Bauers Depeschen


Samstag, 07. Juli 2012, 943. Depesche


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NOTIZEN

- Der nächste Flaneursalon ist am Dienstag, 25. September, im Club Speakeasy, Rotebühlplatz 11. Mit Toba Borke & Pheel, Zam Helga, Dacia Bridges & Alex Scholpp.

Ich hatte ein paar Tage Pause, beginne wieder mit der Kolumnen-Arbeit in der zweiten Juli-Woche - bitte etwas Geduld mit neuen Depeschen.

SOUNDTRACK DES TAGES

 

Neulich traf ich einen Fußballspieler, der nicht den Klischees entspricht, und diese Woche ist in den StN dieses Interview dazu erschienen:



Der ehemalige Bundesliga-Profi und heutige Restaurant-Chef Michael Zeyer über die Zeit nach der Fußballkarriere:

APPLAUS IST

VERGÄNGLICH WIE DAS LEBEN



Michael Zeyer, 1968 in Nereseheim auf der Ostalb geboren, bestritt als Fußballprofi bis 2005 mehr als 500 Spiele in der ersten und zweiten Liga. Er spielte u. a. für den SC Freiburg, den MSV Duisburg und den VfB Stuttgart (1998/88). Der studierte Betriebswirt, Zwillingsbruder des Ex-Fußballers Andreas Zeyer, lebt und arbeitet in Stuttgart. Vor einem Jahr hat er in der Bolzstraße das Restaurant 5 eröffnet.

Von Joe Bauer



Frage (F): Herr Zeyer, was geht Ihnen als Ex-Profi durch den Kopf, wenn Sie an die vergangene EM denken?

Michael Zeyer (MZ): Ich hatte am Fernseher ein gutes Gefühl, es spielte ein wenig Selbstironie bei mir mit. Die geniale Kurzpasstechnik der Spanier erinnerte mich an den SC Freiburg der neunziger Jahre. Wir hatten ein Team mit vielen Mittelfeldspielern und kaum echten Stürmern. Wir haben uns die Bälle auf kurze Distanz zugespielt, sie „durchgesteckt“, wie man heute sagt, und man nannte uns die „Breisgau-Brasilianer“. Die Spanier haben eine andere Perfektion, das ist eine andere Dimension, aber auch wir waren mit unserer Kurzpass-Philosophie relativ erfolgreich.

F: Hat diese Spielweise Ihr damaliger Trainer Volker Finke gelehrt?

MZ: Eigentlich ging es von den Spielern aus, wir waren Typen, die Spaß mit dieser Art Fußball hatten. Unser Trainer hat es zu­gelassen und gefördert. Später hatte ich Trainer, die sagten: Wenn du noch einmal einen Kurzpass spielst, wechsle ich dich aus.

F: Sie haben Ihre Karriere 2005 beendet. Wie schwer ist es als Profi, an ein neues Leben ohne Fußball zu denken?

MZ: Ich habe bis 35 gespielt. Mit 33 hatte ich gemerkt, dass es eng wird mit Verträgen. Man spürt, dass die Manager denken: Jetzt ist er alt, er hat die Form nicht mehr. In dieser Zeit habe ich mir bei einem Pokalspiel mit dem MSV Duisburg gegen den VfL Wolfsburg den Fuß gebrochen. Ich hatte Schmerzen, war aber zweckoptimistisch und ging erst am Tag danach ins Krankenhaus.

F: Hatten Sie Angst, nach der Karriere in ein Loch zu fallen?

MZ: Angst wäre nicht das richtige Wort. Ich hatte ja nicht nur Fußball gespielt. Zwar war für mich und meinen Zwillingsbruder Andreas schon in der Kindheit klar, dass wir Fußballspieler werden würden, wir zogen das gemeinsam durch, Andreas war in der ersten Liga etwas erfolgreicher als ich. Unsere Eltern allerdings haben eine Stahlbaufirma in Neresheim. Also haben wir später entschieden, dass Andy Maschinenbauingenieur wird und die technische Seite abdeckt und ich Betriebswirtschaft studiere, um das Kaufmännische zu übernehmen.

F: Gab es einen Bruderkonflikt?

MZ: Im Gegenteil. Jeder hat mitgelitten, wenn es dem anderen nicht gutging.

F: Ihr Studium haben Sie beide neben dem

Fußball durchgezogen. Ist das kein Handicap für die sportliche Karriere?

MZ: Es ist nicht typisch, aber möglich. Das Wort Profi steht für Professionalität. Du musst ein Leben führen, das deinem Sport zu hundert Prozent gerecht wird. Du musst auf deinen Körper achten und entsprechend arbeiten. Das schließt – so wenig wie in anderen Jobs – nicht die Beschäftigung mit Dingen aus, die einen neben dem Beruf interessieren.

F: Geht es in einem Fußballerleben nicht eher um die Erfüllung von Star-Klischees, um

Statussymbole wie Autos?

MZ: Statussymbole spielen eine sehr große Rolle, keine Frage. In meiner Generation waren es tatsächlich Autos, Mercedes und Porsche, hinzu kam die Mode. Ich hatte zu diesen Dingen keinen Bezug, mich interessierte das nicht, ich habe oft überhaupt kein Auto besessen, weil ich keins brauchte.

F: Wird man mit dieser Haltung nicht zum Außenseiter?

MZ: Das kann passieren. Wer nicht typisch lebt, nicht den üblichen Erwartungen entspricht, hat das Problem, dass er mehr Leistung bringen muss als andere, um respektiert zu werden. Diese Situation ist nicht einfach.

F: Thema Außenseiter: Der SC Freiburg galt früher als eine Art alternativer Club. Hat in Ihrem Team schon das Thema „schwule Fußballer“ eine Rolle gespielt?

