Bauers Depeschen


Mittwoch, 09. Januar 2013, 1038. Depesche


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FLANEURSALON IM SCHLESINGER

Der erste Flaneursalon im neuen Jahr geht am Dienstag, 19. Februar, im SCHLESINGER über die Bühne. 20 Uhr. Erstmals mit UTA KÖBERNICK und ihrer Band Kritische Begleitung - und mit Dacia Bridges, Zam Helga und Roland Baisch. Karten gibt es in der Kneipe (Montag bis Samstag ab 17 Uhr). Tel 07 11 / 29 65 15



MIT VINCENT KLINK IN DEN WAGENHALLEN

Unter dem Motto "Der Häuptling spielt auf" gastiert der Meisterkoch und Basstrompeter Vincent Klink am Montag, 21. Januar, in den WAGENHALLEN. Begleitet wird er von dem New Yorker Bassisten Joe Fonda - für ihn wird dieser Abend veranstaltet - und seinem etatmäßigen Pianisten Patrick Bebelaar. Unsereins ist als vorlesender Gast dabei. Beginn 19.30 Uhr. Nach der Vorstellung werden Fleischküchle mit Kartoffelsalat serviert.

 

SOUNDTRACK DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



DER MIETWAHNSINN

Der Mensch kann nicht nur in der Stadt herumstiefeln. Manchmal ist es ergiebiger, die Stiefel nicht anzuziehen und lieber eine Zeitung zur Hand zu nehmen. Neulich habe ich in einer Reportage der „Süddeutschen Zeitung“ über das Verhältnis der Deutschen zu ihren Zeitungen diesen schönen Satz gefunden: Im Internet lese man „Nachrichten“, in der Zeitung „Geschichten“. So könnte es laufen.

Nach der Lektüre einiger Zeitungsgeschichten bin ich eine gute Stunde durch die Stadt getrabt. Mit Kapuzenjacke, Wollmütze und Jogginglatschen vom Westen durch die Relenbergstraße und die Panoramastraße hinauf in den Norden, bis zum Chinesischen Garten – und mit hängender Zunge noch ein Stück die Birkenwaldstraße hoch. Beim Rückflug ins Tal ein Abstecher zur Stadtbibliothek am Mailänder Platz. Zu diesem Bauwerk führt im sogenannten Europaviertel die Moskauer Straße – womöglich der erste Streckenabschnitt für Steuerflüchtlinge im Windschatten des dicken Rollerfahrers Gérard Depardieu.

Die neue Stadtbibliothek ist inzwischen zugestellt von Konfektionskästen im Investorenformat, und der graue Würfel hat von seiner architektonischen Wirkung eine Menge eingebüßt. In der Nachbarschaft stößt der Stadtläufer auf die bekannten Pariser Höfe. Dieser läppische Name erinnerte mich am frühen Morgen an einen Kommentar, den ich vor dem Start in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (FAS) gelesen hatte.

Unter der Überschrift „Teufelsspiralen“ befasst sich der Architekturkritiker Dieter Bartetzko mit dem Bauwahn und dem Mietwahnsinn in deutschen Städten. Immobilienentwickler versprächen „Neues Wohnen in der Stadt“. Tatsächlich, so der Autor, „wachsen in den Innenbezirken von München, Stuttgart, Frankfurt, Hamburg, Lübeck, Leipzig, Hannover oder Berlin Wohnquartiere wie die sprichwörtlichen Pilze aus dem Boden. Doch mit dem Wohnungsbedarf und den fehlenden Sozialwohnungen haben diese so viel zu tun wie ein Flamingo mit einem Huhn – was entsteht, sind Luxusquartiere, deren Mieten und Kaufpreise das Monatseinkommen oder die Rücklagen der sogenannten Mittelschicht um ein Vielfaches übertreffen.“

Davon erzählen uns die Baukräne im Kessel, etwa in der Tübinger Straße oder am Bahnhof, zu schweigen von den Immobilienprojekten im Zuge von S 21. Das ist eine böse Geschichte. Bekanntlich hat die LBBW im vergangenen Jahr für einen Milliardenbetrag zigtausend Wohnungen an die Augsburger Patrizia AG verscherbelt, obwohl die Stadt Stuttgart dagegenhielt. Die grün-rote Landesregierung hat den verhängnisvollen Deal abgenickt.

Der Ministerpräsident hat Wichtigeres zu tun, als sich um die elementaren Voraussetzungen des Lebens zu kümmern. Zum Jahresbeginn hat Kretschmann neuerlich seine populistische Forderung nach einem „Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen“ herumposaunt. Schön wäre, der selbsternannte „Landesvater“ würde uns die Details seines politischen Ablenkungsmanövers erörtern, sobald er mit dem neuen OB auf dem Wasen die nächste Bierzelt-Orgie für junge Partymenschen eröffnet.

Leider kann man in Bierzelten nur vorübergehend wohnen. Am Nordbahnhof organisieren deshalb die „Mieterinitiative LBBW-Patrizia“ und die „Stadtteilgruppe Nordlichter“ eine Mieterversammlung, die Freitag, 18. Januar (18 Uhr), in der Martinskirche stattfindet. Auf dem Flyer zu der Veranstaltung heißt es: „Dem Stadtteil Stuttgart-Nord (Nordbahnhofviertel) droht nach dem Verkauf der Eisenbahnerwohnungen an die Patrizia AG und durch die Großbaustelle S 21 eine Stadtzerstörung“, die ihresgleichen suche. „Die sozialen Strukturen werden durch Mietervertreibung dramatisch verändert.“ Es geht um drastische Mieterhöhungen.

Auch die Stuttgarter Neubauviertel, wie in anderen Städten großspurig „Höfe“ oder „Quartier“ genannt, werden in den Teufelsspiralen gewinnsüchtiger Wohnungspolitik hochgezogen. Bezahlbarer Lebensraum geht verloren. Die Luxusarchitektur unserer Tage, schreibt die FAS, neige ästhetisch „zur Armseligkeit“, die Einheitlichkeit der Bauten erinnere „erschütternd an Praktiken der späten DDR“: an austauschbare Dekor-Serien in so unterschiedlichen Städten wie Rostock, Erfurt, Dresden.

Wenn man über Stuttgart sagt, die Stadt sei „gespalten“, durch die Bevölkerung gehe „ein Riss“, dann sind die Ursachen dafür nicht nur der Konflikt um S 21 oder „einen Bahnhof“, wie die Eindimensionalen sagen. Am Montag hat der neue OB Fritz Kuhn sein Amt angetreten. Die urbane Wohnungspolitik ist existenziell bedeutender denn je. Sie könnte bald so viel sozialen Staub aufwirbeln, dass sie den grünen Feinstaub-Experten den Atem nimmt. Ein drohendes Stadtplanungsdesaster verhindert man nicht mit einem schlagzeilenfetten Alkoholverbot auf ohnehin verschandelten Plätzen.

Diese Geschichte wird uns noch beschäftigen. Prosit, ich stiefle weiter.



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