Bauers Depeschen


Sonntag, 23. Juni 2013, 1131. Depesche


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LIEBE GÄSTE,

warum schwimmen bei gutem Juni-Wetter, bei nur leicht bewölktem Himmel am Vormittag nicht mehr als sechs, sieben Leute im Freiluftbecken des Mineralbads Berg? Weil dieses einzigartige Wasser nicht im Bewusstsein der Menschen ist, weil sie eine Badeanstalt für eine Partywiese mit eingebautem Solarium halten und das Becken partout mit ihrem Scheißsonnenöl versauen müssen. So beginnt ein schöner Sonntag, und wenn wir schon beim Wasser sind: Gewohnt uncool geht es weiter mit der Propaganda zur Eroberung des rechten Neckarufers. Occupy Mittelkai!

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Zum Thema "Sommer in der Stadt" in der StN-Samstagsbeilage "Solo"



GLÜHENDER BETON

Der Sommer als Glücksbringer und Schattenwerfer

Von Joe Bauer



Die meisten Menschen sehen den Sommer womöglich gar nicht als Jahreszeit. Er dient ­ihnen allein als Objekt ihrer Sehnsüchte. ­Besonders verstörend ist des Sommers Gastspiel in urbanen Gemäuern. Er riecht nach Autogas und Asphalt, nach Kreislauf- und Deodorantversagen. Da aber selbst der unbegabteste Songschreiber in der Zeile „Sommer in der Stadt“ eine Refrain-Qualität erkennt, wird das Lied vom Sonnenglück wohl nie enden. Der Stabreim „Sommer in der Stadt“ beflügelte die Münchner Bierzelt-Band Spider Murphy Gang, „nackert durch’n Englischen Garten“ zu rennen, während der Kölner Schlagersänger Wolfgang Petry in seiner gleichnamigen Schnulze über Elend des Singles heulte: „Gibt’s nicht ­irgendwo in dem riesen Häusermeer das Mädchen, dessen Freund ich gerne wär?“

Auszuschließen ist, dass der Musiker ­Petry zuvor auf ein Werk des amerikanischen ­Malers Edward Hopper ­gestoßen war: Eine verloren blickende Frau in einem rosa Kleid sitzt in einem von virtuos inszeniertem Licht durchfluteten, fast leeren Großstadt-Zimmer auf dem Bett, hinter ihr der nackte weiße Körper eines Mannes, das Gesicht im Kissen vergraben. Bei Hopper wirft der Sommer seine traurigen Großstadtschatten, das Gemälde trägt den beängstigenden ­Titel „Summer in the City“.

Weil die Zeile „Sommer in the City“ rhythmisch entschieden besser funktioniert als „Sommer in der Stadt“, wird der gleichnamige Jahrhundert-Song „Summer In The City“ der New Yorker Band Lovin’ Spoonful von 1966 wohl auch noch alle bevorstehenden Erderwärmungen und Eiszeiten überdauern. Bemerkenswert an der mit­reißenden Hymne ist die maskuline Botschaft, der Sommer habe seine Reize allein in der Nacht. Nicht nur, weil es nach ­Sonnenuntergang einfacher erscheint, außer­halb der Hopper’schen Depressionskammer ein Girl zu treffen. Bei Tageslicht taugt der Sommertag nicht als Fest fürs Leben. Die Leute hängen im Song von Lovin’ Spoonful halbtot in einem Moloch ab, wo die Bürgersteige heißer sind als Zündholzköpfe.

Wer je an einem Sommertag in New York aus einer von der Klimaanlage auf Kühlhaustemperatur getrimmten Bar hinausging auf die Straße, wird diese Geschichte bestätigen. Er glaubt, einen eisernen Glutofen zu rammen, selbst wenn er, von einem schlauen Wüstenfuchs belehrt, in der Bar nur lau­warmen Pfefferminztee getrunken hat.

