Bauers Depeschen


Donnerstag, 25. Juli 2013, 1147. Depesche


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LIEBE GÄSTE,

die Bundestagswahl naht, und wie es im Moment aussieht, wird am Tag zuvor, am Samstag, 21. September, auf dem Stuttgarter Schlossplatz eine Großdemonstration stattfinden: gegen das Immobilienprojekt S 21 und die Politik, die dahintersteckt. Denkbares Motto: Wir wählen den Protest!

Weil es noch schön warm ist, warne ich schon mal vor dem kommenden Winter: Am Montag, 4. November, feiert der Flaneursalon im Theaterhaus sein fünfzehnjähriges Bestehen. Gäste: Los Santos (Stefan Hiss), Uta Köbernick, Roland Baisch, Toba Borke & Pheel - und vermutlich gibt es eine Stargast-Überraschung, wenn Dacia Bridges im Duo bei uns auftritt ...



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LIED DES TAGES



SOUL

In jüngster Zeit habe ich mir sehr unterschiedliche Platten zugelegt, was mit den extremen Wetterstürzen zu tun haben könnte. Beispielsweise habe ich mich in die Superstar-Regionen vorgepirscht und mir das neue Vinyl-Album von Justin Timber­lake und die neue CD von Kanye West besorgt. Diese Entscheidungen waren womöglich von den heißen Tagen dieser Saison beeinflusst. Die Rhythmen des Entertainers Timberlake, 32, und des Rappers West, 36, tragen einen alten Sack ganz gut aus der Kurve, was nicht heißen soll, ich hätte mir das Hirn im Sommer komplett verbrannt; es ist nur teilbeschädigt, wie wir im weiteren Verlauf dieses Textes sehen werden.

Zwischen den Plattenkäufen lag der Besuch bei Neil Young & Crazy Horse. In der gut aufgeheizten Schleyerhalle konnte ich lernen, wie Krach zur Kunst wird, wenn der Schöpfer mit gespitzten Lippen so präzise auf Kompromisse pfeift, bis ergreifende Melodien daraus werden. Die Beschäftigung mit Vinyl (andere Tonträger sind emotional unergiebig) schreit nach Konfrontation mit der Realität. Neil Young ist keiner, von dem man sagen könnte: Den habe ich früher schon gehört. Dafür stecken zu viel Youngs im Young.

Wer sich der Musik über Vinyl nähert, braucht sich technisch keineswegs in der Steinzeit zu fühlen. Vielen Scheiben liegen die Codes zum Herunter­laden der Musik aus dem Internet bei. Davon wissen viele Leute so wenig wie von der Tatsache, dass ständig neue Vinyl-Scheiben produziert werden, auch wenn die gleichen Songs auf CD erscheinen und ins Netz wandern.

Speziell in Stuttgart lebt der Plattenliebhaber wie im Paradies: Mit den Läden Einklang (Charlottenplatz), Second Hand ­Records (Leuschnerstraße, gegenüber Liederhalle) und Ratzer Records (Leonhardsplatz) hat er drei erstklassige Sammelstellen zur Auswahl; kleine Shops kommen hinzu.

Unsereins ist erst spät auf den Trichter gekommen. Meine Freude daran, Platten aus Vinyl aufzulegen, ist keine Verbeugung vor der Vergangenheit. Früher, als es nur Vinyl gab, hat mich dieses Zeug nicht besonders interessiert. Es knackte und nervte. Heute bin ich in der glücklichen Lage, den Dingen unverdorben zu begegnen, auch weil ich meine Geschmacksvorlieben bei der Plattenwahl oft ignoriere.

Es gibt gute Gründe, neben privat favorisierten Stücken, etwa aus der Country- oder Folk-Ecke, vermeintlich Abwegiges aus dem Regal zu ziehen. Superstars wie Timberlake und ­West geistern so oft durch die Medien, dass es einfältig wäre, sich von ihnen allein im Sound-­versauten Internet ein Bild zu ­machen. Über die großen Unbekannten, die Seltsamen, die Himmlischen, die ich mir mithilfe Eingeweihter zusammen­suche, schweige ich dagegen an dieser Stelle. Geheimsache. Jedenfalls glaube ich das, auch wenn es heute nichts Geheimes mehr gibt.

Zwischendurch macht es mir Spaß, Musik zu suchen, die ich früher wenig oder gar nicht im Haus hatte. Neulich erst habe ich mich gefragt: Was ist eigentlich mit Soul? Gibt es noch Soul? Ich fand „Tortured Soul“, die neue Platte der in Finnland ­lebenden Sängerin Nicole Willis, 49; sie kommt aus New York wie ihr Soul-Kollege Charles Bradley, 64; er hat in diesem Jahr„Victim Of Love“ veröffentlicht. Von Mr Bradley hatte ich nur gehört, weil ich zufällig mal an seiner Plattenfirma Daptone ­Records in Brooklyn vorbeistiefelte. Und jetzt muss ich Ihnen erzählen, ­warum ich eingangs mein Hirn als teil­beschädigt bezeichnet habe. Dieser Tage habe ich „Bild“ geglaubt, der SPD-­Politiker Claus Schmiedel habe 1961 sein Abitur gemacht und zu dieser Zeit in einer Soul-Band Saxofon geblasen. Darüber habe ich mich gewundert, weil 1961 noch kaum ein Deutscher von Soul gehört hatte. Schmiedel, 1951 geboren, hat sein Abitur 1970 gemacht. Da war Charles Bradley zweiundzwanzig, seine erste Soul-Platte ­allerdings hat er erst 2002 aufgenommen, als es angeblich keinen Soul mehr gab. Zuvor hatte er als Küchenchef gearbeitet.

Oft dauert es, bis ein Mensch weiß, wo er ist. Das Schöne am Platten­sammeln ist: Weil ich nie genau weiß, was ich will, erwerbe ich Wundertüten. Hinterher zolle ich Mr Timberlake und Mr West Respekt, weil der Privatgeschmack eine lausige Einbahnstraße ist beim Erkunden der Welt. Den richtigen Weg und den Soul zu finden ist ja selbst dann verdammt schwierig, wenn einer weiß, dass die Erde eine Scheibe ist.

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