Bauers Depeschen


Montag, 31. Dezember 2012, 1033. Depesche


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FLANEURSALON IM SCHLESINGER

Der erste Flaneursalon im neuen Jahr geht am Dienstag, 19. Februar, im SCHLESINGER über die Bühne. 20 Uhr. Erstmals mit UTA KÖBERNICK und ihrer Band Kritische Begleitung - und mit Dacia Bridges, Zam Helga und Roland Baisch. Karten gibt es in der Kneipe.



SOUNDTRACK DES TAGES



ERINNERUNG

Zum Jahresende geht Stuttgarts Oberbürgermeister aus dem Amt. In Erinnerung bleibt sein Propagandabrief, den er im November 2011 vor der Volksabstimmung über S 21 in die Briefkästen der Bürger werfen ließ. Den Schrieb mit seinem infantilen Gestammel und seiner verlogenen Bebilderung habe ich aufbewahrt. Es handelt sich um eines der perfidesten, primitivesten Machwerke in der Geschichte der Rathauspolitik. Man sollte es, im Namen der Demokratie, nicht vergessen. Auszug:

„Was passiert, wenn Sie am Sonntag ,Ja' sagen, also das Projekt Stuttgart 21 ablehnen?

> Dann geschieht zunächst einmal gar nichts. Und für ,gar nichts' wird das Land mit 1,5 Milliarden Euro (das sind 1.500 Millionen Euro) Schadensersatzzahlungen an die Bahn zur Kasse gebeten. Eine unvorstellbare Summe Geld. Wenn man 100 Euroscheine aufeinander stapelt (Anmerkung: gemeint sind wohl Hunderteuroscheine), ergibt das einen 1.500 Meter hohen Turm. 25-mal so hoch wie der Bahnhofsturm.

> Dann haben wir nichts außer einem maroden Gleisbett, welches nach und nach erneuert werden muss. Das kostet dann weitere 1,3 Milliarden Euro. Diese wahnwitzigen Summen müssen von uns Steuerzahlern aufgebracht werden. An allen Ecken und Kanten wird dann Geld für neue Projekte fehlen.“

Um die „Ecken und Kanten“ des OB auszuleuchten, muss man sich den Text noch einmal vornehmen. In dummdreister Werbesprache meldet sich die Propaganda aus der „Zukunft“ bei den Kindern von morgen:

„Damals gab es auch starke Proteste. Doch hätte die Bahn nicht gebaut, dann hätten wir jetzt keine Wohnungen im Rosenstein. Und die schönen Grünanlagen mit Spielplätzen und Radwegen gäbe es auch nicht."



Im Frühjahr 2010 hatte ich eine kleine Glosse über den OB geschrieben. Schon damals wich der OB jeder Diskussion aus, drückte sich, versteckte sich. Heute noch mal zur Erinnerung:



MIT UND OHNE HUT

Es war kurz vor der Fußballweltmeisterschaft 2010. Die Saison der Stuttgarter Kickers ging zu Ende, es war nicht unsere beste Saison gewesen, und ich hatte wenig Skrupel, das letzte Spiel zu schwänzen.

Es gab Wichtigeres zu tun. Am 31. Mai 2010 feierte Clint Eastwood seinen 80. Geburtstag. Es gab einiges zu klären, und keiner, der sich am Morgen mit Clint Eastwood beschäftigt, kann wissen, ob er am Mittag noch lebt.

In Schwäbisch Gmünd, der paramilitärischen Ausbildungsstätte des Stuttgarter Oberbürgermeisters, wo ich hin und wieder zur Schule ging, gab es einen Filmpalast namens Pali. In diesem Laden, einem schönen Schmuddelkino an der Ecke, liefen nur Western, und ich bin mir sicher, in diesem Haus erstmals Clint Eastwood begegnet zu sein. Vermutlich war es 1969. Clint Eastwood war neununddreißig, ich fünfzehn und deshalb nicht berechtigt, in die wichtigen Filme zu gehen. Sie hießen "Für eine Handvoll Dollar", "Für ein paar Dollar mehr" und "Zwei glorreiche Halunken" („The Good, The Bad and The Ugly“).

