Bauers Depeschen


Freitag, 12. April 2013, 1088. Depesche


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NACHTRAG: Wacker Burghausen - Stuttgarter Kickers 1:4



FLANEURSALON-ALARM

Freitag, 17. Mai, 20 Uhr, Theater Rampe: Die Lieder- und Geschichtenshow mit Roland Baisch & Sohn Sam, Zam Helga & Tochter Ella, Toba Borke & Pheel - und unsereins ist auch dabei. Den Abend widmen wir der Rampe-Intendatin Eva Hosemann - leider verlässt sie die Bühne nach dieser Saison. Alles Beste! INFOS UND VORVERKAUF



DAS LIED DES TAGES



BETR: KUJAU, Jubiläum

Vor dreißig Jahren, im Mai 1983, haben Journalisten den Stuttgarter Kunsthandwerker und Militaria-Händler Konrad Kujau als Fälscher der „Hitler-Tagebücher“ entlarvt. Den nachfolgenden Text habe ich zum Großteil meinem Kolumnenbuch "Stuttgart - my Cleverly Hills" (1998) entnommen. Im Blick auf den bevorstehenden NSU-Prozess wird klar: Den Medien ging und geht es bei der Auseinandersetzung mit den Nazis eher selten um einen Lernprozess. Es ist ein Geschäft.



HITLER LÖFFELWEISE

Zuletzt, mehr als fünfzehn Jahre nach dem großen Bluff, traf ich Konrad Kujau in der Bar des Stuttgarter Hotels Maritim. Ein wunderbarer Platz. Wenn draußen die Nacht hereinbricht, spielt die Musik. Eine einsame Pianistin, an guten Tagen ein noch einsameres Duo, singt „Mendocino“, der Flügel klimpert, und die Rhythmus-Maschine pumpt im Viervierteltakt. Solche Elektro-Orchester, in Fachkreisen als Synthi & Bert bekannt, haben etwas Betörendes. Irgendwann, als hätte die Zeitmaschine die fünfziger Jahre programmiert, stehen ein paar mutige Männer auf: Sie bitten, und sie dürfen. Der Laden, mit gutem Holz und schönen Spiegeln ausgestattet, verwandelt sich in den Tanzpalast der einsamen Herzen.

In dieser Bar trifft man Stars, die sich nach ihrer Show in der Liederhalle einen Absacker gönnen, man sieht VfB-Profis, die anderntags wegen Überziehung des Zapfenstreichs auf der Sünderbank sitzen, oder Männer wie Konrad Kujau, den Stern des Südens.

Seine Stuttgarter Heimat war Heslach, der bunteste Teil der Stadt. Als längst alles vorbei war, führte Konrad Kujau an der Böblinger Straße die schwäbische Kneipe Alt Heslach und die Galerie der Fälschungen.

Kujau war der König der Fälscher und einer der berühmtesten Männer Stuttgarts. In dieser Stadt findet man keinen anderen, dessen Geschichte schon zu Lebzeiten verfilmt wurde. „Mozart“, sagte Kujau, „musste zweihundert Jahre darauf warten.“

Konrad Kujau hat Geschichte gemacht, weil man seinetwegen beinahe die Geschichte des „Dritten Reiches“ umgeschrieben hätte. Dieses deutsche Kapitel wurde Anfang der achtziger Jahre möglich, als in den Augen einiger durchgeknallter Medienmanager ein Gemisch aus Hakenkreuz und Dollarzeichen aufleuchtete.

Konrad Kujau ist der Mann, der dem „Stern“ stoßweise „Hitler-Tagebücher“ verscherbelte. Beim näheren Betrachten dieser Kladden entdeckten Experten später merkwürdige Materialfehler. Kujau hatte minderwertiges Papier aus der DDR in der Dachkammer eines Ditzinger Reihenhauses - er wohnte dort mit seiner Partnerin Edith Lieblang -mit Comedy-reifen Anekdoten aus Hitlers Privatleben gefüllt. Die wilden Episoden schrieb er nächtens von Hand mit Tinte und blühender Fantasie. Selten hat einer so opulent wie Konrad Kujau die Blähungen und Fürze eines Diktators geschildert. Nach getaner schriftstellerischer Arbeit veredelte er die Bücher mit dem Bügeleisen oder röstete sie so lange im Backofen, bis sie den Fischköpfen im Norden braun genug erschienen.