Gleichwohl wäre es dämlich, vor der Sommerhitze im Big Apple zu warnen. Solange der Tourist Seele und Neugier besitzt, wird ihm beim Blick auf die großartig ­erschaffene Architektur New Yorks selbst im härtesten Winter heiß. Nicht die Temperaturen einer Jahreszeit prägen die Stadt. Es ist das Licht. Um dieses Licht zu sehen, zu verstehen und widerzuspiegeln, braucht es Künstler wie Edward Hopper. Der einfache Reiseberichterstatter scheitert mit seinen verbalen Lichtreflexen so kläglich wie bei dem Versuch, den Charakter der Sommerstadt mit der Nase aufzusaugen. Wer möchte schon guten Gewissens behaupten, er könne die Gerüche beschreiben in einer Stadt, in der sich die Menschen begegnen, als hätte ein Überirdischer alle fünf Kontinente so dicht zusammengeschoben, dass kein Turnschuh mehr dazwischen passt.

In einem solchen Schmelztiegel nutzt es dir wenig, wenn du den Duft von frisch geröstetem Mais vom Gestank eines zu lange gebrutzelten Hotdogs unterscheiden kannst. Dazwischen steigen über dem ­Asphaltgrill der Großstadt urbane Parfümwolken auf, die der Außenstehende beim besten Willen nicht identifizieren kann. Der Globa­lisierung mag es gelungen sein, die Städte dieser Welt mit seriell gefertigten Glas- und Betonkästen zu verschandeln. Das Aroma der Metropolen aber hat sie trotz aller ­Fast-Food-Attacken auf die Geruchs- und Geschmacksnerven noch nicht vereinheitlicht. Nach wie vor stinkt der Fisch vom Kopf her.

Eines der schönsten Beispiele, sich dem Sommer der Stadt kulinarisch zu nähern, ist Jörg Fausers Essay „Tanger“. Der erste Satz seines herrlich ausufernden Wortstroms zählt fünfundzwanzig Taschenbuch­zeilen, so dass wir uns mit einem literarischen Torso begnügen wollen: „Gegen fünf am Nachmittag steht die Sonne noch ziemlich hoch über der Bucht von Tanger, in den Gassen der ­Medina hockt die Juni-Hitze zwischen den Cafés und den Kinos und den Läden mit den Satteltaschen und Sitzkisten und Kaftanen und den Hotels in maurischem Stil und den Snack-Bars für diese sterilste und überflüssigste Spezies Mensch, den betuchten Hippie-Imitator aus den besseren Vororten der westlichen Mittelstands-Oasen, und der ­Besitzer von ‚Freddie’s French Fried – Real English Fish ’n’ Chips’ öffnet seine Kühl­truhe und stapelt die aus Deutschland oder Dallas eingeflogenen tiefgekühlten Scheiben Hamburger-Hackfleisch neben dem Grill und gibt seinem Gehilfen Anweisungen, noch mehr Cola auf Eis zu legen . . .“

Verlassen wir diese Welt im Warenfluss, die ihre Weite und ihre Geheimnisse inzwischen im Internet zu verlieren scheint. Kehren wir ein in die Kapelle der Besinnlichkeit. Schon einige Jahre länger als „Summer In The City“ hält sich der Welthit des Liederdichters Paul Gerhardt: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud  / In dieser lieben Sommerzeit . . .“

Ob dieses Lied je in den Straßen einer ­brodelnden Stadt gesungen wurde, ist nicht bekannt. Wie die Sommerstadt den Dichter zu einer Liebeserklärung verführt, lesen wir hingegen in Thomas Manns Novelle „Gladius Dei“: „München leuchtete. Über den festlichen Plätzen und weißen Säulentempeln, den antikisierenden Monumenten und Barockkirchen, den springenden Brunnen, Palästen und Gartenanlagen der Residenz spannte sich strahlend ein Himmel von blauer Seide, und ihre breiten und lichten, umgrünten und wohl berechneten Perspektiven lagen in dem Sonnendunst eines ersten, schönen Junitages.”