Diese Trilogie hat der Italiener Sergio Leone in den sechziger Jahren gedreht. Bald danach war ich in der Lage, eine dünne Zigarre vom linken in den rechten Mundwinkel zu rollen, ohne die Finger zur Hilfe zu nehmen. Diese Technik hat mich etwa zehn Chemiestunden und zwölf Einträge ins Klassenbuch gekostet. Wenn man Clint Eastwoods Zigarren-Technik beherrschte und wie Clint auch mit der Gesichtshaut unter dem Auge zucken konnte, kam man als Junge daher wie ein Mann und durfte Filme anschauen, die erst ab 16 oder 18 freigegeben waren. Der Kinobesitzer nahm das nicht so genau, es gab bei uns sowieso nicht viele glorreiche Halunken, die Clint-Eastwood-Filme sehen wollten.

Hätte sich unser Oberbürgermeister, er ist nur fünf Jahre älter als ich, in Schwäbisch Gmünd Clint Eastwoods Filme angeschaut, hätte er heute etwas Ehre im Leib. Lieber hat er sich für die örtliche Kirchenmusik stark gemacht – was nicht verwerflich wäre, hätte er nicht auf diese Art versucht, sich bei Gott einzuschleimen. Er wusste: Eines Tages werde ich für ein paar Milliarden Dollar mehr eine Kathedrale zerstören, den Paul-Bonatz-Bau.

Es waren große Stunden im Pali, als Clint Eastwood zwischen den Fronten von Korruption und Geldgier ritt, um für Gerechtigkeit zu sorgen. Der Mann hat damals so gut wie nie geredet. Seine Kanonen sagten genug, und sein Gesicht sprach Bände. Sein Regisseur Leone sagte, Clint Eastwood beherrsche auf eine einzigartige Weise zwei Gesichtsausdrücke: einen mit, einen ohne Hut.

Es gibt Menschen, die sehen mit Hut so vielsagend aus wie ohne Hut. Zu ihnen zählt Stuttgarts Oberbürgermeister. 2010 hatte er seit Jahren nichts gesagt, nur hin und wieder aus der Deckung heraus seine Gegner beleidigt. Als Clint Eastwood achtzig wurde, wollte ich meiner Stadt ins Gesicht sehen. Ich durchwühlte das Zeitungsarchiv, konnte aber nicht viel finden über die Arbeit des Oberbürgermeisters.

Kurz zuvor hatte er im ehemaligen Schlachthof das Schweinemuseum eröffnet. Dieser historische Auftritt ist dank seiner Begabung als Redner in Erinnerung geblieben. Weithin sichtbar hatte der Oberbürgermeister den Namen seines Gastgebers im Schweinemuesum vom Zettel abgelesen, allerdings falsch.

Ein depressives Grunzen im Publikum vernimmt man nicht nur bei seinen Staatsreden im Schweinemuseum. Als er bei einer Festivität auf der Baustelle der neuen Library hinter dem Bahnhof auftrat, sprach er erregt vom "Spatenstich". Ein Sonnenstich kann's nicht gewesen sein. Es war kalt und Richtfest.

Wenn ich im Pali saß, hat Clint Eastwood oft lange kein Wort gesagt. Dann ist ein Mann umgefallen. Dieser Mann war tot. Später, als ich in Stuttgart war und der Oberbürgermeister zurück aus Schwäbisch Gmünd, hat der Oberbürgermeister oft eine Stunde lang geredet. In dieser Zeit sind tausend Männer und Frauen umgefallen. Sie waren eingeschlafen.

Den Kern seiner Redekunst führte uns der Oberbürgermeister ebenfalls im Sommer 2010 vor. Es war ein harter, heißer Sommer. Der amtierende Oberbürgermeister überreichte der amtierenden "Miss America" in Stuttgart einen Bildband und machte, ohne es zu ahnen, ausnahmsweise mal alles richtig. Jedes Foto aus einer Klick-Klack-Kamera sagt mehr als eine Ansprache des Oberbürgermeisters. Egal, welcher Geisterbahnschreiber des Rathauses die verbalen Plattschüsse verbrochen hat.

Meine Damen und Herren, glauben Sie bloß nicht, es habe keine Bedeutung, wenn ein Politiker nichts sagt, dessen Saison zu Ende geht.

Wenn sich ein Riss durch die Stadt zieht, hat das mit der Unfähigkeit der Politiker zu tun, den Menschen im richtigen Moment etwas Richtiges zu sagen. Schweigen verstört. Schweigen provoziert.

Für die große Kunst, etwas zu sagen, ohne zu reden, braucht man ein Gesicht. Das weiß jeder gute Hut, und jetzt wissen Sie, warum dem Oberbürgermeister keiner steht.



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