Bauers Depeschen


Samstag, 16. Februar 2013, 1058. Depesche


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GROSSKUNDGEBUNG AM SAMSTAG, 23. FEBRUAR

Am Samstag, 23. Februar, findet auf dem Stuttgarter Schlossplatz die nächste Großkundgebung gegen Stuttgart 21 statt. Veranstalter sind die Architekten für K 21 und das Aktionsbündnis. Es sprechen Franz Alt, Hannes Rockenbauch, Brigitte Dahlbender, Peter Pätzold und unsereins. Musik machen die Profis vom Lenkungskreis Jazz. Beginn ist um 13.30 Uhr. Motto: "Endstation Stuttgart 21 - bitte alle aussteigen!"

Achtung, fluegel.tv wird neu aktiviert: DER DEMO-TRAILER



SOUNDTRACK DES TAGES



Aus der aktuellen StN-Samstagsbeilage Solo - es lohnt sich, alle Beiträge zum Thema "Schwaben", darunter einen von Albrecht Metzger aus Berlin, auf Papier zu lesen:



SÜDSTAATEN-REBELLEN

Warum der schwäbische Menschenschlag immer nur auf Kehrwoche, Geiz und Fleiß reduziert wird

Von Joe Bauer



Es wäre ein Akt patriotischer Selbstachtung, die Bezeichnung „der Schwabe“ aus dem Vokabular zu streichen. Jede Verallgemeinerung ist irritierend und dumm. Wie unsinnig wäre es vergleichsweise, „den Amerikaner“ zu geißeln. Wer soll das sein? Ein hipper Occupy-Aktivist in New York City? Ein rassistischer Millionär in Alabama? Ein verarmter Farmer in Missouri?

Wenn uns der Fußballreporter im Fernsehen erzählt, „die Schwaben“ hätten heute einen schlechten Tag, dann gute Nacht. Womöglich hat er vor dem Spiel im VfB-Team einen Stuttgarter Akzent herausgehört etwa beim Manager Fredi Bobic, geboren in Maribor/Jugoslawien.

Fredi Bobic, 41, gehört nicht zu den zwanzig Prozent Ausländern der baden-württembergischen Bevölkerung und nicht zu den mehr als dreißig Prozent Ausländern in der „Schwaben-Metropole“ Stuttgart. Trotz schwäbischem Dialekt hat er relativ oft in der deutschen Nationalmannschaft gespielt.

Der Verweis auf den „Migrationshintergrund“ in Städten wie Stuttgart hat heute nicht einmal mehr statistischen Wert. Wenn der Grünen-Politiker Cem Özdemir schwäbelnd schwadroniert, nennen seine wahren Feinde als Migrationshintergrund nicht etwa die Türkei. Sondern Bad Urach auf der Schwäbischen Alb. In Özdemirs Wahlheimat Berlin-Kreuzberg die Höchststrafe.

Der erstaunlich tolerante Umgang der Schwaben mit dem kulturellen Wandel ihrer Heimat hat sich nie herumgesprochen. Man hält sie für schlimme Provinzler – ein Eindruck, dem Repräsentanten wie Wolfgang Schäuble und Günther Oettinger auf internationaler Bühne nichts entgegensetzen.

Traditionell führen die Schwaben Verteidigungsschlachten, weil sie, maulfaul und „verdruckt“, nicht nur beim Fußball Offensivschwächen zeigen. Immer wieder fühlen sie sich verpflichtet, der Menschheit zu erklären, was sie von Geburt an NICHT sind – nämlich geizig, fleißig, bieder, vom Putzwahn besessen, unfähig, Deutsch zu sprechen. Selbst die Kampagne „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“ wurde gern als provinzielle Angeberei der „Tüftler“ denn als Selbstironie der Underdogs gewertet.

Deutschlands Schwaben verharren, verkannt und unbekannt, in der Rechtfertigungspose und machen mit ihrem Hang zum entwürdigenden Diminutiv alles nicht nur kleiner, sondern auch schlimmer.

Sie bauen „Häusle“ im „Ländle“ und wünschen sich – pietistisch keusch – „a guts Nächtle“. Flächendeckend prägt das Bild vom Landei, das beim Orgasmus „Sodele“ keucht, die Kulturabteilung des Südwestdeutschen Rundfunks. Dort genießen – hundertsiebzig Jahre nach Heinrich Heines Spott auf die schwäbischen „Tugend“-Dichter und fünfundzwanzig Jahre nach dem Stuttgarter Hip-Hop-Wunder – Mundartschwänke aus der Dorfturnhalle höchste Priorität im Kampf um Einschaltquoten.

