Bauers Depeschen


Freitag, 21. Juni 2013, 1130. Depesche


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LIEBE GÄSTE,

die Hitzepause ist vorbei, gewohnt uncool geht es weiter mit der neuen StN-Kolumne und der täglichen Propaganda zur Eroberung des rechten Neckarufers: Occupy Mittelkai!

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LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



DIE KUNST DER VERIRRENS

Die vergangenen Tage bin ich wenig herumgelaufen, so gut wie gar nicht. Jedenfalls habe ich mich kein einziges Mal in der Stadt verirrt. Es war heiß, und die Nachrichtensprecher werden die paar Brodeltage sicher wieder zur „Jahrhundert-Hitze“erklären. Auch wenn es die meisten Menschen selten schaffen, hundert zu werden, so tischen ihnen die Medien doch fortwährend Jahrhundert-­Ereignisse auf. Stuttgart 21 etwa gilt als Jahrhundert-Projekt, weil es aus einem fernen Jahrtausend kommt und in hundert Jahren nicht funktioniert.

Dieser Tage hatten wir ein Jahrhundert-Hochwasser, bis es die angefeuchteten Kommuni­kationsexperten nach oben korrigierten, als ihnen einfiel, schon neulich ein Jahrhundert-Hochwasser gefeiert zu haben. Das war 2002. Danach sprachen sie prophetenhaft vom „Jahrtausend-Hochwasser“. Wir können Gott danken, dass unser Kessel jetzt tausend Jahre trocken bleibt. Vom Hochwasser verschont zu werden heißt aber nicht, der göttlichen Strafe generell zu entgehen. Die einen haben die Flut in der Stadt. Die anderen Bon Jovi auf dem Wasen.

Jon Bon Jovi, der Sänger einer Jahrhundert-Band, ist ein Mann, der viel Geld für soziale Zwecke ausgibt. Beispielsweise hat er in Amerika die „Soul Kitchen“ gegründet. Mit dem gleichnamigen deutschen Film des türkischen Regisseurs Fatih Akin hat diese Sache insofern zu tun, als Jon Bon Jovi wie Fatih Akin einen Haufen liebenswerter Irrer um sich scharen. Geht es in der Komödie darum, eine Hamburger Frikadellen-Kneipe vor der Pleite zu retten, lässt das Restaurant „Soul Kitchen“ die Gäste entscheiden, wie und was sie bezahlen wollen. Der eine löhnt zwanzig Dollar für ein Menü, der andere zwanzig Cent. Wer keinen Bock auf Bares hat, kann ersatzweise beim Spülen helfen – so lange, bis er, wie in Amerika üblich, Tellerwäscher-Millionär geworden ist. Dann geht er in die Soul Kitchen und sagt: Hör mal zu, Jon Bon Jovi, ich zahle dir hundert­tausend Dollar für jeden deiner verdammten Cheeseburger, wenn du mich mit deinem Käse-­Rock in Ruhe lässt.

Damit sind wir bei der Geschmacksfrage, und die ist gefährlich. Viele Leute erheben ihren Privatgeschmack ja zum alleinigen Maßstab für die Beurteilung der Welt, und weil dafür ihr Geschmack oft nicht ausreicht, nehmen sie rasch noch ihre politische Meinung zur Hilfe. Schon steht S 21 wie eine Eins. In diesem Fall kann der Kunde leider nicht wie der Soul-Kitchen-Gast entscheiden, ob er die Zeche zahlt. Mancher würde sonst schnurstracks beim ­Abtragen und Aufräumen helfen und auch noch den großen Abwasch übernehmen. Stuttgart 21 ist eine Art Hell’s Kitchen: Die Betreiber sind hinter dem Geld her wie der Teufel hinter der armen Seele.

Sehen Sie, verehrtes Publikum, so schnell landet man bei der Politik, wenn einem schon nach zwei, drei Schritten durch die Stadt vom erstbesten Hausdach der Teufel herunterwinkt. Das Spazieren­gehen, auch Flanieren genannt, ist in jüngster Zeit wieder in Mode gekommen. Weil einige Autoren den Müßiggang wieder entdeckt haben, liest man Schlagzeilen wie „Comeback des ­Flaneurs“. Womöglich hat diese Entwicklung auch mit dem weltweiten Bedürfnis der Menschen zu tun, die Straße als Bühne ihres Daseins neu zu beleben.

Unfreiwillig komisch wird die Flanierlust, wenn manche Leute Kurse und Anleitungen dafür anbieten. Diese organisierte Geschäftigkeit gibt es inzwischen auch in Stuttgart, sie widerspricht der Natur der Sache und bricht die Regeln der Vorbilder.

Der Flaneur geht allein. Franz Hessel schreibt in seinem Aufsatz „Von der schwierigen Kunst spazieren zu gehen“: „Das ­Spazierengehen ist weder nützlich noch hygienisch. Wenn’s richtig gemacht wird, wird’s nur um seiner selbst willen gemacht, es ist ein Übermut wie – nach Goethe – das Dichten. Es ist mehr als jedes andere Gehen zugleich ein Sichgehenlassen.“ Im gleichen Geist feiert Walter­ Benjamin die Ziel- und Orientierungslosigkeit des Herum­gehers: „Sich in einer Stadt nicht zurechtzufinden heißt nicht viel. In einer Stadt sich aber zu verirren, wie man in einem Wald sich verirrt, braucht Schulung . . . Diese Kunst habe ich spät erlernt; sie hat den Traum erfüllt, von dem die ersten Spuren Labyrinthe auf den Löschblättern meiner Hefte waren.“

Wer sich von selbst ernannten Führern in Flanierkursen leiten lässt, macht nichts ­anderes als literarisch aufgebrezelte Stadttouren. Der Spaziergänger muss sich etwas Risiko bewahren. Weil ich ohne kritische Begleitung vorankommen will, habe ich mir als Streuner mein eigenes Motto zugelegt:

Lieber zu weit gehen als gar nicht.



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