Bauers Depeschen


Dienstag, 30. Oktober 2012, 1002. Depesche


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DIE NÄCHSTE STN-KOLUMNE steht hier am Donnerstag um Mitternacht.



TIPP

An diesem Mitwoch, 31. Oktober (20 Uhr), gastiert die Sängerin Uta Köbernick samt Kritischer Begleitung (Bandname) in der Rosenau - im Februar 2013 wird sie in einem Flaneursalon dabei sein.

NACHTRAG: War ein intelligenter Abend.



Es gibt noch Karten - nicht mehr viele:

FLANEURSALON IM THEATERHAUS

Unser Flaneursalon zur Premiere meines neuen Buchs findet am Sonntag, 18. November, im THEATERHAUS statt. Wer das Programm noch nicht kennt: Auf die Bühne gehen Vincent Klink & Patrick Bebelaar, Los Santos (mit Stefan Hiss), Dacia Bridges, Toba Borke & Pheel und Roland Baisch. Beginn 19.30 Uhr. Kartentelefon: 07 11 / 4020 720.

Siehe auch:

DIE KUNST DES MÜSSIGGANGS



KOMMENTARE SCHREIBEN IM LESERSALON



NOTIZ

Seltsam. In der Nacht zum Dienstag waren fast tausend Menschen auf dieser Seite ...



SOUNDTRACK DES TAGES

(Große Klasse)



Die aktuelle StN-Kolumne:



WARMES WASSER AUF DEN MÜHLEN

Es war der erste Tag der Winterzeit und schon etwas dunkel, als ich mit der Straßenbahn durch den Oktoberschnee nach Berg fuhr. Mehr als tausendmal bin ich nach Berg gefahren, aber kaum einmal weiter­gekommen als bis ins Freiluftbecken des gleichnamigen Mineralbads. Lange dachte ich, damit sei meine Mission in diesem öst­lichen Teil der Stadt erfüllt, und wie so oft war das Denken der falsche Schrittmacher für den Spaziergänger.

An diesem Oktobertag blieb ich in Berg an Land, ließ die Badeanstalt rechts liegen und ging die Karl-Schurz-Straße entlang. Von Karl Schurz hatte ich schon früher gehört. 1829 in der Nähe von Köln geboren, studierte er Philologie und Geschichte, schloss sich 1848 der badischen Revolution an und wanderte 1852 in die USA aus. In Amerika wurde der Lincoln-Anhänger General und als erster Deutscher Mitglied des Senats der Vereinigten Staaten; 1906 starb er in New York.

Es muss früher mutige Leute in Stuttgarts rotem Osten gegeben haben. Nach dem Revolutionär Karl Schurz hat man die Berger Straße 1937, in der Nazi-Diktatur, benannt. Eine Weile ging ich herum, landete am Rand des Parks der Villa Berg, hörte die Fans beim Spiel zwischen dem VfB und der Frankfurter Eintracht singen, sah hinauf zur Berger Kirche. Ich las auf einem Gedenkstein die Namen Gotthilf, Caroline, Anna und Albert Kuhn, alle geboren und gestorben im 19. Jahrhundert. Erinnerung an die einst weltberühmte ­Maschinenbaufabrik Kuhn.

Ich bog in die Klotzstraße ein, entdeckte am Hauseingang Nummer 28 einen Zettel mit der Drohung des Zweiten Deutschen Fernsehens, in diesen Tagen in der Gegend Szenen für eine Folge der Krimi­serie „Soko Stuttgart“ zu drehen. Diese Art Filme musst du erst mal aushalten.

In gute Laune versetzte mich die ­Inschrift am Nachbargebäude: „Gott schütze dieses Haus / Vor Not und Feuer / Vor Stadtplanung / Und vor der Steuer.“

Gefährlicher als Feuer, Not und Steuer ist heute bekanntlich die Stuttgarter Stadt­planung. Gegen sie gibt es keinen Gott und keinen Katastrophenschutz, und mit dem gerade ­auffallend geräuschlos wieder­gewählten Baubürgermeister, mit dessen merkwürdigen Gewohnheitsrechten und seiner Willfährigkeit im Investorenmilieu müssen wir wohl leben, bis es brennt.

Ich landete Am Mühlkanal, und ich kann mich nicht erinnern, jemals zuvor die Staffeln durch diese einzigartige Dorflandschaft hinunter gestiefelt zu sein. Man kommt sich vor wie auf der Alb. Bis zum Zweiten Weltkrieg hatte hier die Große Mühle aus dem frühen 17. Jahrhundert gestanden. Die Mühlräder drehten sich auch im Winter, weil sie – welcher Luxus – mit warmem ­Mineral­wasser aus einer Quelle in der Nähe an­getrieben wurden.

Bald ist man aus der historischen Dorflandschaft heraus und landet in einem Neubau­gebiet mit seltsamen weißen, der Bauhaus-Architektur nachempfundenen Wohn­kästen. Verwehte Deutschlandfahnen hingen aus den Fenstern, ich hörte den Beat von Techno-Musik und sah einen Trupp Jungs. Trotz der Kälte trugen sie am Oberkörper nur kurzärmelige T-Shirts, und mich beschlich das Gefühl, mit meiner Mütze der falsche Mann am falschen Ort zu sein.

Rasch ging ich zurück zur Bahn, und als ich an der Haltestelle wartete, griff ich zum Taschentelefon. Eine Unsitte, schlimmer, als sich wie früher eine Zigarette anzuzünden. Wie’s der Teufel will, las ich am Ende meiner Ost-Visite: Der SPD-Politiker Schmiedel, zeit seines Lebens von jedem roten Windhauch un­berührt geblieben, schlägt wieder die Propagandatrommel. Großspurig und aggressiv warnte er den zum Oberbürgermeister gewählten Fritz Kuhn, „den Mund nicht zu voll zu nehmen“.

Der Grüne hatte zuvor nichts anderes getan, als an einen im Gemeinderat beschlossenen Bürgerentscheid zu erinnern, falls die Kosten für Stuttgart 21 den legalen Rahmen sprengten. Prompt wurde Kuhns Satz den Leuten als „Drohung“ unter­gejubelt, und bei solcher Schindluderei darf Schmiedel, der Ludwigsburger Weinfest-Fürst vom Stamme der Sozen, nicht fehlen. Erstaunlich, wie sich einer in großstädtischen An­gelegenheiten aufzuspielen traut als Provinz-Lobbyist der Finanzwirtschaft. ­Bekanntlich ist seine Partei in der Wählergunst so tief gesunken wie noch nie in diesem Land, auch nicht in deren Hauptstadt, wo der Osten mal schön war und rot.

Demnächst wird der Demokrat Schmiedel noch die Leute davor warnen, ihm zu drohen, sie gingen wählen.



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