Mehr als hundert Jahre später scheinen solche Sätze in den sonnengedünsteten ­Hirnen Stuttgarter Reklamedichter nach­zuwirken, wenn sie Thomas Manns Münchner Sommerlichtpoesie für den ­Slogan ihrer Einkaufsnächte missbrauchen „S-City leuchtet“. Da wendet sich der Einheimische mit Grausen und erfreut sich an dem Buch „Gleißendes Glück“ der schottischen Autorin A. L. Kennedy. Ihre Romanheldin Helen Brindle erlebt ein Stuttgart, das so nicht ­jeder Stuttgarter kennt: „Der Kleine Schlossplatz bog sich unter der Sonne, und eine freundliche Leuchtanzeige verkündete die weithin sengenden Temperaturen. Sie setzte sich in Windrichtung neben einen Springbrunnen und versuchte, sich auf die regelmäßigen Wellen feinen Sprühregens zu konzentrieren, den die Hitze fast schneller wieder verdunsten ließ, als er auf ihrer Haut landete . . . Jenseits der Wasserkaskaden sah man Klippen und Vorsprünge aus Beton. Die ganze Stadt war in glühenden Beton aus blasser Berghitze eingekesselt. Die britischen Bomben hatten nur kleine Inseln der Vergangenheit übrig gelassen: hier eine ­Kirche, dort ein öffentliches Gebäude . . .“

Eine Hommage wie diese rückt die Energie der elektrisierten Stadt präziser ins Licht als die weißen Festzelte im Schlossgarten, die Rummelplatz-Requisiten für den Traum von einer „weißen Stadt“. Die Sehnsucht nach dem Sommer in der Stadt ist ein Phänomen, das sich seit Jahrzehnten am besten im Winter beobachten lässt. Auf der Suche nach der Freiheit, die sie meinen, hüllen sich die Menschen in der ­Innenstadt auch bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt in Wolldecken, um in Straßencafés den sexy Sommer zu spüren. Setzt sich die Sonne dann endlich am Himmel durch, enthüllen die Leute so schnell ihre Tattoos, als hätten sie diese Nummer das ganze Jahr in ihrem Wax-Studio geübt. Die Parks verwandeln sich so schnell in illegale und geduldete Liegewiesen, als hätten am Wiesenrand Hundertschaften Unsichtbare auf das Startsignal gewartet. Jetzt sieht die Stadt größer und lebendiger aus, als sie ist. Menschenmassen improvisieren eintrittsfreie Open-Air-Partys, bevor sie die Events der professionellen Frischluft-Veranstalter ­besuchen. Und gehst du nach einer guten Nacht sonntagmorgens durch den Park, sieht er aus wie ein frisch von der Polizei ­geräumtes Camp. Der Kohlegrill ist die ­Opferbank heutiger Glücksritter. Diese ­Rituale aber ersetzen nur dürftig den ­Sommerrausch der Großstadt. Viel näher kommt ihm, wer kurz vor Mitternacht aus dem Madrider Fußballstadion ins Herz der erwachenden Stadt geschwemmt wird und fünf Stunden später vergeblich ein Taxi­ jagt. Die Metropole lebt nachts, Shows beginnen zur Rushhour der Vampire, und im Morgenlicht chillen die Kinder in ihren Clubs.

Die wahre Sommerstadt erlebt der Mensch allerdings erst dann, wenn sie ihm die Chance eröffnet, ans Wasser zu gehen. Es muss nicht das Meer sein, ein Fluss in der Stadt genügt, sich wie in einem lustigen Lied der britischen Punkrock-Band The Stranglers einem Sommernachtstraum voller Pfirsiche am Strand hinzugeben: „Walking on the beaches looking at the peaches.“

Vielleicht aber ist der Sommer in Wahrheit nur ein Langweiler. Eine Saison, die das Leben viel oberflächlicher verändert als der Frühling, der Herbst und der Winter, die uns das Kommen und Gehen kompromissloser vor Augen führen als die Parade der Bade­moden. Mark Twain sagt: „Sommer ist die Zeit, in der es zu heiß ist, um das zu tun, wozu es im Winter zu kalt war.“



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