Auch der gelernte Schwabe Harald Schmidt reitet als TV-Komiker die billigsten Klischees. Neulich stellte er bei Sky den Schwaben als Hinterwäldler „mit Leberkäs und Moscht“ vor. Damit kaut er die Gedanken des 1995 verstorbenen Humoristen Oscar Heiler wieder. Dieser eher heimliche Freidenker zeichnete den Schwaben als grüblerischen Denker: Einer, der bei Käs’ und Most im Garten sein „Brettle bohrt“. Wenn die Moschtköpfe aber Häusle stürmen, die ihnen gar nicht gehören, und im Ländle die Regierung stürzen, weil sie von den Mächtigen mehr Respekt fordern, reibt sich der Rest der Welt ungläubig die Augen: Demonstranten, Rebellen, Widerständler – „ausgerechnet“, so die ewige Leier der Weltstadtpresse, „in der schwäbischen Beschaulichkeit“: im reichen Vorgarten Eden?

Als 2010 zigtausend Bürger gegen Stuttgart 21 auf die Straße gingen, erinnerte das die Medien nicht etwa an widerspenstige Geister in der Tradition von Friedrich Schiller und Ludwig Uhland. Ahnungslose Reporter laberten lieber über die Kehrwoche, zu früh hochgeklappte Bordsteine und „Wutbürger“ in der Halbhöhe.

Es scheint aussichtslos, die folkloristischen Floskeln vom behäbigen, neidischen, schwäbischen Spießer zu widerlegen. In der Berliner „Schwabenhass“-Diskussion erkannte die „New York Times“ erst weltoffen die „Sündenbock“-Rolle der deutschen Südstaatler, entdeckte aber umgehend deren „typisch schwäbische Präzision“ (und diese Einschätzung bezieht sich heute nicht mehr auf die Autos von Mercedes-Benz).

„Die Schwaben“, also Schwäbisch sprechende Leute, die von den Medien ohne Rücksicht auf die Historie mal Württemberg und Franken, mal Baden und Bayern zugeordnet werden, sind Opfer ihrer verheerenden politischen Öffentlichkeitsarbeit. Seit jeher wird die aufmüpfige Courage im Land verschwiegen.

In der Stuttgarter Altstadt, einem vom Rotlichtelend überschatteten Ort mit historischer Substanz, steht ein Barockhaus mit Kneipe, die Jakobstube. In diesem Gebäude wurde am 2. Januar 1807 Wilhelm Zimmermann geboren. Er machte als renitenter Student und protestantischer Theologe, als schwäbischer Dichter und radikaldemokratischer Abgeordneter Furore. Mit seinem Buch „Der große deutsche Bauernkrieg“ schuf er ein Standardwerk, auf das sich Friedrich Engels, Rosa Luxemburg und internationale

Historiker beriefen.

„Die Schwaben müssen ihre einheimischen Produkte erst vom Ausland plombiert zurückerhalten, ehe sie daran glauben können“, notierte 1837 der Tübinger Schriftsteller Hermann Kurz. Trotz ausländischem Echo haben es die Rathauspolitiker bis heute nicht geschafft, ein Gedenkschild an Zimmermanns Geburtshaus anzubringen.

Während der Revolution 1848/49 war der Pfarrer und Professor Zimmermann Abgeordneter in der Frankfurter Nationalversammlung, die im Juni 1849 als sogenanntes Rumpfparlament in Stuttgart tagte. Der schwäbische Charakterkopf schrieb Tausende von Buchseiten und bewahrte sich seine rebellische Gesinnung. Heute ist er in der Stadt so vergessen wie hundertfünfzig Jahre lang die revolutionären Aufstände im Land. Erst 1998, zum 48er-Jubiläum, inszenierten Baden-Württembergs Großkopfete eine aufwendige Nostalgieshow. Politiker posierten mit den Heckerhüten der Revolutionäre. Wie die Politik den schwäbischen Widerstandsgeist verdrängt, macht die Beschäftigung mit Zimmermanns Schriften deutlich. Hätte man seine Bauernkrieg-Recherchen gewürdigt, wäre den Leuten klar geworden, wie lange es im Schwäbischen brauchte, bis der Altarkünstler Jerg Ratgeb auch als Kanzler der aufständischen Bauern im 16. Jahrhundert wahrgenommen wurde. Dass man ihn in Pforzheim gevierteilt hat, ist wohl keine so schöne Erinnerung.

