Bauers Depeschen


Samstag, 19. November 2011, 817. Depesche



ALLEINGANG: KSC II - Stuttgarter Kickers 1:2



SOUNDTRACK DES TAGES

ZUGABE



Die aktuelle StN-Kolumne:



BANANE ODER DEMOKRATIE

Ich bin dumm. Das sage ich, wie ich es meine. Sollten Sie jetzt sagen: Ja und? Das habe ich schon immer gewusst, dann gälte für Sie der Klowand-Spruch: „Wer das liest, ist doof.“ Logisch, oder?

In amerikanischen Städten hat man nach einer Idee der Künstlerin Candy Chang Graffiti-Wände eingerichtet, auf denen – ähnlich wie auf einem Formular – die Zeilen stehen: „Bevor ich sterbe, möchte ich . . .“ Der Passant hat den Freiraum, den angefangenen Satz mit bereit liegender Kreide zu vervollständigen. Beispielsweise: „Bevor ich sterbe, möchte ich Fahrrad fahren lernen.“ „Bevor ich sterbe, möchte ich leben.“ „Bevor ich sterbe, möchte ich eine grobe Leberwurst vom Metzger Kübler essen.“

Ich schätze, man hat diese Wände zur Therapie eingerichtet. Man sollte sie auch bei uns einführen, weil danach die Leute für alle sichtbar mitteilen können: „Bevor ich sterbe, möchte ich zur baden-württembergischen Volksabstimmung gehen.“

Bei uns in Stuttgart gibt es leider noch keine „Bevor ich sterbe“-Mauer. Man dekoriert die Stadt lieber mit dem leeren Versprechen: „Randale statt Demokratie“. Leer deshalb, weil man dahinter ein Fragezeichen gesetzt hat. Dieser Text wirbt für die internationale Bewegung der Stuttgart-21-Befürworter.

Ich habe mir die Sache angesehen, obwohl mich Schriftzeichen am Himmel warnte: „Wer das liest, ist doof.“ Auf dem Plakat sieht man einen Kerl, der sich mit dem Finger an die Stirn tippt, als wäre dort ein Loch, und darunter steht die Erkenntnis: „Wir sind doch nicht blöd.“ Diese Behauptung bedeutet in etwa das Gegenteil von meinem Satz: Ich bin dumm.

Nein, die Formulierungskünstler der Pro-21-Trupps sind nicht blöd. Sonst hätten sie ja nicht den Geistesblitz gehabt, mangels eigener Fantasie den Blöd-Spruch aus der Media-Markt-Werbung zu stehlen.

Einen meiner vielen Beweise dafür, warum ich selbst dumm bin, lieferte mir mein Umgang mit der Volksabstimmung, von der es heißt, sie entscheide über einen Bahnhof, eigentlich aber über das Zockergeld für einen Bahnhof. Als ich das erste Kuvert in dieser Angelegenheit aus dem Briefkasten zog, war ich bereits überfordert. Gewohnt, Gebrauchsanweisungen so gut wie nie zu lesen, blieben meine Augen an den Zeilen hängen, man müsse den Schrieb „ausreichend“ frankiert zurückschicken. Als guter Staatsbürger dizipliniert genug, staatstragende Fragen sofort abzunicken, ehe ich den Hintersinn geistreich gestellter Wortfallen wie „Randale statt Demokratie?“ erahne, klebte ich eine 55-Euro-Cent-Marke auf einen Umschlag.

Dies im Glücksgefühl, die Volksabstimmung randalefrei beeinflussen zu können. Dass sich der Schrieb allein auf das Briefwahlrecht bezogen hatte, klärte sich erst auf Nachfrage. Kleingedrucktes lese ich nicht, weil sich hinter der Demokratie die Idee vom Großen und Ganzen verbirgt, also Herren wie Schuster und Bräuchle.

Inzwischen habe ich allerdings aus einer Umfrage erfahren, dass jeder Sechste im Land nicht begriffen hat, worüber das Volk bei dieser Volksabstimmung überhaupt abstimmen soll. Einfacher gesagt: Jeder Sechste weiß nicht, ob er auf seinem Stimmzettel Ja oder Nein ankreuzen soll. Denn das Rätsel auf dem Stimmzettel, das haben die nicht Blöden nicht erkannt, ist noch komplizierter als die Frage „Banane statt Demokratie?“.

Falls jedoch auf dem Stimmzettel stände, „Sind Sie für Stuttgart 21?“, kann ich den Leuten im Wahllokal nicht einfach den Vogel zeigen und auf den Zettel schreiben: „Ich bin doch nicht blöd.“ Womöglich wäre meine Stimme damit ungültig.

Inzwischen sind Propaganda-Armeen von Tamm bis Tettnang unterwegs, um den Leuten einzutrichtern, dass sie Nein ankreuzen müssen, falls sie Ja meinen, und das erinnert an amerikanische Präsidentenwahlen: Wer das meiste Geld hat, kann die Leute am besten überzeugen, warum in Bananenrepubliken Nein für Ja steht.

Als typische „brown nose“, wie die Amerikaner einen Arschkriecher nennen, sage ich bei Staatsfragen grundsätzlich Ja, wenn ich Nein meine. Ich würde sogar an jede Mauer des Schweigens kritzeln: Bevor ich sterbe, möchte ich Ja zu Nein sagen. Und dann die Leberwurst.



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