Bauers Depeschen


Donnerstag, 12. Januar 2012, 847. Depesche



Eine merkwürdige Stadt,

wo eine Armee von Polizisten

im Auftrag der grünen Umweltpartei

die Zerstörung der Stadt

durch Spekulanten

gegen die Bürger verteidigt.

Und nicht umgekehrt.



Karten nur im Lokal:

FLANEURSALON IM SCHLESINGER

Unser Abend am 21. Januar im Markt am Vogelsang (Bauernmarkthalle) ist ausverkauft. Der nächste Flaneursalon findet am Dienstag, 28. Februar (20 Uhr), im SCHLESINGER statt - mit Stefan Hiss, Dacia Bridges, Tobias Borke. Schöne Kneipen-Atmosphäre mit Möglichkeit zum Essen. Einlass deshalb 18 Uhr. KARTEN gibt es im Lokal (Tel 07 11 / 29 65 15).



NOTIZ

Am Mittwochabend hat die Zeitung "einundzwanzig" im Stuttgarter Gewerkschaftshaus eine Podiumsveranstaltung zum Thema "Pressefreiheit" veranstaltet, u. a. mit dem Stuttgart-21-Gegner Walter Sittler, mit Anwälten und Journalisten. Der große Saal des Hauses war überraschend voll. Unsereins hat als Gastredner am Ende der Podiumsrunde über den Zeitungsstreik im vergangenen Sommer berichtet, bewusst etwas polemisch. Da ich danach verschiedentlich nach meinem Text gefragt wurde: Man findet ihn auf RAILOMOTIVE



Die aktuelle StN-Kolumne von diesem Donnerstag

mit dem speziellen SOUNDTRACK DES TAGES



WENN DER ESEL SINGT

Die Straßenbahn roch nach Orange, sah aber nicht so gut aus, wie sie roch. Ein Unbekannter hatte die Schalen unter dem Sitz verstreut. Wahrscheinlich ein Anarchist. Der Duft schien die Passagiere im Wagen betäubt zu haben, keiner sagte ein Wort, ich saß im Express des Schweigens. Nur ganz hinten bemühte sich einer, den Erkältungsmüll in seinem Körper so laut wie möglich die Speiseröhre und die Nase hochzuziehen. Es war ein finsterer Januartag.

Als ich am Schlossplatz ankam, lag ein Bettlerhut auf der Straße. Einige Meter weiter blies der Straßenmusiker mit dem angeketteten Papagei auf dem Kopf und dem Schellenring am Bein sein Horn. Der Papageienmann ist bei den Stuttgartern, die in der Stadt verkehren, bekannter als der Oberbürgermeister. Politiker gehen nicht in die Stadt, unter Menschen. Fuhrwerken nur in der Stadt herum, bis die Menschen die Stadt nicht wiedererkennen.

Für den Hut auf dem Schlossplatz fand sich doch noch ein Herr. Es war ein Sänger, er summte bewegungslos und nahezu unhörbar vor sich hin in der Hoffnung auf eine Münze. Ich warf in gewissen Abständen eine Münze in den Hut, nur um zu hören, was der Mann a cappella summte.

Einmal war es „Bus Stop“, ein Hit der Hollies über die Liebesgeschichte an einer Bushaltestelle aus den sechziger Jahren, das andere Mal „Kein schöner Land in dieser Zeit“, ein Volkslied von Anton Wilhelm von Zuccalmaglio aus dem 19. Jahrhundert. Der Bettler beherrschte beide Texte scheinbar mühelos, das ist gut für einen unbekannten Straßensummer.

Kurz darauf fand ich im Ramschkorb des Königsbau-Kiosks ein Buch mit persischen Märchen: „Wenn der Esel singt, tanzt das Kamel“. Leichtfüßig ging ich samt Buch Richtung Bahnhof, als auf meinem Taschentelefon die Nachricht eintraf: „Südflügel-Abriss in der Nacht zum Freitag“. Ich war mir sicher, dass die Meldung stimmte. Wenn sie kommen und dem Bahnhof den Rest geben, muss es Freitag sein. Am Freitag, dem Dreizehnten, verliert die Stadt der Hügel auch ihren zweiten Flügel. Dieser Januartag 2012 wird als schmutziger Freitag in die Stuttgarter Geschichte eingehen, als ein weiteres Kapitel der Barbarei nach dem schwarzen Donnerstag.

Die „Frankfurter Allgemeine“ beschrieb nach der Volksabstimmung „die Kapitulation des Denkmalschutzes“:

„Die Tatsache, dass eines der bedeutendsten Bauwerke der frühen Moderne in Deutschland und Europa und eines der zentralen Monumente Stuttgarts zu einem riesigen Fragment werden wird, ging unter im Lärm der Wortgefechte um Zeitersparnis, Standortvorteile, Streckenoptimierung und Effizienzsteigerung.“

Leute, die für die Zerstörung des Bahnhofs sind, argumentieren nach den Kriterien ihres Geschmacks. Der Bonatzbau sei „hässlich“. Ihr Totschlagargument lautet: „Nazi-Architektur“. Was für eine Heuchelei. Als ob sich diese Leute je um Nazi-Relikte in der Stadt geschert hätten. Bis 2010 hieß das architektonisch bedeutende Gebäude gegenüber dem Hauptbahnhof „Hindenburgbau“. Keiner der S-21-Befürworter, die über die Bonatzarchitektur herziehen, hat sich hörbar über Hitlers Wegbereiter als Namensgeber empört. Dabei steht der Hindenburgbau ausgerechnet in der Nachbarschaft abgelegener Straßen, die man verschämt nach Widerstandskämpfern in der Nazi-Diktatur benannt hat: die Ossietzkystraße, die Geschwister-Scholl-Straße. Erst als man den Namen Hindenburg bereits aus deutschen Kochbüchern getilgt hatte, entfernte man in Stuttgart das Schild, ohne dem Gebäude einen neuen Namen zu geben.

Das Wort „bahnbrechend“ erfährt in diesen Tagen seine wahre Bedeutung: Die Bahn hat das Recht, alle Regeln des Denkmalschutzes zu brechen. Die Historie der Architektur, die Psychologie des Ortes spielen keine Rolle. Menschen, die sich beim Anblick ihres amputierten Stadt-Wahrzeichens verletzt fühlen, die zu ihrem Bahnhof eine emotionale Beziehung aufgebaut haben, verspottet man als „sentimental“, als „nostalgisch“. Als ginge es bei dieser Denkmalverschandelung um eine vergessene Bushaltestelle. Wenn der Südflügel amputiert ist, werden die Bäume im Park dran glauben müssen, angeblich für ein schöner Land. In Wahrheit bleibt uns rücksichtsloser Fassadismus.

Herr Kretschmann in der Villa Reitzenstein schaut zu und schweigt. Nach dem Fall des Flügels und der Bäume wird er, falls noch wach, von der Fabel vom schmutzigen Freitag hören: Wenn die Esel singen, tanzen die Kamele.



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