Bauers Depeschen


Mittwoch, 17. April 2013, 1090. Depesche


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Schon in vier Wochen:

FLANEURSALON IN DER RAMPE

Freitag, 17. Mai, 20 Uhr, Zahnradbahnhof Filderstraße, Theater Rampe: Die Lieder- und Geschichtenshow mit Roland Baisch & Sohn Sam, Zam Helga & Tochter Ella, Toba Borke & Pheel - unsereins ist auch dabei. Den Abend widmen wir der Rampe-Intendatin Eva Hosemann - leider verlässt sie die Bühne nach dieser Saison. Alles Beste!

(Mehr als die Hälfte der Karten ist übrigens schon weg) INFOS UND VORVERKAUF



DAS LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



MEGALOMANIE

Herr Professor Dr. Benedikt Weibel aus der Schweiz hat bei der jüngsten Montagsdemo gegen Stuttgart 21 auf dem Marktplatz gesprochen. Der Eidgenosse W. kann deshalb kein guter Mensch sein, keiner, der dem Fortschritts- und Zukunftsanspruch der Stuttgarter Politik gewachsen wäre.

Herr Weibel war von 1993 bis 2006 CEO der SBB, zu Deutsch: Vorsitzender der Geschäfts­leitung der Schweizerischen ­Bundesbahnen. 2008 war er Delegierter des Bundes­rats für die Fußball-Europameisterschaft, heute ist er ­Dozent für praktisches Management an der Universität Bern und nach wie vor Mitglied der Sozialdemokra­tischen Partei der Schweiz.

Herr Weibel sagte bei der 168. Montagsdemo, eigentlich habe er in Stuttgart keine Rede mehr halten wollen, nachdem der grüne Ministerpräsident im „Spiegel“ erklärt habe, im Fall S 21 gebe es „kein Zurück mehr“. Auf Bitten der Demo-Veranstalter sei er dann doch gekommen, habe aber nicht vor, sich grundsätzlich gegen Stuttgart 21 zu äußern. (Verständlich: Hört ja keiner hin.)

Er spreche deshalb, sagte er, über ein psychiatrisches Problem, eine Krankheit namens Megalomanie. Dieser Begriff bezeichne die Phänomene zwischen Größenwahn und Selbstüberschätzung. Herrn Weibels Diagnose könnte fatale internationale Folgen haben. Die Stuttgarter werden ihre Schwarzkohle ab sofort nicht mehr in die Schweiz tragen, sondern in Österreich abliefern – weshalb ich sie warnen möchte: Herr Weibel ist auch Träger des Großen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich.

Auf dem Marktplatz erzählte er, wie die Schweizer Bahn ihr komplettes Schienennetz für weniger Geld revolutioniert habe, als man in Deutschland für einen Stuttgarter Tiefbahnhof auszugeben gedenke. Er schilderte, wie man per Volksentscheid verhindert habe, in der Schweiz extrem teure Hochgeschwindigkeitsbahnen nach japanischem Vorbild zu bauen. Dieses Projekt wäre für die Schweiz so sinnvoll, sagte er, wie die Elbphilharmonie für Böblingen.

Ersatzweise hat man sich in Stuttgart bei Böblingen für S 21 entschieden, und als Bahnfahrer mit Verspätungserfahrung sage ich an dieser Stelle: Ende der Durchsage.

Die Stuttgarter Politik, oft als Folge provinzieller Komplexe gedeutet, hat neuerdings einen Namen: Willkommen in Schwäbisch Megalomania, der Hauptstadt der Selbstüberschätzung. Zwar wird der Größenwahn mit schwäbischen Biederkeitsritualen kaschiert. Seine Symptome aber breiten sich aus, wenn man sich mit Wörtern wie „Ländle“ und „Häusle“ ständig selbst zum Würschtle macht. So lange, bis ein folkloristisch gebildetes „Spiegel online“-Fritzle aus Hamburg meldet, im deutschen Kultur-Ranking liege ein „Schwabenstädtle“ vorne. So geschehen dieser Tage.

Weil April ist, fällt mir ein, wie ein Mann aus dem wahren Städtle, nämlich aus dem Rotlichtmilieu der Stuttgarter Altstadt, vor dreißig Jahren die Hamburger Medien aufscheuchte. Am 25. April 1983 verkündeten größenwahnsinnige „Stern“-Manager, das Magazin habe „Hitlers Tagebücher“ gefunden. Die Geschichte müsse neu geschrieben werden. Die Kladden gab es tatsächlich. Auf DDR-Papier geschrieben und im Backofen genügend braun geröstet hatte die Tagebuchtexte allerdings nicht der Führer Adolf Hitler, sondern der Fälscher Konrad Kujau, ein kleines Licht im Städtle.

Wenn am 6. Mai in München mit pein­licher Verspätung der Neonazi-Prozess um die NSU-Morde beginnt, werden die Medien auch das Jubiläum der „Hitler-Tagebücher“ feiern, und wer nicht blind ist, muss Zusammenhänge sehen. Beispielsweise warum die Deutschen seit jeher und bis heute ein schlimmes Problem mit der Aufarbeitung ihrer Nazi-Geschichte haben.

Ich kann nichts dafür, dass April ist. Ausgerechnet jetzt hat die „Frankfurter All­gemeine Sonntagszeitung“ über die (wahre) Existenz von Hans Filbingers Tage­büchern ­berichtet. Susanna Filbinger-Riggert, die Tochter des ehemaligen Stuttgarter Regierungschefs, fand sie 2009 im Freiburger Haus der Familie. Sie sagt, ihr Vater sei kein Gegner des NS-Regimes gewesen.

Diese Erkenntnis ist nicht neu. Erinnert sei aber an den Ministerpräsidenten Günther Oettinger, der nach dem Tod seines Vorgängers 2007 gesagt hatte: „Anders als in einigen Nachrufen zu lesen, gilt es festzuhalten: Hans Filbinger war kein National­sozialist, im Gegenteil: Er war ein Gegner des N-S­Regimes, der sich aber den Zwängen des brutalen Regimes ebenso wenig entziehen konnte wie Millionen andere . . .“

Damit war Oettinger nach Kujau der zweite Stuttgarter, der die Geschichte des „Dritten Reichs“ neu schreiben wollte. Seine Rede zeugt von der Selbstüberschätzung und vom Größenwahn, die einen Politiker im Glauben beflügeln, mit Lügen und Propaganda durch­zukommen. Die Stuttgarter Mega­lomanie, das lernt man aus der Historie, beschränkt sich nicht auf Bauprojekte, die den Betreibern über den Kopf wachsen. Dahinter steckt ein gewisser Geist, der tiefer geht als die Baugrube für einen Bahnhof.



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