Bauers Depeschen


Sonntag, 08. April 2012, 887. Depesche



HEUTE DIE DOPPEL-DEPESCHE: BLAUE NACHT, GRASS



SOUNDTRACK DES TAGES



TEIL I: SPIELBERICHT

Ein Autohaus, eine Garage, ist auch nur eine Dichter-Werkstatt, wenn es der Ruhr-Satiriker Fritz Eckenga heimsucht. Nicht übertrieben zu behaupten, unsere BLAUE NACHT, die kleine, weiträumig angelegte Hommage an den Fußballfan und andere Patienten des Lebens, war eine, äh, runde Sache. Gute Stimmung. In der mit blauem Blut gestalteten Kulisse eines Fußballvereins namens Stuttgarter Kickers hatten wir am Karsamstagabend eine Menge Spaß, die leicht überfüllte Werkstattbühne der Subaru-Filiale Albrecht & Deffner am Stuttgarter Olgaeck ist ein feiner Platz. Fritz, der Dortmunder Titelanwärter, ist ein Meister der Lyriker. Er bewegt sich wie viele Satiriker im Dunstkreis des Berliner Verlegers Klaus Bittermann (Edition Tiamat), der am kommenden Samstag in der Hauptstadt seinen 60. Geburtstag und das 33-jährige Bestehen seines gigantischen Kleinverlags feiert (bei den Festlichkeiten hat auch unsereins die Ehre, etwas vorzutragen).

Unterstützt und geradezu bullenhaft eingebettet wurden wir am Samstag von Roland Baisch und seinem Gitarristen Frank Wekenmann. Je älter Herr Baisch wird, desto leidenschaftlicher und mitreißender singt er Country. Und weil er auch ein Vollblutkomiker ist, ergibt sich eine wunderbare Song-Mischung aus Balladen und Comedy-Liedern. Entgegen meiner lange währenden Skepsis lässt sich auch mit dem Kernthema Fußball, sofern man es als Metapher ernst nimmt, ein kurzweiliges, ein alles andere als monokulturelles Programm zusammenbasteln.

Hinterher war ich froh, die Sache gemacht zu haben, er war mein erstes Treffen mit Fritz Eckenga - der sich nebenbei einen Abstecher zu seinem Künstlerfreund Vincent Klink gönnte. Das Publikum, darunter etliche Kickers-Fans (einige Spieler und Marketing-Mann Jens Zimmermann, keine Funktionäre), reagierte ziemlich begeistert; es ist nicht weit von der Gesalbheit eines Oliver Kahn zur Selbstsegnung eines Joachim Gauck.

Unsereins fühlte sich als lesender Zusammenrührer zwischen den Herren Eckenga und Baisch sauwohl, und hinterher war klar: Die Blaue Nacht wird nicht unser einziges Zusammenspiel bleiben. Habe bereits eine Einladung nach Dortmund, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis Fritz der Große, dieser pointierte Dichter und Bühnenmensch, wieder nach Stuttgart kommt. So ist das kleine Netzwerk des Flaneursalons gelegentlich ganz nützlich. Schützt unsere Nischen, in dieser okkupierten Stadt!

Damit ich - mangels neutraler Berichterstatter - die Klappe nicht zu weit aufreiße, kommen wir jetzt zum Osterwetter, oder um es mit Herrn Eckenga zu sagen: „Trotzdem – Kompliment, Mond. Du hast schon schlechter ausgesehen.“



FLANEURSALON LIVE

Der nächste Flaneursalon findet am Mittwoch, 9. Mai, im historischen Wirtshaussaal der Friedenau in der ehemaligen Arbeiterkolonie Stuttgart-Ostheim statt. Es spielen Stefan Hiss, Roland Baisch, Anja Binder & Jens-Peter Abele. 20 Uhr. Karten: 07 11 / 2 62 69 24. - Und am Sonntag, 24. Juni, steigt unser großes Hafen-Picknick am Stuttgarter Neckarufer. Siehe Depesche vom 4. April.



TEIL II: GAST-BEITRAG VON BERNHARD UBBENHORST

Der Autor arbeitet und lebt als freier Journalist in Stuttgart



PASSION, GRASS

Karfreitag. Passionszeit. Es regnet. Fußball spielen und Tanzen sind verboten. Bei anderen Sachen, die Spaß machen, bin ich mir nicht so sicher. Mit etwas schlechtem Gewissen trinke ich mein "Gräbelesbier". Aber auch nach dem Dritten wird meine vorösterliche Stimmung kein bisschen besser. Im Fernsehen überbieten sich die Programme mit blutrünstigen Reportagen über das Leiden Christi, mit langweiligem Bibel-Dokukram und auch die Nachrichten verheißen nichts Gutes. Die Spritpreise steigen, die Hühner legen mal wieder Dioxin-Eier und GÜNTER GRASS schrieb mal wieder ein Gedicht.

Ausgerechnet Günter Grass. Die Schmierfinken aus den Feuilletonabteilungen haben es mit ihm nicht leicht. Ein Literatur-Nobelpreisträger ist ja nicht irgendwer. Jahre, wenn nicht schon Jahrzehnte lang, drängen sie ihn immer wieder, er möge mal Schluss machen mit der mittelmäßigen Plattfisch-Zeichnerei und Stellung beziehen! Zu diesem und jenem, zu seiner NS-Vergangenheit und, und, und ... Stellung beziehen! Das sei die verdammte Pflicht einer intellektuellen Geistesgröße in Deutschland. Schließlich gibt's davon ja nicht so viele. Tja, das haben sie nun davon: Er schrieb ein Gedicht. Ein Gedicht, wie ich selten eines las. Dem Medienbeauftragten und Literatur-Papst vom VfB Stuttgart, Gerd Mäuser, ist es vermutlich auch gleich aufgefallen: echt krass. Ein Gedicht, bei dem sich ja so gar nix reimt und auf das sich niemand einen Reim machen kann.

Hätten die Blattmacher nicht dazu geschrieben, dass es ein Gedicht sei und das Ganze einfach unter die Leserbriefe gemischt - unterzeichnet von G. Grass, Lübeck -, wäre es im allgemeinen Empörungs- und Verschwörungsgeschwurbel des Blätterwaldes untergegangen, und keine Sau hätte sich darum geschert. Stattdessen blockiert dieses Gedicht nun die Gedanken genervter Zeitungsleser, die sich verzweifelt bemühen, die Nadel ihres Kompasses für politische Korrektheit zum Stillstand zu bringen. Was genau wollen uns diese Zeilen sagen? Was will der große Günter Grass uns damit sagen?

Er selbst erklärt dazu auch am Karfreitag im Fernsehen nicht viel. Er werde falsch verstanden und interpretiert und er sehe eine Kampagne gegen seine Person und überhaupt, der Tenor: Das wird man ja wohl noch sagen dürfen. Und heute, nach dem ganzen Theater, würde er das Gedicht ja auch gänzlich anders schreiben. Fragt sich nur, wie.

Vielleicht ja so:

Hopp, hopp, hopp - Atomraketen stopp!

Oder so:

Deutsche Waffen, deutsches Geld - morden mit in aller Welt!

Oder vielleicht so:

Ob Moslem, Jude oder Christ - jeder baut mal Mist.

Letzteres gilt auch für Günter Grass.

Also: Warum lässt man den alten Mann nicht in Ruhe?

Ich bitte um Antworten!



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