Zufällig konnte ich seinerzeit den Provinz-Thriller auf einem der besseren Plätze verfolgen. Der Fall galt als größter bundesdeutscher Medienskandal seit der „Spiegel-Affäre“ in den sechziger Jahren. „Kujau hat die ,Hitler-Tagebücher' verfasst“, meldeten die Stuttgarter Nachrichten am 15. Mai 1983. Etwa gleichzeitig berichtete der Fellbacher ZDF-Reporter und Kneipenwirt Harry Reitmaier im Fernsehen über den Skandal. Zuvor hatte ich als Feuilleton-Redakteur der Stuttgarter Nachrichten miterlebt, wie ein junger Politikredakteur – er hieß Dr. Klaus-Ulrich Moeller und erhielt später den Theodor-Wolff-Preis – wochenlang nervös und von Angst gezeichnet durch die Flure lief. Kaum hatten die Pimpfe aus Hamburg die „Hitler-Tagebücher“ zur historischen Sensation erklärt, führten Moellers Recherchen nämlich in die Stuttgarter Altstadt. Das damals gut belebte Rotlichtviertel mit vorzeigbaren Luden und Huren war nicht unbedingt die Lieblingsgegend des unerfahrenen Redakteurs. Privat fühlte er sich eher in den Fachwerkwinkeln Tübingens wohl und blieb dem Stuttgarter Milieu deshalb auch als Reporter fern. Sicherheitshalber recherchierte er am Telefon. Eine aufmerksame Leserin hatte ihn auf die Spur gebracht.

Einmal, nach einem Tipp aus dem Viertel, vermutete der Journalist den Fälscher in einer mysteriösen „Bier-Bar“ - und produzierte eine entsprechende Schlagzeile. Das geheimnisvolle, von ihm nicht näher identifizierte Etablissement hieß schlicht und einfach Bier-Bar und ist unter diesem Namen selbst bei schlechtem Wetter leicht zu finden. Es handelt sich um ein Animierlokal am Leonhardsplatz, Ecke Jakobstraße.

Altgediente Stuttgarter Taxifahrer erzählen noch heute gute Geschichten über den Mann, der sich nicht nur vor der Bier-Bar, sondern oft auch vor der Sissy-Bar absetzen ließ. Die Sissy-Bar war an der Hauptstätter Straße, Ecke Richtgasse; in diesem historischen Gebäude ist heute das Café Mistral, das Hauptquartier der Elendsprostitution.

Besagter Taxi-Kunde geizt meist nicht mit Trinkgeld, hat immer ein Bündel neuer Scheine in der Hosentasche. Er ist untersetzt, trägt einen Schnauzer und spricht Sächsisch. Eingeweihten ist er als „Champagner-Conny“ bekannt. In Wahrheit heißt er Konrad Kujau und hat sich im Milieu einen eher bescheidenen Ruf als windiger Militaria-Händler und fingerfertiger Bildkopierer erworben.

Beim "Stern" arbeitet seinerzeit ein Hilfsreporter namens Gerd Heidemann, genannt „der Spürhund“. Heidemann ist so sehr vom Nazi-Wahn befallen und auf braune Reliquien scharf, dass sich Kujau später ärgert, ihm nicht einen leibhaftigen Hitler angedreht zu haben – „ein Double, vom Maskenbildner auf alt gemacht“.

Als Heidemann Anfang der achtziger Jahre erstmals in Stuttgart auftaucht, hat sich Kujau einen abgelegenen Trödelladen in der Schreiberstraße in Heslach als Galerie eingerichtet. Heidemann plant den Scoop des Jahrhunderts, will den größten Bestseller aller Zeiten landen. Er giert nach Hitlers Kladden. Kujau zeigt ihm zur Eröffnung der braunen Schleimer-Rituale eine Blechbüchse. In dieser Urne, erzählt er dem Kunden, befänden sich die sterblichen Überreste von Adolf Hitler und Eva Braun. Heidemann bekommt glasige Augen, winselt wie ein läufiger Hund und fingert bettelnd sein Zigarettenetui aus der Tasche. Er will eine Prise Hitler/Braun.

Nein, weist ihn Kujau ab, in seiner Urne ruhe zusammen in Frieden, was zusammen gehöre. Daraufhin ordert das Nordlicht die komplette Portion. Kujau serviert ihm den Urnen-Inhalt löffelweise. Vermutlich einigt man sich bei dem staubigen Geschäft auf fünfzig Tausender in bar. Kujau macht dank seiner horrenden Abfallgebühr Asche zu Asche. Er hat die Urne zuvor mit verbranntem Plunder aus seinem Ramschladen gefüllt.

