Bauers Depeschen


Dienstag, 16. Juli 2013, 1143. Depesche


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LIEBE GÄSTE,

neue StN-Kolumnen gibt es wieder ab Donnerstag. Bis dahin eine kleine Reisegeschichte aus den frühen Tagen. Der nächste Flaneursalon in Stuttgart findet am Montag, 4. November, im Theaterhaus statt: Wir feiern das fünfzehnjährige Bestehen unserer Mix-Show.



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LIED DES TAGES



UNTER ELFEN

Im Frühjahr 2010, einige Zeit vor dem isländischen Vulkanausbruch, bekam ich Elektropost von Frau Dara Profeta aus Heslach. Knapp und freundlich befahl sie mir unter der Betreff-Zeile „Einsamer Reiter“, ich solle so schnell wie möglich die Elfen rufen: „Sie wissen doch“, teilte mir die unbekannte Dame mit, "damals in Reykjavik hatten die Städtebauer überhaupt keine Chance gegen die Elfen."

Nichts wusste ich. Gar nichts. Ein einziges Mal nur in meinem Leben war ich in Reykjavik gewesen, Anfang der Achtziger, als mich eine Billigreise nach New York per Zug nach Mannheim und per Bus nach Luxemburg zu einer Zwischenlandung in Reykjavik zwang. Kaum angekommen, entdeckte ich auf dem Flugplatz eine Kneipe mit der verlockendsten Aussicht aller Zeiten: "Dies ist die einzige Bar der Welt, wo es echtes Polar-Bier gibt.“

Blitzartig setzte ich mich an die Theke, um bald festzustellen, dass auch das sechste, siebte und zwölfte Bier wie das einzige Polar-Bier der Welt schmeckte. Es war gut, und ich konnte auch den sechsten oder siebten Aufruf nicht hören, Mister Bauer, das Landei aus dem Stuttgarter Westen, möge gefälligst seinen Arsch zum Flugzeug bewegen.

Irgendwann, ich trank noch Polar-Bier, kamen mehrere Flughafenmänner, bugsierten mich in einen Ford-Kombi und fuhren mich zur Rollbahn. Als ich im Flugzeug zu meinem Platz ging wie ein Mann, gewohnt, zur See zu fahren, begrüßten mich alle Passagiere mit großem Hallo. Seltsamerweise wollte im Flugzeug keiner wissen, ob mir das einzige Polar-Bier der Welt geschmeckt habe. Meine Reisegefährten hießen mich in allen Sprachen der Welt einen deutschen Penner und ein Riesenarschloch. Ich hätte Schuld, hieß es, wenn das Flugzeug zu spät New York erreiche.

Ich zuckte mit den Schultern. Damals reiste ich mit der Haltung, es spiele keine Rolle, wann ein Mann in Amerika eintrifft. Aus heutiger Sicht hatten Columbus und Buffalo Bill, George W. Bush und andere einsame Reiter

das Meiste sowieso schon erledigt.

Seit dem Tag, an dem ich Post von Frau Profeta aus Heslach erhielt, bin ich mir sicher: Es waren Elfen, die mich aus der Polar-Bar ins Flugzeug schleppten. Auch wenn man es Elfen nicht ansieht, ob sie Elfen sind. Keiner weiß, ob Elfen heterosexuell, schwul oder beides sind. Kenner behaupten, Elfen hätten blonde Haare, große Ohren und lange Beine, und mancher einsame Reiter ist auf der Suche nach einer Elfe bei langen Beinen und großen Ohren gelandet und hat zu spät bemerkt, dass es ein blonder Polar-Bär war. Heute, da ich alt und erfahren bin, wüsste ich alles über Elfen, hätte ich nicht in einer Bar von Reykjavík das Polar-Bier entdeckt. Nach diesem Vorfall konnte ich mich in Island leider nicht mehr blicken lassen.

Heute weiß ich: Auch Frau Profeta ist eine Elfe. Wenn es in Stuttgart Elfen gibt, dann in Heslach. Der Rest der Stadt ist voller Hexen. Frau P. hatte mich ja nicht wachgerüttelt, um etwas über meine internationalen Tresen-Abstürze zu erfahren. Sie wollte mir sagen: Hör mal zu, einsamer Reiter, keiner würde es wagen, unsere Stadt zu zerstören, hättest du die Elfen befragt.

Die Sache wäre ganz einfach gewesen. Bücher und Internet sind voll mit Geschichten über eine isländische Superelfe namens Erla Stefánsdóttir. In den neunziger Jahren porträtierte sie der deutsche Aktionskünstler Wolfgang Müller in der Frankfurter Rundschau als "Elfenbeauftragte" und machte sie damit berühmt. Im Auftrag des isländischen Bauamts spürte sie da mals heilige Orte auf, Plätze, an denen Elfen leben. Sie gab der Regierung Anweisungen, welche Orte man auf keinen Fall bebauen dürfe, wolle man nicht die Rache der Elfen heraufbeschwören.

Ich bat einen Bekannten um Recherchehilfe. Seit vielen Jahren regelmäßig in Reykjavik unterwegs, bestätigte er mir unverzüglich: In Reykjavik leben Elfen. Sie sind unsichtbar, hinterlassen aber überall ihre Zeichen, sogenannte "Spuren der Ordnung" – man findet sie am Boden, im Fels und sogar am Tresen einer Polar-Bar.

Mein Bekannter ist ein Eingeweihter. Er berichtete mir, der Isländer benutzte aus Gründen der Hygiene nie ein Taschentuch. Er hält sich mit dem Daumen ein Nasenloch zu und rotzt durch das freie Loch sauber und gezielt zu Boden. Bei uns kennt man diese Technik von VfB-Spielern. Leider aber befragt bei uns keiner die Elfen, bevor er Löcher gräbt und die Stadt zerstört. Bei uns überlässt man alles den Rotznasen aus der Politik und von der Bank.



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