In der Nachbarschaft von Zimmermanns Domizil gründeten bürgerliche Querköpfe, darunter Gewerkschafter, Sozis und FDP-Wähler, 1967 den Club Voltaire. In diesem Keller ließ sich ein aufmüpfiger Schnösel namens Joschka Fischer von intellektuellen Köpfen wie Willi Hoss und Fritz Lamm das Einmaleins der Politik beibringen.

Wenig später wurden in Berlin Studentenführer als „Schwäbische Mafia“ geächtet – zu der damals noch nicht der in Ludwigsburg aufgewachsene Kommunarde Fritz Teufel zählte.

Es ist symptomatisch, wie im Schwäbischen die Geschichte der Rebellen ignoriert wird. Als müsste man unbedingt alles verschweigen, was den Herrschaften an der Macht nicht genehm erscheint. Viele Namen verdienter Söhne und Töchter verschwanden in den Archiven. Bis 2008 dauerte es, ehe man der international berühmte Kriegsfotografin Gerda Taro einen (eher schäbigen) öffentlichen Platz widmete. Die in Stuttgart geborene und aufgewachsene Reporterin war Partnerin des amerikanischen Starfotografen Robert Capa. 1937 fiel sie mit 26 Jahren im Spanischen Bürgerkrieg. In Paris wurde sie im Beisein von Zigtausend Antifaschisten beerdigt.

Gerda Taros Geschichte wird zurzeit in Hollywood verfilmt, ins CDU-geführte Baden-Württemberg passte sie so wenig wie die vielen, nicht mit Soldatenorden geschmückten Widerstandskämpfer der Nazi-Diktatur. Zwar erzählt man sich bis heute gern das Stuttgarter „Kabelattentat“, als vier junge Linke am 15. Mai 1933 die Rundfunk-Übertragung von Hitlers Rede mit dem Hackebeil beendeten. Lange aber dauerte es, bis man im Schwäbischen an Menschen erinnerte, die - wie Georg Elser - im Kampf gegen den Faschismus ihr Leben riskierten oder verloren. Es scheint, als wolle man einen Satz von Theodor Heuss nur zur Hälfte beherzigen: „Vergessen ist Gefahr und Gnade zugleich.“

Der 2010 verstorbene Wahl-Stuttgarter Peter O. Chotjewitz, ein viel gereister Schriftsteller, hat in seinen Erinnerungen den schwäbischen Revolutionären ein Denkmal gesetzt: „In Stuttgart hat im August 1907 unter Beteiligung von Lenin und anderen ein Sozialistenkongress stattgefunden, der erste sozialistische Weltfrauenkongress hat vor dem Ersten Weltkrieg in Stuttgart stattgefunden, in Stuttgart konnte Clara Zetkin Hauslehrerin bei dem Kapitalisten Robert Bosch sein … und nach dem Krieg hatten wir einen Kommunisten namens Eugen Eberle, der bundesweit bekannt war, vierzig Jahre lang im Gemeinderat.“

Doch auch diese Hommage an die Aufgeklärten und Widerspenstigen im Land wird in Zukunft Ethno-Witze mit Anspielungen an die Lustfeindlichkeit der schwäbischen Pietisten nicht verhindern: „Warum ist im Schwäbischen Sex im Stehen verboten? – Er könnte in Tanz ausarten.“



KOMMENTARE SCHREIBEN IM LESERSALON



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Die kleine Nachauflage meines Buchs "Im Kessel brummt der Bürger King" ist endlich fertig und ausgeliefert - und im Plattencafé Ratzer Records am Leonhardsplatz gibt es wieder signierte Bücher.



FLANEURSALON:

FAMILIEN-BANDE IN DER RAMPE

Für Freitag, 17. Mai, ist die Flaneursalon-Familiensaga im THEATER RAMPE geplant: Roland Baisch tritt mit seinem Sohn Sam Baisch auf, Zam Helga mit seiner Tochter Ella Estrella Tischa. Dazu haben wir den Rapper Toba Borke und seinen Beatboxer Pheel im Programm. Talkin' 'bout my generation ... Der Vorverkauf hat begonnen.

(Der Flaneursalon am 19. Februar im Schlesinger ist ausverkauft)



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