Bauers Depeschen


Samstag, 08. Dezember 2012, 1023. Depesche


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FLANEURSALON LIVE

Der erste Flaneursalon im neuen Jahr geht am Dienstag, 19. Februar, im SCHLESINGER über die Bühne. 20 Uhr. Erstmals mit UTA KÖBERNICK und ihrer Band Kritische Begleitung, und mit Dacia Bridges, Zam Helga und Roland Baisch. Karten ab 17. Dezember in der Kneipe.



STUTTGART 21 siehe Depesche vom 7. Dezember.



SOUNDTRACK DES TAGES



Zur Erinnerung:



ACHTER DEZEMBER

Es hatte wohl heftig geschneit in Stuttgart, als David Chapman in New York City John Lennon erschoss. So genau kann ich mich nicht erinnern. Wer schon kann sich an 1980 erinnern. Es war damals nichts los in der Stadt. Aus Verzweiflung hatte man gerade die Disco Perkin's Park eröffnet.

Am Morgen des 9. Dezember klingelte mein orangefarbenes Telefon. Das Telefon hatte eine lange Schnur, damit es auch die beiden anderen Typen in ihren Zimmern meiner WG benutzen konnten. An diesem Morgen stand das Telefon neben meiner Matratze. Ein Bettgestell hatte ich nicht. Man konnte nie wissen, ob es nicht besser wäre, die Matratze zu schnappen und die Wohnung zu wechseln.

Am Telefon war ein Bekannter, den ich nicht leiden konnte. Einer dieser Spießer, die all die Jahre die Beatles gehört hatten, nie die Rolling Stones, nie King Crimson, die Ramones. Er war einer, der Jimmy mit zwei m und y schrieb, wenn er seinen Senf zu allem geben musste. Der Typ am Telefon sagte, man habe John Lennon erschossen und er eine Menge dazu zu sagen.

Es wäre gelogen, würde ich behaupten, ich sei schlagartig hellwach gewesen. 1980 war man morgens selten wach und schlagartig nur, wenn der Gerichtsvollzieher vor der Tür stand, weil die Herren Mitbewohner ihre Rechnungen nicht bezahlt hatten. Oder wenn die Polizei kam und sagte, der Vermieter habe einen Terroristen gesehen. Der Vermieter war nachtragend, er vermisste Adolf Hitler.

Manchmal schaute ich morgens gespannt vor der Haustür nach, ob mein alter orangefarbener BMW 2002 auf dem Parkplatz stand. Manchmal klaute mir einer der Herren Mitbewohner nachts den Schlüssel aus der Hosentasche und fuhr mit meinem orangefarbenen BMW Damen spazieren.

Die Sache mit John Lennon war ein Schock. Eine Niederlage. Es waren bis dahin schon viele Rockstars zu früh gestorben. In der Regel aber bei einem Motorrad- oder Autounfall, bei einem Flugzeug- oder Drogenabsturz. Man hatte hin und wieder auch läuten hören, ein Rockstar habe jemanden umgebracht, so wie Sid Vicious seine Freundin Nancy. Dass ein Durchgeknallter einen Rockstar vor seiner Haustür erschoss, war neu und deprimierend. Gerade erst waren die siebziger Jahre mit ihren Kriegs- und Terrorismus-Toten zu Ende gegangen.

Mein erster Gedanke nach John Lennons Tod war, moralisch gesehen, eine Katastrophe. Warum, dachte ich, hat es ausgerechnet ihn erwischt? Und nicht einen der anderen?

Lennon war der Gute, nicht irgendein "Ex-Beatle", wie ihn die Deppen nannten. Er war der Beatles-Extra-Mann, die Super-Solo-Sonderausgabe der sechziger und siebziger Jahre. Lennon war sogar für Frauen. Der Pop-Schriftsteller Nick Cohn nannte ihn den "instinktiven Poeten des Proletariats", und 1980 gab es genügend Provinzler wie mich, die Gänsehaut bekamen, wenn in der Kneipe "Power To The People" lief.

1980 gab es in Stuttgart zu wenig Kneipen, wo wir uns über Lennons Zeile "Alle Macht dem Volk" hätte unterhalten können. Deshalb ist nichts daraus geworden.

Es existierten keine Live-Clubs. Zwar hatten Jimi Hendrix, die Rolling Stones und die anderen in der Stadt gespielt. Aber die Biotope fehlten, die Nasszellen der Rock'n'Roller.

1980 war weit weg von den Aufbruchszeiten, von den Pop-Experimenten, die ich nicht mitbekommen hatte, weil ich zu jung gewesen war. Auch der Punk schien 1980 längst ausverkauft. Die flirrige, von Größenwahn geprägte Börsen- und Kunstmarkt-Epoche brach an, und am 8. Dezember 1980 fiel der Erzengel John Lennon. Als wäre seine Zeit vorbei gewesen. Biologisch, intellektuell.

Merkwürdig. Ich dachte, John Lennon wäre unsterblich. Einer, der den Helden der arbeitenden Klasse besang, konnte man nicht einfach auf der Straße erschießen. Er war ein Rock'n'Roll-Genie. Und er hatte alles getan, um sich bei seinem globalen Paarlauf mit Yoko Ono über ein Menschenleben hinaus als Lebenskonzeptkünstler selbst vorzuführen.

Womöglich aber war dieses politisierte Pop-Art-Unternehmen John Lennon bei weitem nicht so läppisch, wie mancher bis heute denkt. Immerhin hatte der kriminelle US-Präsident Nixon John Lennon offiziell zum Staatsfeind ernannt, weil er mit großem Engagement die amerikanische Bürgerrechtsbewegung unterstützte.

Wenn ich ehrlich bin (ehrlich ist ein verlogenes Wort), hatte ich 1980 nichts begriffen von den Dingen, die Jimi Hendrix, John Lennon und die andern längst erledigt hatten. Und ich war sehr aufgeregt, als mir einmal in der Mausefalle, einem kleinen Club auf Zeit in der Tübinger Straße, John Lennons Freund, der legendäre Bassist und Grafiker Klaus Voormann aus Hamburg, begegnete. Der wusste viel.

Immer noch bin ich dabei, mir ein Bild zu machen von allem, was ich früher falsch eingeschätzt und nicht erkannt habe. Anders wäre es nicht möglich, die Dinge zu begreifen, die heute laufen.

Wenn man John Lennons Beatles-Song "Strawberry Fields" hörte, war etwas Seltsames zu spüren. Nicht umsonst trug auch eine LSD-Version diesen Namen. Entsprechend seltsam war es für mich später in den Achtzigern, vor der kleinen Gedenkstätte namens Strawberry Fields in Manhattan zu stehen, drum herum das viel zu große New York.

Erst viele Jahre später habe ich wieder angefangen, Platten zu kaufen, CDs und auch Vinyl. Irgendwann waren zwei Scheiben von John Lennon/Yoko Ono darunter, ich hatte die Songs zuvor nur teilweise oder überhaupt nicht gekannt. Es sind gute Songs. Und im Zeitungsarchiv fand ich im Dezember 2010 den Artikel, den ich dreißig Jahre zuvor hatte tippen müssen, gleich nach dem Katergespräch an meinem orangefarbenen Telefon. Der Schlusssatz lautete: "Der Rock'n'Roll hat einen guten Mann verloren."

Strawberry Fields forever.



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