Bauers Depeschen


Dienstag, 28. August 2012, 967. Depesche


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NACHTRAG: Arminia Bielefeld - Stuttgarter Kickers 1:0



TAGEBUCHEINTRAG

Was soll ich machen.



GOTTVERDAMMTE SOFAKARTOFFEN:

DER FLANEURSALON MACHT'S LIVE!

Einstein sagt: Würden sich zehn (10) Prozent meiner täglichen Homepage-Gäste eine (1) Eintrittskarte zu zwöf (12) Euro für unseren nächsten Flaneursalon besorgen, wären wir aus dem Schneider. Unglücklicherweise denken hundert Prozent: Die zehn Prozent werden sich schon melden, da braucht man nicht ausgerechnet mich. Trotzdem: Wir sind am Dienstag, 25. September, im Speakeasy, Rotebühlplatz 11. Mit dem Rapper Toba Borke und seinem Beatboxer Pheel, mit Zam Helga, Dacia & Bridges & Friend. 20.30 Uhr. Vorverkauf Di - Sa im Plattencafé Ratzer im Leonhardsviertel (neben dem Burunnenwirt) - und im Internet: EVENTBÜRO



SOUNDTRACK DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



BOHRTÜRME

Es wäre nicht richtig, das ganze Unglück des Lebens auf Weilimdorf zu schieben. In Weilimdorf aber fing alles an. Am schönen Löwen-Markt hat es mich erwischt.

Ich erinnere mich an einen Sonntagsausflug mit der Stadtbahn. Es war August und heiß. Erstaunlich, was der Weilimdorfer Löwen-Markt zu bieten hat. Fach­geschäfte für Bettwäsche und Südfrüchte, Büros für Mediatoren und Unternehmens­berater, Läden für Friseure und andere Metzger.

Auf dem Platz steht ein seltsamer Stahlturm, eine Art Big Ben für Vorstadt-Touristen. Ich weiß nicht, ob er für die Turmuhr errichtet wurde oder eher für das riesige Reklameschild einer Bank darunter.

Von Weilimdorf aus erreicht der Tourist bequem Schloss Solitude und auf direktem Weg Hedelfingen. Wer nie mit der Bahn von Weilimdorf durch die Wildnis zur Endstation Hedelfingen gereist ist, unterschätzt Stuttgarts Ruf als Dorf von Welt.

Kaum zu Hause, legte mich der Weilimdorfer Virus flach wie einen baufälligen Ausflugsturm. Als ich erwachte, war die ganze Stadt tapeziert. Der Kampf um den OB-Posten hatte begonnen. Nach Weilimdorfer Vorbild gilt es, am Marktplatz einen Bohrturm für Banker, Spekulanten und Baulöwen zu installieren. Die Wahl findet am 7. Oktober statt, nicht zufällig während des Volksfests auf dem Wasen. Wir müssen damit rechnen, dass sich der Kirmesrausch auf die restliche Stadt ausdehnt. Die Konterfeis der Kandidaten ­haben die Straßen bereits in Geisterbahnen verwandelt, einige Herrschaften drehen standesgemäß das Riesenrad und reichen nicht nur den geistig Armen Zuckerwatte­. Soll sich keiner wundern, wenn in Wahlkampfrunden gut vorgeglühte Claqueure auf den Tischen tanzen, „Ausziehen!“ johlen und das schöne Lied von den „Zehn nackten Friseusen“ grölen.

Damit bin ich bei der Sendung „Sie wünschen – wir spielen“. Der junge, talentierte SÖS-Kandidat Hannes Rockenbauch geht mit einem blitzsauberen Reim auf die Achterbahn: „Hannes Kannes“. Die politisch Linke hat musikalisch ja seit jeher ein Faible für traditions­reiche Folklore. Rockenbauchs Obama-Variante („Yes, we can“) erinnert mich an ein ergreifendes Lied des österreichischen Wortkünstlers Fred Rauch: „Ja, mancher lernt’s nie / Dös fahr’n mit de Schi / Aber mei’ Hans, der kann’s.“

Hals- und Beinbruch. Ein OB-Wahlkampf ist für einen Unbetuchten ja nichts anderes als eine Schussfahrt auf Glatteis.

Die OB-Kandidaten arbeiten auf ihren Plakaten mit bestechender Offenheit. Im Kampf um den Stuttgarter Rathaussessel hat sich der Grüne Fritz Kuhn zu einem tapferen politischen Geständnis durch­gerungen und damit auch privat die Hosen runtergelassen: „Mir geht’s um Stuttgart.“ So präzise hat es noch keiner gesagt.

Ähnlich aussagestark stiefelt der CDU-Mann Sebastian Turner zum politischen Kirmesboxen, wenn er nicht gerade wie die Feuerwehr zum Händeschütteln an eine Brandstelle eilt. Als er neulich in dieser Mission wie Phönix aus der Asche in Heumaden auftauchte, tuschelten die braven Leute: Biedermann ist Brandstifter.

Bekanntlich nennt sich der CDU-Bürger parteilos. Damit ist er als neoliberaler Statthalter etwa so neutral und unabhängig wie unsereins als vereinsloser Hooligan der Stuttgarter ­Kickers („Lieber tot als rot“).

Turners Slogan klebt wie Lebkuchen­poesie: „Ein Bürger als Oberbürgermeister“. Dank seiner beigefügten Teig-Bilder im Stil des sozialistischen Realismus appelliere ich an meinen Bäcker: Eine Brezel als Oberbrezelmeister!

Hungrig beißt der Internetkomiker Schroeder O’ban zu: „Laugenpack“.

Aus Paritätsgründen müsste ich heute noch was zur SPD-Frau Bettina Wilhelm sagen. Auf einem ihrer Plakate steht: „Damit Mama und Papa die Schule aus­suchen. Und nicht der Geldbeutel.“ Bereits wieder auf der Flucht nach Weilimdorf, habe ich meinen Geldbeutel gefragt, wie er die Sache sieht. Er hat gesagt: „In deinem Fall würde auch der Geldbeutel nichts helfen.“ „Okay“, habe ich geantwortet, „dumm wie Brot ist auch die Brezel.“



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