Bauers Depeschen


Dienstag, 16. Oktober 2012, 995. Depesche


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SOUNDTRACK DES TAGES



HEUTE bitte Albrecht Müllers Beitrag über Stuttgarts OB-Wahl auf den NACHDENKSEITEN

beachten - siehe auch Link ganz unten auf der Depeschenseite ...



KLEINER SALON BEI RATZER

Am Samstag, 20. Oktober, gibt es wieder die "Stuttgart-Nacht" - die Bus-Ralley für Event-Süchtige. Eine der Stationen ist das ehrenwerte Plattencafé Ratzer Records im Leonhardsviertel (neben dem unersetzlichen Brunnenwirt). Und weil das ein schöner Ort ist, machen wir dort den kleinstmöglichen Flaneursalon, nämlich eine Lieder- und Geschichtenshow zu zweit: der große Sänger/Songschreiber Zam Helga und unsereins.



FLANEURSALON & BUCHPREMIERE

MIT VINCENT KLINK & CO IM THEATERHAUS

Am Sonntag, 18. November, stelle ich im THEATERHAUS mit einem stattlichen Flaneursalon mein neues Buch vor (siehe Cover rechts). Bühnengäste: Vincent Klink & Patrick Bebelaar, Los Santos (mit Stefan Hiss), Dacia Bridges, Toba Borke & Pheel, Roland Baisch. 19.30 Uhr.

Kartentelefon: 07 11 / 4020 720.



Die aktuelle StN-Kolumne:



IM DORF AM ENDE DER STADT

Es ist nicht geklärt, ob man Farben riechen kann, ob ein rotes Haus andere Gerüche verbreitet als ein blaues, wenn der Putz schon alt ist. Die Farben des Herbstes kann der Spaziergänger riechen. Rund um das Casa Pompa in Botnang duftet es erdig-braun und feucht. Die ersten Ausdünstungen des ­nahenden Winterschlafs.

Bei der Endhaltestelle der Straßenbahnlinie 2 Richtung Westen steht das ehemalige Pumpwerk, Botnangs erste zentrale Wasserversorgungsstelle aus dem Jahr 1902. Ein kaminroter Backsteinbau, nicht denkmal­geschützt, aber gut fürs Auge. Im Haus die Kneipe Casa Pompa, an der Außenfront als italienisches Eis-Café ausgewiesen. Die Küche bietet eine Art multikultureller Mega-Eintopf. Vom schwäbischen Rost­braten über griechischen Bauernsalat bis zur italienischen Pizza stehen so viele Gerichte auf der Karte, wie sie nur ein universeller Koch auf Erden zu­bereiten könnte.

Im Innern schlägt einem sehr altes Kneipenparfüm entgegen. Die Kellnerin sagt, seit Jahrzehnten sei das Haus nicht renoviert worden. Bald ist das Lokal dicht. Der Pachtvertrag mit der griechischen ­Familie Pasoglou läuft noch bis zum März 2013, die Wirts­leute bekommen nach zehn Jahren keine Verlängerung mehr, werden deshalb im ­November ausziehen. Im Winter, sagt der Chef, sei sowieso nichts verdient.

Das Casa Pompa ist ein origineller Gruß aus der Vergangenheit, ein ländliches ­­An­wesen am Ende der Stadt. Oleanderbüsche und Ahornbäume vor dem Haus, wilde ­Rosen klettern die Backsteinwand hoch, der Garten mit den Holzmöbeln riecht noch nach Sommer. Einer dieser alten Kaugummiautomaten mit den bunten, ­süßen Kugeln für Kinder steht im Garten; wer zwanzig Cent einwirft und am Griff dreht, wird mit einem Freundschaftsbändchen belohnt. Hinterm Haus fließt der berühmte Buberlesbach, staut sich zu einem algengrünen Tümpel. In naher Ferne meckern die Ziegen der Botnanger Jugendfarm.

Als ich die Gegend erkunde, wird es schon dunkel. Wenn es dunkel wird, riecht es bereits kräftig nach Herbst, auf dem Dorf. Eine Stadt wie Stuttgart braucht ihre Dorfplätze, bevor sie vollends ihr Gesicht verliert und in der Austauschbarkeit endet.

Das ausgediente Pumpwerk in der Kauffmannstraße ­– benannt nach dem Lehrer und Komponisten Ernst Friedrich Kauffmann – ist im Besitz der Stadt. Es soll erhalten werden, auch als Gasthaus, sagt mir ein Mann vom Liegenschaftsamt. Die Frage ist wie immer, ob das Rathaus Steuergeld dafür bewilligt. Das Gebäude müsste saniert werden. Alles ist offen. Ein Unding, würde das Pumphaus als Kneipe im Grünen von der Botnanger Bildfläche verschwinden.

Viele vertraute Orte verschwinden in der Stadt. Zurück in den vorderen Westen. Das Café Kipp an der Ecke Schwabstraße/Rote­bühlplatz ist seit einiger Zeit geschlossen. Ein Zettel an der Tür: Geschäftsaufgabe. Das riesige Eckhaus mit dem Café und ­anderen Geschäften wird abgerissen.

Seltsam. Cafés der alten Sorte, die Sonntagnachmittagsnischen mit ihrem steifen, biederen Ambiente, galten in meinen frühen Jahren als Wahrzeichen der Kleinbürgerlichkeit. Eines Tages sind sie weg, und man vermisst sie. Kipp stand für Kaffee und Kuchen, und diese K-Sache gehörte – Rock’n’Roll hin oder her – eine Weile zum Leben wie die Eckkneipe.

Auch die Eckkneipe hat ausgedient. Ihre Zeit ist vorbei. Neulich kam die Nachricht, die Bar Libero, Olgastraße 137, müsse schließen. Spätestens im April des kommenden Jahres ist Feierabend. Das komplette Haus wird ­umgebaut für neue Geschäfte. Der Libero wurde 1993 eröffnet, zuvor hatte dort kurze Zeit eine andere Bar die Lebenskünstler der Stadt angezogen. Doch war die Wirtin mit der Kunst des Kneipengeschäfts überfordert. Dann kam der Libero, wurde ein wildvitaler Platz für Straßenprofis, Fußballfreaks und das Leben nach Punk. An der Wand über der Pissrinne des ­Männerklos sind Kopfstützen installiert, gedacht nicht nur für die Auseinandersetzung mit dem eigenen Geschlecht. Im Libero bietet ein Mann der Welt die Stirn, solange er noch stehen kann.

Es hilft kein Jammern und kein Klagen. Man muss hellhörig und trotzig bleiben, wenn die Pumpwerke des urbanen Lebens nach und nach abgestellt und durch Kommerzkästen ersetzt werden. Manche Straßen riechen, als wohnte in den Häusern keiner mehr, als hätte man die Leute nur bis zum nächsten Umzug untergebracht.



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