Bauers Depeschen


Samstag, 28. Januar 2012, 855. Depesche



NÄCHSTER FLANEURSALON ...

... am Dienstag, 28. Februar (20 Uhr), im Schlesinger - mit Stefan Hiss, Dacia Bridges, Toba Borke & Pheel. Karten nur im Lokal. Telefon: 07 11/29 65 15.



NOTIZ

S 21, Occupy oder Rettet den Protest! - Gute Gedanken zum Museumseifer in der FAZ



SOUNDTRACK DES TAGES



Die STN-KOLUMNE von diesem Samstag:



IM KUCKUCKSNEST

Es ging alles schief an diesem Tag, als ich am Ufer des Buberlesbachs stand und nicht einmal wusste, dass er Buberlesbach hieß. Diese Sache liegt ein paar Tage zurück, und ich erinnere mich nur ungenau an meinen Spaziergang durch Botnang. Meine Notizen über den Tag am Buberlesbach habe ich verloren, zum Glück weiß ich noch, wie mir an diesem Sonntagmorgen auf der Straße, in der Nähe der weltberühmten Brezel-Bäckerei Klinsmann, Alfred zurief, ich solle in sein Haus kommen, auf eine Tasse Kaffee.

Alfred hatte mich durchs Fenster gesehen, und seine Einladung nahm ich dankend an, ich war nicht gut zu Fuß an diesem Tag. Der Arzt hatte gesagt, über meinen Pobacken, direkt über der Kimme, liege meine körpereigene Müllhalde für deformierte Muskeln. Offenbar hatte ich reichlich deformierte Muskeln und der liebe Gott die Müllhalde angezündet. So fühlte sich das an.

Ich war an diesem kalten Sonntag mit der Straßenbahn nach Botnang gereist und an der Endhaltestelle, vor der Jugendfarm, ausgestiegen. Beim Herumgehen muss ich ausgesehen haben wie einer, den man gerade aus dem Buberlesbach gefischt hat. Wohl deshalb hat mir Alfred zugerufen.

Mit meinem Taschentelefon fand ich heraus, dass das Botnanger Wort Buberle von der Buche abgeleitet ist. Vermutlich konnten die Botnanger früher kein CH aussprechen, deshalb nannten sie die Buche einfach Bube, und weil sie keine große Bube hatten, Buberle.

Die Botnanger sind schlau. Um ihre CH-Schwäche zu deckeln, haben sie sich als Wappentier keine Lerche, keinen Specht oder einen ähnlichen Vogel ausgesucht. Bis heute huldigen sie dem Kuckuck. Der Kuckuck ist eine klare CK-Sache, und er singt gut. Ganz Botnang ist musikalisch.

Wenn man in Gedanken über das Kuckucksnest fliegt und am Boden die Straßenschilder liest, kommt man sich vor wie im Orchestergraben. Schubertstraße, Händelstraße, Regerstraße, Furtwänglerstraße, Schumannstraße, Verdistraße, Donizettistraße. Das ist große Buberles-Oper.

Alfred, der einen guten Kaffee serviert, ist seit 1946 in Botnang zu Hause, nahezu sein ganzes Leben lang. Er kann einem erzählen, warum es bei Westwind bis in die sechziger Jahre hinein höllisch gestunken hat an der Stelle, wo ich aus der Bahn gestiegen bin. Da war der Sau-Eberle noch gut im Geschäft, der alte Schweinezüchter.

Botnang ist ein betörender Ort. Es gibt noch einige Wirtschaften mit deutschem Namen. Die Linde, die Traube oder das Rössle, das Elternhaus des bis heute weithin bekannten Bauunternehmers Gustav Epple. Leider haben sie das Hotel Hirsch dichtgemacht. Womöglich ein Kuckuck-Problem. Das Haus wird demnächst abgerissen, es war Botnangs einzige Herberge. Das ist nicht gut für den Buberlesbach-Tourismus, weil es außer dem Buberlesbach in einiger Entfernung vom Botnanger Zentrum auch den Buberlesweiher gibt, im berühmten Rot- und Schwarzwildpark. Nach diesem Ausflug in den Dschungel käme ein Bett im Hirsch nicht ungelegen.

Wie gesagt, meine Reise liegt eine Weile zurück, und meine Notizen sind verschwunden. Doch weiß ich noch genau, wie ich gerade die Eltinger Steige in Angriff nahm, als ich die Müllhalde im Kreuz zu spüren begann. Über die Eltinger Steige gelangt man zur Kirchhalde, genannt Millionenhügel, eine feine Westadresse in bester Stuttgarter Halbhöhenlage.

Einige Zeit ist vergangen. Den Schrott über meiner Kimme hat der Doktor weggespritzt, und ich habe begonnen, meine muskulären Angelegenheiten im Fitness-Raum zu regeln. Obwohl körperlich nicht entscheidend jünger als Alfred und kein so guter Sportsmann, neige ich wie alle Veteranen dazu, Bäume auszureißen, sobald ich aufrecht stehen kann. Es wäre anständiger, in Botnang vor Freude ein paar Buberle auszureißen, als reihenweise jahrhundertealte Bäume zu fällen, so wie es die Bulldozer-Typen von der Bahn und ihre Helfer aus der Politik im Schlossgarten tun.

Was wissen diese Kerle schon von der Stadt. Bevor ich nach Hause ging, hat Alfred ein Buch neben meine Kaffeetasse gelegt. Es ist 1994 erschienen, berichtet vom Alltag in Botnang, handelt von anständigen Menschen und trägt den Titel „Aufwiegler, Rebellen, brave Buben“.

Männer und Buben vom Buberlesbach, wir brauchen euch, so wahr wie mich der Muskelmüll gelehrt hat, was ein mir lange schleierhafter Fluch bedeutet:

Am Arsch hängt der Hammer.



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