Wo aber sind die Millionen geblieben, die Kujau und Heidemann dem "Stern" für "Hitlers Tagebücher" abgezockt hatten, bevor der Schwindel aufflog? Sicher ist, dass Kujau nach Verbüßung seiner zweieinhalbjährigen Haftstraße nicht als armer Mann aus dem Knast kam. Bis heute ist ungeklärt, wer die Kohle hat, die Heidemann kofferweise von Hamburg nach Stuttgart kutschierte. Es gibt Vermutungen, die Stasi habe hinter der Geschichte gesteckt, um den Ruf der Bundesrepublik zu ruinieren. Der braune Sumpf, so die Botschaft der DDR, sei im Westen noch immer existent.

Als der Regisseur Helmut Dietl 1992 den Stoff rechtzeitig vor dem zehnten Jahrestag des Kladden-Coups unter dem Titel „Schtonk“ als Filmkomödie verarbeitet, verabrede ich mich mit Konrad Kujau, wir gehen zusammen zur Pressevorstellung ins Kino in der Bolzstraße. Uwe Ochsenknecht spielt Kujau, Götz George Heidemann. Mein Sitznachbar ist begeistert, immer wieder springt er mit geballter Faust aus seinem Sessel und krächzt mit seiner vom Kehlkopfkrebs gezeichneten Stimme: „So war das! Der George hat den Heidemann voll drauf. Der hat wirklich so gejapst. Der hatte einen an der Waffel.“

Diese Diagnose ist kaum zu widerlegen. In seinen besten Zeiten schipperte Heidemann in der ehemaligen Jacht des Nazi-Kriegsverbrechers Hermann Göring durch Hamburger Gewässer. Einmal, während eines Besuchs in Stuttgart, flüchtet der „Stern“-Deuter völlig verstört aus Kujaus Trödelladen. Vor der Tür, flüstert er Kujau zu, lauere der israelische Geheimdienst Mossad auf ihn. In Wahrheit werkeln gerade ein paar Spät-Hippies aus der Nachbarschaft an ihrem VW-Bus.

Als er aus dem Knast kommt, reißen sich Talk-Shows und Promi-Jäger um Kujau. Einmal will auch die Stuttgarter Stadtverwaltung unter dem Oberbürgermeister Rommel von der Geschichte profitieren. Das Kulturamt öffnet dem Fälscher die stadteigene Galerie im Tagblattturm. Kujau darf Kopien, die gefälschten Werke großer Meister aus eigener Produktion, ausstellen. Die Aktion läuft unter dem Aktenzeichen "Humor".

Prompt gibt es einen neuen Skandal. Nicht ganz zu Unrecht protestieren Künstler und Intellektuelle, die Kujau nicht nur aus moralischen Gründen für einen Blender halten. Zwar beherrscht der Hitler-Junge aus dem Milieu das Kunsthandwerk des Schriftkopierens so virtuos, dass ihn Gerichte als Experten beschäftigen. Als bildender Künstler aber ist er ein Dilettant.

Ohnehin war es dumm und stillos, Kujaus Fälschungen ausgerechnet in den subventionierten Räumen des Tagblattturms vorzuführen. An diesem Ort war zuvor die historische Ausstellung „Stuttgart im Dritten Reich“ zu sehen gewesen - bis man dem historisch wichtigen Projekt die Zuschüsse strich.

Konrad Kujau, ein launisches Schlitzohr, hat diesen Auftritt unter Rommels Schutz nie verdaut; er war nachtragend und lange sauer.

Eines Nachts beschimpfte er mich in der Maritim-Bar als Verräter. Ich hätte, warf er mir vor, die linken Kujau-Gegner unterstützt.

Allerdings hatte ich Glück in dieser Nacht. Nach einer heftigen Debatte und einigen Drinks landete ein Trupp wild gackernder Damen aus einem Touristen-Bus in der Bar. Die Musik verstummte, die Tanzfläche leerte sich. Der Fälscher-König musste dutzendweise Autogramme geben.

Im September 2000 starb Konrad Kujau mit 62 Jahren in Stuttgart an Krebs. Begraben wurde er in seinem Geburtsort Löbau in Sachsen. Seine Gebeine im Sarg sind vermutlich echt. Seine Geheimnisse noch lange nicht gelüftet.



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