Bauers Depeschen


Freitag, 15. März 2013, 1073. Depesche


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(Wäre schön, wenn wir Rampe-Chefin Eva Hosemann zum Abschied einen schönen Abend vor vollem Haus bereiten könnten).

Samstag, 6. Juli: Hafen-Picknick am Neckarufer.

Montag, 4. November: "15 Jahre Flaneursalon" im THEATERHAUS



DAS LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



EWALDS LETZTER KAMPF

Im Streit um die Wichtigkeit eines Gedenkorts in der ehemaligen Gestapo-Zentrale „Hotel Silber“ wären die Rathaus-Politiker gut beraten, sich mal mit Ewald Conzmann zu unterhalten. Zweimal saß der „rote Ewald“, wie ihn die Leute nennen, in Stuttgarts berüchtigtem Folterkerker in der Dorotheenstraße ein. 1938 für acht Tage unter den Nazis, weil er der KPD angehörte. 1956 elf Wochen lang, weil er noch immer Kommunist war. Auch die neue Regierung hatte seine Partei verboten.

Ewald Conzmann ist ein unbeugsamer schwäbischer Rebell. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs lebt er im Raitelsberg, einer in den zwanziger Jahren mit Bauhaus-Anleihen erbauten Arbeitersiedlung im Osten der Stadt, nicht weit vom Gaskessel. Heute ist das Quartier an der Hackstraße die neue Heimat vieler Migranten. Die Häuser gehören der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft mbH (SWSG).

Ewald Conzmann hat sich sein Leben lang engagiert. Für Arbeitskollegen, für Nachbarn, für die Menschen in seiner Stadt. In den vergangenen Jahrzehnten kämpfte er vor allem für das Recht, in Würde zu wohnen. 2009 erhielt er die „Ehrenmünze der Stadt für sein verdienstvolles Wirken für die Mieterschaft der SWSG“. Freunde mussten ihn überreden, die Ehrung anzunehmen. Er ist ein Charakterkopf, knorrig auch in seiner Sprache: „Ich brauch‘ den Scheiß nicht“, hat er gesagt.

Zurzeit kämpft Ewald Conzmann, der heimliche Bürgermeister vom Raitelsberg, einen für sein Leben untypischen Kampf. Er streitet in eigener Sache. Bräuchte dringend von der SWSG eine freie Mietwohnung in seiner Nachbarschaft. Sein Domizil in der Parkstraße 9 liegt im ersten Stock, drei Treppenabsätze über dem Erdgeschoss. Er ist noch viel unterwegs und hellwach im Kopf. Nur die Beine machen nicht mehr richtig mit. Ewald Conzmann ist 93.

Als seine Tochter neulich bei der SWSG anrief, hieß es, die gewünschte Wohnung im Erdgeschoss der Parkstraße 21 stehe leer, Herr Conzmann sei Erstbewerber. Wenig später teilte man ihm mit, die Räume seien vergeben. „Die sind stur“, sagt er. Ewald kennt seine Pappenheimer. „Die warten nur, dass ich ins Gras beiß‘“, hat er Freunden gesagt, „dann sind sie ihren größten Widersacher los.“

Als ich ihn einmal unangemeldet in seiner Wohnung aufsuchte und neugierig seine Bücher von Marx, Engels, Stalin betrachtete, pfiff er mich zurück: „Des isch heut‘ nimmer wichtig“, sagte er und zeigte auf fünfzehn Aktenordner im Regal: „Das Wichtigste für die Menschen ist das Mietrecht, ihr Recht auf anständiges Wohnen.“ Dann rechnete er vor, wie die Miete bei ihm im Viertel in vierzig Jahren von 76 Mark auf 400 Euro stieg.

Ein paar Tage sind seitdem vergangen, und heute weiß ich: Ewald war wieder mal der Vorkämpfer. Der Mietwahnsinn breitet sich aus, und auch die SWSG sahnt in diesen Tagen immer härter bei den Leuten ab.

Ewald Conzmann, am 12. Mai 1920 in Gablenberg geboren, verkörpert ein Jahrhundert Stuttgarter Geschichte. Er ist einer der letzten Zeugen der Arbeiterbewegung. Als Achtjähriger tritt er in den Kommunistischen Jugendverband (KJVD) ein. Er macht eine Schneiderlehre, muss 1940 in den Krieg und wird im Russlandfeldzug zweimal verwundet. Nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft im Mai 1945 beteiligt er sich am Wiederaufbau der Stadt und wird ein wichtiger Mann der Arbeiterbewegung. Im Raitelsberg, oft zu unrecht als „sozialer Brennpunkt“ abgewertet, gründet er seine Familie. 1959, drei Jahre nach dem KPD-Verbot, wird er aufgrund seiner politischen Haltung erneut verurteil, diesmal zu neun Monaten Haft mit fünf Jahren auf Bewährung. Von 1961 an (und bis zu seiner Rente) arbeitet er bei der Firma Kühler-Behr in Kornwestheim, ist Betriebsrat und Metall-Gewerkschafter.

Die Kollegen schätzen ihn, Ewald setzt sich selbstlos für sie ein, auf Betriebsversammlungen schlägt er auch mal Firmenchefs in die Flucht. Conzmann trifft Gleichgesinnte wie Willi Hoss und Hermann Mühleisen, die in den Siebzigern als oppositionelle Gewerkschafter in der „Plakatgruppe“ bei Daimler Schlagzeilen machen.

1975 beginnt ein neues Kapitel für den Rastlosen vom „RIO“ (vom Raitelsberg im Osten). Nach seinen Erfahrungen im Kampf mit der Stadt um Wohnungen mit ordent­lichen Türen, Toiletten und Bädern gründet er die Mieterinitiative und wird zu ihrem Vorsitzenden gewählt. Fünf Jahre lang führt er ehrenamtlich auch den Mieter­verein, ist Mieterbeirat in der SWSG und ärgert sich, weil die Funktionäre Sitzungsgeld in die eigene Tasche stecken. Ewald und seine Mitstreiter spenden das Geld der Initiative.

Bis heute gilt er als bester Anwalt der Mieter, als ein Kämpfer, der sich lange von den Mächtigen, von „den Studierten“ nichts gefallen ließ. „Ich habe mich immer gewehrt“, sagt Ewald. Was für eine Vorstellung, dieser Mann könnte ausgerechnet seinen eigenen Kampf um besseres Wohnen gegen ehrlose Vermieter verlieren.



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