Bauers Depeschen


Mittwoch, 21. November 2012, 1013. Depesche


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TERMIN

Die 150. Montagsdemo am 26. November am Hauptbahnhof. 18 Uhr. Mit Christine Prayon, Volker Lösch, Egon Hopfenzitz u. a.  



LIEBE HOMEPAGE-GÄSTE,

im Moment mache ich Pause, mich hat die handelsübliche Bronchitis erwischt, sodass ich besser zu Hause bleibe und die Klappe halte. Nach dem doch recht schönen Flaneursalon am vergangenen Sonntag im Theaterhaus und der bevorstehenden Intim-Version am kommenden Montag in der (leider ausgebuchten) Uhu-Bar schreibe ich gerade keine Kolumnen. Ich darf auf den Flaneursalon am Sonntag, 2. Dezember (19.30 Uhr), im Weilimdorfer WEIHNACHTSTIPI hinweisen. Eric Gauthier & Jens-Peter Abele sind dabei, Dacia Bridges & Gabriel Holz – und nachträglich habe ich noch unseren eleganten Entertainer Roland Baisch in die Pflicht genommen.

Angesichts der bevorstehenden Premiere im Weltweihnachtscircus am Donnerstag, 6. Dezember, auf dem Cannstatter Wasen habe ich als Lektüre für heute eine kleine Erinnerung an das jährliche Manegen-Ereignis ausgesucht; der Text ist auch in meinem neuen Buch zu finden. Der WWC bietet für mein Gefühl die stimmungsvollste Show der Stadt, ich kann nur empfehlen, sich Karten via MUSIC CIRCUS zu besorgen.



SOUNDTRACK DES TAGES



IM CIRCUS

Als Fumagalli und Daris Huesca in den Ring stiegen und sich gegenseitig auf die Birne schlugen, war Heiligabend in der Stadt. Heiliger geht nicht, mehr Wunder gibt es nicht.

Weihnachten ist in Stuttgart, wenn der Weltweihnachtscircus auf dem Wasen spielt und die Boxer die Handschuhe an den Füßen tragen. Bei der Premiere war es kalt und nass in der Stadt, und im Neckar haben sich die Sterne gespiegelt. Glauben Sie wirklich, ich hätte nachgeschaut, ob sich im Neckar Sterne spiegeln? Der Himmel war schwarz und unsichtbar, wie ihn Gott der Stadt zugewiesen hat, und ich habe mir ausgemalt, wie alles glitzert. Der Schnee und der Neckar im Mondlicht und die Zuckerwatte im Scheinwerferlicht.

Wer von der Neckarbrücke hinunterschaut auf das Zirkuszelt, begreift, warum das Leben mehr zu bieten hat als das, was wir Tatsachen nennen. Tatsache ist, dass die Zirkusshow mit einer Nummer beginnt, die nach menschlichem Ermessen gefährlicher ist als ein Flug zum Mond.

„Der Mond ist jetzt ein Ami“, hat „Bild“ nach der ersten Landung geschrieben. Das war Boulevard-Poesie, weltpolitische Propaganda, nichts wert gegen diese Meldung des Jahres 2010: Acht Motorradfahrer rasen wie außerirdische Hornissen in einer aufgeschlitzten Stahlkugel herum, der Tod jagt sie in mörderischem Tempo, aber er kriegt sie nicht. Wie zum Spott nennen sich die Männer The Globe of Death. Die Todeskugel. Der Himmel schütze diese Rocker. Gottes Hells Angels.

Aus dem Weltweihnachtscircus könnte ich viel erzählen, von der Szene mit dem kleinen Hund, der aus dem Nichts in der Manege auftaucht, sich wie auf Ecstasy in ein Vertikalseil verbeißt und sich vermutlich fühlt, als umkreise er die Erde. Irgendein Zirkusgenie muss sehr lange die Tücke des Objekts studiert und das Objekt in einen Hund verwandelt haben. Mein Sitznachbar hat sich fast totgelacht.

Ich will aber nicht so viel verraten, ich würde die Weihnachtscircus-Überraschungen kaputt machen, sie sind so gewaltig, wie ich sie selten erlebt habe. Sie dürfen mir alles glauben, hochverehrtes Publikum. Im Weltweihnachtscircus lernt man alles über die Wahrheit. Warum Könner in der Manege mit viel zu langen Unterhosen würdevoller daherkommen als Pfeifen im Landtag in Maßanzügen.

Wem der Zirkus zu aufregend, zu halsbrecherisch erscheint, der sollte sich wenigstens einmal ins Vorzelt schleichen und einen Lungenzug nehmen. Seine Pupillen werden sich weiten, seine Nasenlöcher beben.

Und es genügt ein glasiger Blick ins Programmheft, um den Rest zu verstehen: „Ein guter Clown“, heißt es da, „ist mehr als eine Figur, die Späße macht und sich spaßig gibt, aber gar nicht humorvoll ist.“

Etwas Ähnliches hat Tucholsky gesagt: Die meisten Witze haben mit Humor nichts zu tun. Humor, glaube ich, haben auch die Motorradmänner in der Eisenkugel. Sie nehmen ihr Leben und unsere Angst auf die Schippe und führen den Tod an der Nase herum.

Es gibt auch Tiere im Zirkus, sie sehen nicht aus, als hätte sie je einer am Nasenring herumgeführt. Ein Wüstenschiff verliert nicht einmal am Neckar seine Würde. Das unterscheidet das Kamel vom Fußballspieler.

Schluss für heute, im Namen der Weltdirektion darf ich Ihnen noch ausrichten: Der Weltweihnachtscircus ist ein sensationeller revolutionärer Weltkongress. Nordkorea tanzt. Die Clowns boxen.



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