klagenfurter Straße und studierte an der Stuttgarter Musikhochschule. Für seine Aufnahmen mit ­Werken von Debussy und Ravel erhielt er bedeutende Preise. Er war einer der Ersten, der in Deutschland Werke für Klavier und Orchester des US- Komponisten George Gershwin spielte. Die Stuttgarter Musikstudenten, erzählt mir der Pianist Georg Dietl, 64, verehrten Werner Haas als großen Musiker und Vorbild; bei uns wurde er leider nicht so bekannt wie im Ausland. In einem Wikipedia-Eintrag über das Leibnitzgymnasium, einen vor mehr als hundert Jahren von Paul Bonatz entworfenen Jugendstilbau, findet man unter den ­prominenten Schülern den schwäbischen Mundart-Musikanten Wolle Kriwanek. Der Name des Pianisten Werner Haas fehlt. Er starb 1976 nach einer Tournee bei einem Autounfall in Nancy.

Dies alles wüsste ich nicht, hätte ich nicht das Schild in Feuerbach gesehen. Der amtierende Oberbürgermeister Fritz Kuhn will jetzt mit einem etwas größeren Schild den früheren Oberbürgermeister ­Manfred ­Rommel ehren: am Flughafen in Leinfelden-Echterdingen. Ich bin mir nicht ­sicher, ob es Herrn Rommel bei einer eventuellen Wiederauferstehung gefiele, wenn er so hieße wie ein Flugplatz auf den Fildern. Das nervöse Getue der Geschäftsleute und All-inclusive-Touristen an diesem Ort würden ihm auf die Nerven gehen. Er war ja ein eher entschleunigter Typ, ich kann mich gut an ihn erinnern, weil er eine Zeitlang die gleichen schwarzen Reebok-Turnschuhe trug wie ich. Politiker als ­Namensgeber gelten ohnehin nicht immer als Idealfall seit dem Münchner Flughafen „Franz Josef Strauß“.

Zwei Monate vor den Kommunalwahlen ist es die erste Bürgerpflicht des Grünen-OB, mit der Ehrung seines CDU-Vorgängers zu zeigen, dass ehemalige Oppositions­parteien nach ihrem Regierungsantritt seit jeher die bessere CDU sind. Das wissen wir auch von der SPD und vom obersten Grünen Kretschmann: Der ehrte ohne Not sogar den ehemaligen schwarzen OB Schuster mit einem mysteriösen Professorentitel.

In Zukunft könnte es zwar leicht passieren, dass ein geschichtsbewusster US-Pilot die Landung auf dem „Erwin-Rommel-Airport“ ankündigt. Fast mehr als mit seinem Vater, dem „Wüstenfuchs“, ist Rommels Name heute allerdings mit der RAF verbunden. Seine humane Haltung, als er die ­Beerdigung der in Stammheim zu Tode ­gekommenen Terroristen Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl ­Raspe am 27. Oktober 1977 auf dem Dornhaldenfriedhof erlaubte, ging ebenso in die Geschichtsschreibung ein wie seine Solidarität mit Claus Peymann. Der damalige Schauspieldirektor der Stuttgarter Staatstheater wäre im September 1977 ohne Rommels Solidarität von der Landesregierung gefeuert worden­, weil er einen Spendenaufruf von Ensslins Mutter Ilse für die Zahnbehandlung der Stammheim-Gefangenen ans schwarze Brett geheftet und selbst einen Hunderter gegeben hatte. Ministerpräsident war damals der ehemalige Nazi und Marinerichter Hans Filbinger (CDU).

Damit wende ich mich den weniger bekannten Menschen zu, von denen ich gern ­etwas auf einem Schild lesen würde. Als die Angehörigen der toten Terroristen im Oktober 1977 ein Lokal für ihr Zusammensein nach der Beerdigung suchten, wurde ihnen überall die Tür gewiesen. Dann fasste sich der Koch und Wirt Eugen Maier, damals 39, ein Herz. Zusammen mit seiner Frau Inge öffnete er den Trauernden sein Restaurant Fässle in Degerloch. Die Folge war ein Sturm der Entrüstung in der Öffentlichkeit und bei den honorigen Stammgästen. Die Wirtsleute blieben standhaft und büßten für ihre ­Zivilcourage noch Jahre später.

­Eugen Maier ist 1987 am Herzinfarkt gestorben; er war gerade beim Friseur. Das Fässle gibt es noch. Über die Maiers und ihr Lokal gäbe es viel zu erzählen. Vielleicht stehe ich eines Tages vor einer Tafel und lese über sie das Nötigste. Der Rest ergibt sich.



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