Bauers Depeschen


Donnerstag, 31. Januar 2013, 1050. Depesche


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ABSTIEGSKAMPF: SV Wehen-Wiesbaden - Stuttgarter Kickers 0:2



IM MAI IN DER RAMPE:

DIE FLANEURSALON-FAMILIEN-BANDE

Für Freitag, 17. Mai, ist die Flaneursalon-Familiensaga im THEATER RAMPE geplant: Roland Baisch tritt mit seinem Sohn Sam Baisch auf, Zam Helga mit seiner Tochter Ella Estrella Tischa. Dazu haben wir den Rapper Toba Borke und seinen Beatboxer Pheel im Programm. Talkin' 'bout my generation ... Der Vorverkauf hat begonnen.



SIGNIERTE BÜCHER BEI RATZER

Die Berliner Edition Tiamat hat eine kleine Nachauflage meines Buchs "Im Kessel brummt der Bürger King - Spazieren und über Zäune gehen in Stuttgart" herausgebracht. Es gibt auch wieder signierte Bücher im Plattencafé Ratzer Records am Leonhardsplatz.



SOUNDTRACK DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



HAHNENKAMPF

Es erscheint mir bis heute wichtiger, in einer guten Bar akzeptiert zu werden, als ein BWL-Studium abzuschließen. In Städten wie Stuttgart haben die Behörden Häuser mit dem Wort Bar im Namen lange nicht standesgemäß der Königsklasse öffentlicher Schankräume zu­geordnet. In provinzieller Einfalt hielt man sie für Rotlichtklitschen.

Eine Zeitungskolumne ist wie eine kleine Gedanken-Bar. Zu eng für die historische Frage, warum die ordinäre Rum-Cola-Mischung ­ „Cuba Libre“ eher etwas mit einem Kübel Gratisgesöff nach Hahnenkämpfen zu tun hat als mit Fidel Castros Kuba nach der Revolution – und warum sich das Wort Cocktail von des Gockels Schwanz herleiten lässt.

Bevor ich nach langer Zeit wieder in die Bar ging, legte ich Songs von Nancy Sinatra & Lee Hazlewood auf. Herr Haz­lewood hat sich einst den heiligen Gruß aller großen Bargänger als Grabinschrift gewünscht: „Hier ruht ein durstiger Mann.“

Ich setzte einen Stetson auf und zog frisch gewichste Stiefel mit akkuraten Absätzen an. In solchen Momenten geht mir Gay Taleses wunderbare Geschichte „Frank Sinatra ist erkältet“ durch den Kopf; der amerikanische Meisterreporter erzählt davon, wie sich ­Sinatra den Drehbuchautor Harlan Ellison wegen eines schweren Bar-Ver­gehens ­vorknöpft: Ellison trägt Wanderstiefel. Der Streit unter Männern spitzt sich lebens­gefährlich zu, als Sinatra den Autor fragt: „Erwartest du nen Schneesturm?“

In meiner Bar hat sich nichts verändert. Edelstahl. Die Steintheke. Weiches Leder. Dunkles Holz. An der Decke Spiegel. Eine klassische amerikanische Bar, auch wenn die kleine Discokugel über der Mini-Tanzfläche etwas über Stilbrüche, Kompromisse und die nächtliche Balz verrät.

Das Licht ist perfekt gedimmt. Auf den Tischen der Sitznischen flackern Windlichter, die erotischen Wegweiser der Einsamen. Punkt neun setzt sich die Pianistin an den weißen Bösendorfer. Mit ihrer schönen schwarzen Stimme singt sie Stevie Wonders „You Are The Sunshine Of My Life“. Sie hat Soul, ich würde ihr gern etwas Champagner bringen, doch dann trifft mich im Unterleib die Sinatra’sche Faust. Die Rhythmus­maschine des Synthesizers setzt ein, die Stampf-Auto­matik der Alleinunterhalter. In der Not greife ich nach meinem Jack ­Daniel’s, einem Whisky, den seit Sinatras Tod keiner mehr in einer guten Bar trinkt, zumal sie voll­gestellt ist mit Flaschen schottischen Malt Whiskys, gleich neben der Champagner-Schüssel von Laurent-Perrier.

Diese Bar ist nach wie vor eine Bar, mit einer Barkeeperin und einem Barkeeper. Der Barkeeper trägt dunkle Krawatte, weißes Hemd, schwarze Weste, Ärmelhalter. Er erzählt einem Gast, die Grünen seien immer noch dabei, „Stuttgart 21 auf­­­zu­halten“. In der Bar halten sich am frühen Abend ein Dutzend Menschen auf, in einer Sitznische ein aktives Liebespaar. ­ Ein Mann liest Zeitung, ein anderer hantiert mit seinem Tablet-Computer, und ich wünsche mir, eine Bar und nicht der Computer wäre ein Umschlagplatz für die Nachrichten der Stadt. Es erinnert mich, wie der Schriftsteller John Steinbeck und der Fotograf Robert Capa im New Yorker Betford Hotel mit Willy, dem Barkeeper, die Weltlage diskutieren, bevor sie für die „New York Herald Tribune“ zu ihrer großen ­Reportage „Russische Reise“ in die Sowjetunion aufbrechen.

Vor mir stehen kleine Flaschen mit Cocktail-Zutaten, darunter Angostura, eine Würze, die man früher in deutschen Aus­gaben amerikanischer Krimis mit „Bitterbier“ übersetzte. Menschen im Hotel trinken am frühen Abend Bier und Wein. Das Cocktail-Besteck bleibt unbenutzt. Keiner kommt auf die Idee, einen „Manhattan“ mit zwei Spritzern Angostura zu bestellen.

Die Bar, die ich meine, schmückt das Hotel Maritim an der Seidenstraße neben der Liederhalle. In dieser Bar hat die „Stern“-Reporterin Laura Himmelreich, 29, den FDP-Politiker Rainer Brüderle, 66, gefragt, wie er es finde, im Alter zum Hoffnungsträger aufzusteigen. Und Herr ­Brüderle hat Frau Himmelreich gesagt, sie sei in der ­Lage, ein Dirndl aus­zufüllen. Die Frage war so dämlich wie die Antwort. „Barkeeper, bringen Sie mir einen Manhattan“, hätte Brüderle sagen müssen, „zwei Spritzer Angostura.“ Er hat es nicht gesagt und deshalb in einer guten Bar so wenig verloren wie eine Reporterin, die nicht weiß, warum Stuttgart ein gefähr­liches Pflaster ist für „Stern“-Enthüllungen. In der Bar des Maritim verkehrte einst ein gewisser Konrad Kujau.

In dieser Bar wurde nie ein bedeutender Cocktail erfunden. Sie trägt keinen glor­reichen Beinamen wie Ernest Hemingways Stamm-Bar El Floridita in Havanna, die sich „Die Wiege des Daiquiri“ nennt. Jetzt allerdings hat die Pianobar im Stuttgarter Maritim alle Chancen, in die Weltgeschichte einzugehen. Als die Wiege der neuen deutschen Sexismus-Debatte.

Als mir das klar war, ließ ich meinen Jack Daniel’s stehen, zog meinen Stetson in die Stirn und ging hinaus in die Januarböen des Stuttgarter Winters. Es galt, die Sache mit des ­Gockels Schwanz zu klären.



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