Bauers Depeschen


Dienstag, 25. Juni 2013, 1133. Depesche


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LIEBE GÄSTE,

die neue Woche beginnt, wie die alte aufgehört hat: Der Vorverkauf für den Flaneursalon am Samstag, 6. Juli, im Neckarhafen hängt wie ein abgestürzter Computer. Wir machen Unterhaltung, eine Mix-Show mit Lesung, Musik, Komik. Wir haben eine erstklassige Besetzung auf der Bühne und einen selten schönen Spielort am Neckarufer. Jetzt brauchen wir nur noch etwas Publikum:



DER KLICK ZUM FLANEURSALON HAFENPICKNICK – Kartentelefon: 07 11 / 22 11 05

Karten gibt es auch im Plattencafé Ratzer Records, Leonhardsviertel

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LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



BEI DEN SCHAFEN

An der Längsseite meines Straßenbahn­wagens steht der Reklamereim „Wir lieben Fliegen“, und schon beim ­ersten Lesen stellt sich mir die Frage: Gab es früher mehr ­Fliegen? Mir scheint, in den vergangenen Sommern ­haben mich die ­Mücken öfter und aggressiver ­attackiert. Es gab Nächte, da wollten sie mich töten. Nie ging ich ohne Insektenstift aus dem Haus und erst recht nicht ins Bett. Fliegen werden nicht halb so heiß geliebt, wie es das Reiseunternehmen auf dem Straßenbahnwaggon behauptet. Die erotischen Mängel dieser üblen Viecher sind bekannt: Fliegen haben kurze Beine.

Werbetexter, die sich hartnäckig „Krea­tive“ nennen, sind hemmungslose Wortspieler. Kein Kalauer zu kahl oder zu lau. In dieser Saison feiern sie auf Plakaten in der Stadt das „Sommermeerchen“, ­womöglich servieren sie demnächst schlaffen Strand-Touristen „Mehr Jungfrauen“ und der Sado­maso-Fraktion die „Schindmeere“.

Heute will ich ein wenig vom Bus- und Straßenbahnfahren erzählen, schon weil neben dem Spruch „Wir lieben Fliegen“ ein weiterer Werbekracher am Waggon zu lesen war: „Es gibt noch andere schöne Ländle“. Diesen Satz kann nicht jeder verstehen, weil er nicht vollständig ist. Korrekt müsste er lauten: „Es gibt noch andere schöne Ländle als Amerika“, oder so.

Ungefähr aber konnte ich mir vorstellen, was gemeint war, und so setzte ich mich auf der Suche nach einem besseren Ort mit „le“ am Schwanz am Rosenbergplatz in den 42-er Bus. Immer wieder habe ich es gesagt, nicht oft genug kann ich es hinausposaunen: Der ­Zweiundvierziger ist Stuttgarts beste Rundfahrtkutsche. Aus mehreren Gründen bin ich bereit, den Zweiund­­vierziger heftiger zu lieben als Fliegen.

Zügig rauscht mein Magic Bus zum Bahnhof, streift die mit außer­irdisch häss­lichen Rohren zugestellten Baustellen der Unterwelt. Weiter geht es nach ­Osten zu den urbanen Trabanten der Stadt, in die große Welt mit ihrer revolutionären Vergangenheit. An der Haltestelle Libanon, wo sonst, stoppt der Zweiundvierziger vor dem Gasthaus Träuble. Die schwäbische Weinstube mit ihrem Biergarten hat sich seit einem halben Jahrhundert so gut wie nicht verändert. Der Gast betritt eine rustikale Wirtschaft, ein Museum aus einer Zeit, als auf heute längst vergessenen Linien die Straßenbahn mit Holzbänken fuhr. In diesem Gasthaus in der ­Gablenberger Hauptstraße, dieser buntesten Lebensader des Ostens, hat dem Hörensagen nach der letzte König von Württemberg verkehrt; der Tafelspitz ist noch immer ­höfisch gut und das Wirtshaus irgendwann eine eigene ­Betrachtung wert. Bis dahin sage ich: „Es gibt keine anderen schönen Träuble.“

Anderntags fuhr ich aus Zeitgründen mit der schnellen S-Bahn erneut Richtung ­Osten, diesmal zur Haltestelle Sommerrain in Bad Cannstatt, eine Gegend, die ich nie zuvor betreten hatte. Eine Weile ging ich an der engen Straße an den Eisenbahngleisen entlang. Nicht ohne Grund. Auf dem Stadtteilbauernhof Bad Cannstatt (korrekte ­Adresse: In den Wannenäckern) fand ein „Cowboyfest mit Live-Musik“ statt, und es war meine verdammte Pflicht zu prüfen, ob meine Stiefelmodelle eine Zukunft bei den Nachwuchsreitern haben, wenigstens bei denen, die nicht vegan erzogen werden.

Die Jugendfarm war von Ponys, Schafen und Hühnern ­bevölkert, auf dem Gelände am Rand der Stadt spielten viele westwärts orientierte Kinder grün gefärbter Eltern, und als die Band Jimmy Webbs Liebeslied „Wichita Lineman“ anstimmte, konnte ich wieder einmal mit Clint Eastwood den Lauf der Dinge gelassen sehen: Ein Mann reitet in die Stadt, der Rest ergibt sich.

Bevor ich in Amerika gelandet war, hatte ich auf dem Weg zur Ranch eine mit deutschen Schlagern beschallte und deutscher Fahne beflaggte Gartenhaussiedlung passiert und mit Genugtuung verfolgt, wie die Kirschen sich rot färben wie die Johannis­beeren und die nackten Oberkörper der Männer. Die Quitten ­hängen noch grün an den Bäumen, aber der Herbst kommt, und dann sind die lieben Fliegen tot.

Auf dem Rückweg stieg ich standesgemäß in die Straßenbahn, Haltestelle Gnesener Straße, fuhr über den Neckar und sah mit Freude, wie am frühen Abend das Wasser im Bad Berg für die Beckenreinigung ab­gelassen wurde. Ständig muss man vor der letzten Ölung dieser von der Politik zum langsamen Sterben verurteilten Bade­anstalt zittern, der einzigen Quelle der Welt, wo es auch im Winter Sommermärchen gibt.

Das Fliegen-Lieben ist überschätzt, solange auch eine übliche Stadtkarre den Neugierigen fortbringt aus dem Kesselmief. Unterwegs fliegen die ­Gedanken, wenn es sein muss, bis nach Amerika. Davon erzähle ich ein andermal.



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