Bauers Depeschen


Samstag, 10. November 2012, 1008. Depesche


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NOTSTAND: Stuttgarter Kickers - Preußen Münster 0:2



AUS AKTUELLER NOTWENDIGKEIT habe ich unten auf der Depeschen-Seite unter der Rubrik "Friendly Fire" diese Seite auf Dauer verlinkt:

BLICK NACH RECHTS



KUNDGEBUNG - EUROPÄISCHER AKTIONSTAG

Mittwoch, 14. November 2012, 17.30 Uhr, Stuttgarter Schlossplatz:

Europäischer Aktionstag / Generalstreik.

"Unser Rettungsschirm heißt Solidarität" – Kundgebung zur Krise und den Generalstreiks in Spanien, Portugal und Griechenland.

Zum ersten Mal in der Geschichte der EU gibt es - koordiniert in drei Ländern - Generalstreiks am selben Tag. Der Europäische Gewerkschaftsbund ruft auf zum Europäischen Aktions- und Solidaritätstag. Siehe:

BRIEF AN FRAU MERKEL



SOUNDTRACK DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



KERNSEIFE

Als ich neulich wieder mal gefragt wurde, ob ich als Stadtspaziergänger einen „Lieblingsplatz“ hätte, sagte ich: Nordbahnhof. Kaum hatte ich den Mund zugemacht, dachte ich: Falsch! Der Nordbahnhof ist ein schöner Ausflugsort mit einer urbanen Backsteinhauskulisse, wie man sie nicht oft (und womöglich nicht mehr lange) findet in der Stadt. Mein wahrer Lieblingsplatz aber ist die Altstadt, das Leonhardsviertel. Ein Verweilort, für den Alltag gemacht, zentral gelegen, ein Startplatz zum Herumgehen, Tratschen, Nichtstun.

Auf dem Weg vom Charlottenplatz ins Leonhardsviertel kurz zum Seifen-Lenz in der Esslinger Straße, Bohnenviertel. Nicht ganz neu der Laden, 1785 als Seifensiederei gegründet. Bin mir nicht sicher, ob ich Kernseife brauche, für alle Fälle habe ich mir welche geholt beim Lenz. Sie riecht nach Leben und Altstadt, wo es früher außer Seifensiedern auch Scherenschleifer und Kesselflicker gab. Und Typen, die man als solche beschimpfte. Die Kesselflicker von heute nennen sich Stadtplaner.

Das Leonhardsviertel beginnt nach der Pfarrstraße, wo mal das Pfarrhaus der Leonhardskirche stand. Die Leute haben vergessen, dass die Altstadt im Herzen der Stadt liegt. Das Herz hat man zersägt. Statt einer Lebensader haben wir eine Verkehrskrampfader: die Hauptstätter Straße, eine weithin bekannte Schande des Städtebaus.

Es ist, wie es ist. Im Gustav-Siegle-Haus, gerade hundert Jahre alt geworden, hat am Abend der Bix-Jazzclub geöffnet, die Bühne im Erdgeschoss, die Bar im ersten Stock. Bevor die Subkultur des Rotlichtmilieus, dieser eigene Planet mit seiner eigenen Sprache, vor die Hunde ging, hätte man in diesem mondänen Laden einen Gangster mit Gentleman-Manieren vermutet. Einen Boss im Maßanzug, wie im Film.

Ein Rest gesunder Banditen-Luft lässt sich heute etwas weiter südlich atmen, in Peter „Oskar“ Müllers Uhu-Bar im Erdgeschoss des traditionsreichen Bordells, Leonhardstraße. Hinter dem Sieglehaus der Brunnenwirt mit seinem legendären Imbiss an der Straße und seiner reellen Hausmannskost im Innern der Wirtschaft. Nebenan das Plattencafé Ratzer, wo es außer CDs und Vinyl-Scheiben auch Kaffee und Kuchen gibt. Ganz in der Nähe die Kiste, der kleine Live-Laden für große Talente.

Es wäre ein Kinderspiel, im Leonhardsviertel einen erregenden Rundkurs für Stadtläufer anzulegen. Gegenüber vom Uhu die gehobene Küche der Weinstube Fröhlich, um die Ecke Heinrich Huths Jakobstube für leicht Angezählte. In diesem Barockhaus, Jakobstraße 6, wurde 1807 der Dichter, Historiker, Philosoph und protestantische Theologe Wilhelm Zimmermann geboren. Er wurde ein großer radikaldemokratischer Politiker. Vermutlich deshalb findet man am Geburtshaus keinen Hinweis auf den großen Sohn der Stadt.

Benachbarte Häuser, dem Puffmilieu zugeordnet, gehören dem Politiker Paul Eckert, 55, Bezirksbeirat, Mitglied der CDU und der Synode der Evangelischen Landeskirche. Von dem Juristen Eckert erzählt man sich seit langem Geschichten im Viertel, sie haben mich nie interessiert. Auch fromme Politiker brauchen ihr Auskommen. Es schützt sie vor Korruption, wenn ihre Immobilien beim Geschäft mit dem Hurenelend etwas Geld abwerfen.

Der Skandal im Viertel ist ein anderer. Seit Jahrzehnten schauen ignorante Politiker zu, wie das Quartier mit seiner historischen Substanz verkommt. Auch Eckerts Häuser sind in einem miesen Zustand, heruntergewirtschaftet ohne Rücksicht auf die schützenswerte Architektur.

Im Gemeinderat gibt es seit geraumer Zeit einen sogenannten Unterausschuss, er soll sich mit dem Leonhardsviertel beschäftigen. Vergiss es. Das Rathaus verschleudert Milliarden Steuergelder im Unterirdischen. Wenn erst mal kolonnenweise Bauarbeiter in die Stadt kommen, werden die Puff-Immobilien in der Altstadt auch ohne Investitionen aufgewertet.

Die läppischen zweieinhalb Millionen, die das Rathaus 1997 für die Sanierung des Quartiers zur Verfügung stellte, durften nicht in Rotlichthäuser gesteckt werden. Sonst hätte sich vielleicht auch Herr Eckert ein paar Cent abgeholt. Die Stadt hat eigene Häuser an Zuhälter verscherbelt, bevor sie auf die Idee kam, Bordelle aufzukaufen. Das ist Politik, und sie riecht nach Schmierseife.

Es wäre kein stadtplanerisches Kunststück, das Leonhardsviertel als Lebensraum mit gutem Mix aufzuwerten: mit dem Rotlicht einschlägiger Bars und den Scheinwerfern origineller Clubs und Läden.

Keine Chance. Die große Kohle wird ­anderswo gemacht. Warten wir, bis irgendwann, nach dem großen Abriss, Investoren ihre Art Quartier hinstellen und es „Leonhardshöfe“ nennen.

Luxuriös, zentrale Lage, versteht sich.



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