MZ: Nein, darüber hat man in den Neunzigern nicht gesprochen. Inzwischen bin ich überzeugt, dass es nur noch kurze Zeit dauern wird, bis sich der erste schwule Spieler bekennt. Ich hoffe, dass einer den Mut findet. Dann werden ihm andere folgen.

F: Was ist die wahre Motivation für Leistung?

MZ: Das ist unterschiedlich. Es gibt definitiv Spieler, die nur für Geld spielen. Diese Spieler haben nicht unbedingt das Gefühl, sie hätten die Pflicht, für viel Geld viel Leistung zu bringen . . .

F: . . . als Außenstehender kann man sich das schwer vorstellen. Gab es in Ihrer Zeit tatsächlich faule Spieler?

MZ: Ja. Es gab welche, die machten Dienst nach Vorschrift und lebten auch sonst nicht wie Profis, sie waren oft die halbe Nacht unterwegs. Andere dagegen wollten unbedingt ­jedes Trainingsspiel gewinnen.

F: Hat Berufsauffassung im Fußball etwas mit Intelligenz zu tun?

MZ: Nicht unbedingt. Es ist eine Persönlichkeitsfrage. Einem intelligenten Spieler traut man eher zu, die Problematik rational zu sehen. Aber es gibt keine Regel. Ich kannte Profis, die hatten übermäßiges Talent, aber keine Lust, sich zu bewegen. Solche Spieler machen nach ihrer Karriere keinen Sport mehr, außer Golf. Oft werden sie dick, ihnen fehlte seit jeher der Bewegungsdrang.

F: Als Ihre Karriere zu Ende war, was haben Sie da gemacht?

MZ: Erst einmal eine Reise, ein Jahr lang. Ich war in Russland, in Spanien, in Südafrika. In Spanien und Russland habe ich Sprachen gelernt, und ich habe gelernt, dass andere Kulturen anders funktionieren, dass wir zu engstirnig denken, wenn wir immer von unseren Tugenden ausgehen. Auch andere Lebensstile ermöglichen große Leistungen. Nur in Südafrika habe ich es mir geleistet, mal nichts zu tun. Mir etwas zu gönnen.

F: Hatten Sie dabei ein schlechtes Gewissen?

MZ: Ja, manchmal. Mit einer schwäbischen Erziehung fühlt man sich verpflichtet, dauernd etwas zu leisten.

F: Was bringt Leistung außer Geld?

MZ: Anerkennung. Das war mein wichtigster Antrieb als Fußballer: Man sucht und findet Anerkennung, Respekt.

F: Ist Applaus ein Rausch?

MZ: Wer sich rational damit beschäftigt, weiß: Applaus ist vergänglich, so wie das Leben vergänglich ist. Mir war klar, dass ich zwei Monate nach meiner Karriere so gut wie vergessen sein würde. Die sogenannten Freunde aus der Profizeit sind schnell weg, und dann geht es um die Freunde, die bleiben. Da habe ich heute so viele wie andere Menschen, die etwas Glück haben – nämlich vier, fünf.

F: Eigentlich wollten Sie im Fußballgeschäft bleiben.

MZ: Ja, aber nie Trainer werden. Ich hatte mein BWL-Studium, war noch ein Jahr in St. Petersburg, habe meinen Master gemacht und meine russische Freundin kennengelernt. Ich habe noch vier Monate bei Hertha BSC Berlin ein Praktikum absolviert, beim ­Manager Dieter Hoeneß. Mein Berufsziel heißt nach wie vor Manager. Ich glaube, dass ich analytisch denken und eine Mannschaft zusammenstellen kann. Allerdings habe ich gemerkt, dass bei Bewerbungen nicht die Ausbildung und fachliche Kenntnisse zählen, sondern das Netzwerk, die Kontakte.

F: Hatten Sie je finanzielle Ängste?

MZ: Nein. Von Ende der Neunziger an, als ich auch ein Jahr beim VfB spielte, habe ich ganz gut verdient. Allerdings war klar, dass ich in meinem Leben noch etwas arbeiten muss. Und selbst wenn das Finanzielle geregelt wäre, beschäftigt einen die Frage: Was machst du morgen? Man darf nicht vergessen: Als Fußballer hat man ein strukturiertes Leben, fixe Stundenpläne, man hat einen Trainer, der sagt, was man zu tun hat. Das ist irgendwann vorbei. Damit kommen viele nicht zurecht. Ich habe mir alternativ zum Fußball etwas Unternehmerisches überlegt, etwas, das mit meinen Reiseerfahrungen zu tun hat. So kam ich auf das Kulinarische. Ich dachte an einen Ort für fünf Sinne, für verschiedene Bedürfnisse: Bar, Club, gutes Essen. Ich hätte auch in der Firma der Eltern arbeiten können, bin aber überzeugt: Ein Familienbetrieb kann nur von einem Kopf geführt werden, und der ist mein Bruder.

F: Vermissen Sie heute nicht das Publikum, das Stadion als Bühne?

MZ: Ich war nach meiner Karriere eher erleichtert, ich war sogar glücklich, weil ich sagen konnte: Endlich kann ich machen, was ich will. Das ist die größte Herausforderung meines bisherigen Lebens, ich bin mein eigener Herr. Ich war kein großer Star und hatte auch schlechte Zeiten. Heute denke ich: Unter Fußballern gibt es ein Ex-Phänomen. Viele führen ein Leben als „Ex“, sie leben in der Vergangenheit. Ich denke, es ist kein gutes Leben, ständig nur als Ex-Weltmeister, als Ex-Nationalspieler, als Ex-Star wahrgenommen zu werden – wenn man es nicht schafft, nach der Fußballkarriere noch mal durchzustarten wie Franz Beckenbauer.



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