Bauers Depeschen


Mittwoch, 17. Juli 2013, 1144. Depesche


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LIEBE GÄSTE,

heute steht hier nach kurzer Pause wieder eine neue StN-Kolumne. Der nächste Flaneursalon findet am Montag, 4. November, im Theaterhaus statt: Wir feiern das fünfzehnjährige Bestehen unserer Mix-Show. Vorverkauf läuft.



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LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



LAS VEGAS

Auf dem Weg von Möhringen nach Plieningen hält die Straßenbahn vor dem „SI­Erlebniscentrum“. SI steht für Stuttgart International. So hieß seit den sechziger Jahren ein Hotel im Brachland von Möhringen, ehe der Unternehmer Rolf Deyhle 1994 in schwäbischer Bescheidenheit das „Urban Entertainment Center“ ausrief: einen Rummelplatz mit Musicalbühnen in der Feld- und Wiesenlandschaft am Rand der Stadt.

Rolf Deyhle ist ein Show-Mann, schlau und vereinnahmend. Geld- und Steuertricks hat er als Beamter beim Stuttgarter Finanzamt gelernt, als Selbstständiger erfand er das berüchtigte „Bauherren­modell“, und er kennt Las Vegas. Die Geschichte von ­ Benjamin „Bugsy“ Siegel, einem Mafioso aus Brooklyn, New York, der Mitte der vierziger Jahre beim Anblick abgewrackter Spiel­buden in der Wüste von Nevada eine Vision hat. Mr. Siegel verfällt der Idee, in Las ­Vegas ein Luxushotel mit Kasino zu errichten. Mit Hilfe seiner Mafia-Freunde, darunter der mächtige Meyer Lansky, zieht er die Sache durch. Als sein Hotel Flamingo nicht wie erwartet Gäste bringt, engagiert Bugsy befreundete Showstars. Smarte Jungs wie Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis jr. ­regeln die Dinge.

Als ein Killerkommando 1947 Benjamin Siegel rrschießt, ist er 41 und berühmt. Der Hollywood-Regisseur Barry Levinson widmet ihm 1991 mit „Bugsy“ einen großartigen Gangsterfilm;Warren ­Beatty spielt die Hauptrolle. Zwei Jahre später kopiert der 1938 in Stuttgart geborene Finanzjongleur Rolf Deyhle das Modell Las Vegas/Nevada in der Prärie von Möhringen/Stuttgart. Um das heruntergekommene Hotel SI aufzu­brezeln, braucht er Shows und vor allem ein Kasino. In der ehrenwerten Gesellschaft der heimischen Politiker kein Problem. Die Glücksspiel-Konzession wird genehmigt. Die Stadt finanziert Deyhle Zugangsstraßen für sein Butterfahrten-Paradies, die Landes­regierung spendiert ihm eine Steuerbürgschaft von 30 Millionen D-Mark, und alle loben das unternehmerische Risiko mit „nicht subventionierter Kultur“.

1994 wird das SI-Centrum mit dem Musical „Miss Saigon“ eröffnet. Das Stück behandelt eine US-Tragödie, es geht um die von GIs mit asiatischen Frauen im Vietnamkrieg gezeugten und vergessenen Kinder. Am New Yorker Broadway fließen bei jeder Aufführung die Tränen (ich saß mal mittendrin). Bei uns wird das Musical trotz der deutschen Texte nicht richtig verstanden, bringt aber einen Hubschrauber mit laufenden Rotoren auf die Bühne. Das wirkt.

Deyhle investiert bald viel Geld in Hollywood-Filme mit Stars wie Kevin Costner und Al Pacino. Aus der Musical-Branche jedoch ist er Ende der Neunziger raus, seine Stella AG muss er verkaufen. Es gibt Theater mit einer eher peinlichen Staats­anwaltschaft, Deyhle versteigert seine Kunstsammlung und zieht sich aus der ­Öffentlichkeit zurück. Als Produzent bleibt er im Geschäft. Es gäbe noch viel über ihn zu erzählen, belassen wir es bei der Heimat­geschichte: Sein Vermächtnis steht in Möhringen. Das Musical ist am Leben, auch das Hotel und das Kasino, wie überall beliebte Orte bei professionellen Damen.

Richtig lustig wird die ganze Geschichte angesichts der jüngsten Schnapsidee, ausgerechnet im Klein-Vegas zu Möhringen das „Erörterungsverfahren zum Grund­wassermanagement“ für Stuttgart 21 ab­zuhalten. Zwei Tage lang ging die peinliche Aufführung im Apollo-Theater, einem der beiden Musical-Häuser, über die Bühne. Das Kalkül von Deutscher Bahn und Regierungspräsidium, die Touri-Bühne in der Diaspora würden nur wenige S-21-Gegner finden, ging nicht auf. Es kamen viele, und sie erlebten ein Stück, das dem Namen Apollo Theater Schande bereitet.

Das berühmte Original steht in Harlem, New York. Dort, in der 125. Straße, wo Stars wie Diana Ross und James Brown grandiose Triumphe feierten und Michael Jacksons Karriere begann, steigt traditionell die „Amateur Night“: Immer mittwochs treten im Apollo Theater in Harlem Nachwuchs-Entertainer zu einem Wettbewerb an. Schiedsrichter ist das Publikum, es bejubelt gute Leistungen und pfeift Versager aus. Ist ein Kandidat durchgefallen, kommt der „Executioner“, der Vollstrecker, und fegt den Loser von der Bühne.

Etwas Ähnliches erlebten die Besucher jetzt in Möhringen. Wo sonst die Nonnen-Nummer „Sister Act“ läuft, durften sich die Protestbürger als Jury einer Schmierenshow göttlich belohnt fühlen. Der autoritäre Verhandlungsleiter Joachim Henrichsmeyer vom Regierungspräsidium wurde von den Gegnern als S-21-Befürworter der Befangenheit angeklagt und als Lügner aus­gebuht, die Verhandlung auf Antrag der Deutschen Bahn abgebrochen.

Der Executioner in dieser missglückten Propaganda-Show war das Volk. Und Stuttgart um eine Provinzposse reicher. Irgendwie sind wir Herrn Deyhle zu Dank verpflichtet. Nirgendwo ist das Großprojekt Stuttgart 21 thematisch besser aufgehoben als im Schatten eines Möhringer Kasinos.



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