Bauers Depeschen


Samstag, 26. Januar 2013, 1047. Depesche


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SIGNIERTE BÜCHER BEI RATZER

Die Berliner Edition Tiamat hat eine kleine Nachauflage meines Buchs "Im Kessel brummt der Bürger King - Spazieren und über Zäune gehen in Stuttgart" herausgebracht. Es gibt auch wieder signierte Bücher im Plattencafé Ratzer Records am Leonhardsplatz.



IM MAI IN DER RAMPE:

DIE FLANEURSALON-FAMILIEN-BANDE

Für Freitag, 17. Mai, ist die Flaneursalon-Familiensaga im THEATER RAMPE geplant: Roland Baisch tritt mit seinem Sohn Sam Baisch auf, Zam Helga mit seiner Tochter Ella Estrella Tischa. Dazu haben wir den Rapper Toba Borke und seinen Beatboxer Pheel im Programm. Talkin' 'bout my generation ... Der Vorverkauf hat begonnen. - Am Samstag, 6. Juli, sind wir beim großen Flaneursalon-Hafen-Picknick am Neckarufer - mit Yasmine Tourist u. v. a. Bald ist wieder Sommer.



SOUNDTRACK DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



ZWANZIG MINUTEN

Von der Aussichtsplattforum Rote Wand im Park, benannt nach dem Sandstein in den ehemaligen Steinbrüchen, schauen wir auf Stuttgarts neuen „Stadtteil“. So nennt der Investor sein Neubauareal neben der Bus- und Bahn-Endstation Killesberg.

Seit geraumer Zeit heißt das Luxusquartier offiziell „Killesberghöhe“. Zunächst hatte man es „Think K“ getauft, angeblich ein „Arbeits­titel“. Das K hat man als Logo beibehalten. Im Volksmund steht es für Krösus. Es geht um zehn Häuser mit siebzig Wohnungen. Wer Platzangst hat, kann sich ein Penthouse mit 245 Quadratmetern kaufen, bescheidenere Leute sind mit einer Fünfzimmerwohnung auf 160 Quadratmetern zufrieden. Es geht ums „Premium-Wohnen“, um „leichtes Understatement nach außen“ in „Stadtvillen“, um „enormes ­Gespür für Lebensqualität“ in „Terrassenhäusern“. „Kompromisslos elegant und edel bin ins Detail“ geht es im „Stadthaus“ zu.

Es gibt auch Geschäfte auf dem Gelände. Discounter, Bio-Markt, Papeterie mit ­Büchern, Drogerien, Fitnessstudio, Bankfiliale, Café, zwei Galerien (wir befinden uns in der Nachbarschaft der Kunstakademie). Einige Läden ­haben bereits geöffnet. Ein Werbegenie hat seine Reimspur hinterlassen: „Backduft statt Baustelle“. Die Investoren rufen ein „urbanes Zentrum auf dem Killesberg“ aus. Zum Verständnis: Auch Las Vegas wurde in der Wüste erbaut.

Die Immobilienpreise interessieren mich nicht. Für Leute, die sich diesen Luxus leisten können, haben sie wenig Bedeutung. Und normale Leute können sich unter diesen Summen ­sowieso nichts vorstellen.

Die Häuser, von Stararchitekten geplant, erscheinen einem langweilig, austauschbar. So stellt man sich Einheits-Gettos der Reichen vor. Originell ist der Name „Killesberghöhe“. Wohl erdacht als Beweis für die allerhöchste Halbhöhenlagenhöhe. Und als kluge Abgrenzung zur Killesbergtiefe.

Ich war froh, als wir die Espresso-Bar vor der Akademie mit einem guten Lied auf den Lippen erreichten: „Im Frühtau zu Berge, wir gehn, fallera, es grünen die Wälder und Höhn, fallera . . .“ Besagte Espresso-Bar ist in einem ehemaligen Pissoir unter­gebracht und heißt Rote Wand. Einwandfrei.

Am Abend nach dem Abstieg von der Killesberghöhe ging ich in die Leonhardskirche zu einem Abend der Friedrich-Ebert-Stiftung. Thema: „Armut in der reichen Stadt? Soziale Teilhabe in Stuttgart“. Eine Podiumsrunde mit Ariane Krentz vom Statistischen Landesamt, mit der Pfarrerin Karin Ott, mit Bernhard Löffler vom DGB. Die Einkommen in Stuttgart, so sagt es die Statistik, sinken mit dem Abstieg aus der Höhe in die Kesseltiefe. Die Pfarrerin, auch für die Bedürftigen in der Vesperkirche zuständig, sagte in der voll besetzen Kirche, es sei falsch, immer nur den ohnehin geschönten Armutsbericht ­zu erstellen. Man bräuchte dringend einen Reichtumsbericht.

Es hätte keinen Sinn, in dieser Kolumne Friseurtrinkgeld gegen virtuelle Milliardenabzocke aufzurechnen.Wahr ist, dass die Zahl der armen Leute in Stuttgart in den vergangenen zwei Jahren in der bundesweiten Relation drastisch gestiegen ist. Die guten Tage der „reichen Stadt“ sind vorbei. Die im Dunkeln sieht man nicht, doch die Statistik bringt es ans Licht: Zwanzig Prozent der Stuttgarter sind „armutsgefährdet“. Dieses Bürokratenwort bedeutet: ­Jeder Fünfte in der Stadt hat ernsthafte Existenzprobleme. Besonders hart trifft es Rentner, allein stehende Mütter, Jugendliche, Kinder. In vielen Fällen geht es nicht mehr um „soziale Teilhabe“, also um Eintrittskarten fürs Kino oder Theater. Viele Menschen kämpfen, von der Öffentlichkeit unbemerkt, ums „nackte Überleben“. In dieser Formulierung waren sich die Gesprächspartner in der Leonhardskirche einig. Aus einem gut beheizten Büro vor einem Flachbildschirm lassen sich Sätze über die Armut leicht hinschreiben. In der Leonhardskirche wurde mir heiß und kalt. Man verdrängt die Armut in der reichen Stadt. Dramatisierung, sagen die Wegschauer. Politische Stimmungs­mache, die Ideologen. Die meisten sagen gar nichts, auch nicht die neuen Regierungspolitiker, von denen man es erwarten könnte.

Neben vielen Arbeitslosen gibt es immer mehr Menschen mit mies bezahlten Jobs, die vorne und hinten nicht zum Leben reichen. Die Mietkosten explodieren, und wie weit der menschenverachtende Zynismus in dieser reichen Stadt geht, zeigt dieses Beispiel: Mieter der von der LBBW an die Patrizia AG verkauften Immobilien am Nordbahnhof und in Stammheim wurden von der neuen Besitzerin aufgefordert, für ihre eigenen Wohnungen Käufer zu ­suchen. „Mieter werben Käufer“ heißt die Kampagne der Südewo, der Nachfolgerin der LBBW Immobilien. Als Prämien gibt es 333 Euro und Lose für VIP-Business-Karten im VfB-Stadion.

Die Kluft zwischen Unten und Oben wird immer größer. Die Busfahrt von der Haltestelle gegenüber der Leonhardskirche zum Killesberg dauert zwanzig Minuten.



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